Ende einer Horrorstory

Letzte Roma-Familie verlässt umkämpftes Haus am Berliner Ostbahnhof

  • Patrick Volknant
  • Lesedauer: 6 Min.
Grau und jetzt auch leer: Der Plattenbau an Straße der Pariser Kommune 20
Grau und jetzt auch leer: Der Plattenbau an Straße der Pariser Kommune 20

Wo bis vor kurzem noch Kinder zwischen Schrotthaufen auf dem Vorhof spielten, sind die Türen jetzt endgültig vernagelt. Dicke Spannholzplatten blockieren seit Ende November den Zugang zur Straße der Pariser Kommune 20. Die Fenster des grauen Plattenbaus sind eingeworfen, Spuren von Ruß in der obersten Etage weisen auf einen Wohnungsbrand hin. Über 40 Roma-Familien, allesamt aus dem kleinen rumänischen Dorf Fântânele in der Nähe von Bukarest, wohnten zuvor im heruntergekommenen Mehrfamilienhaus nahe des Ostbahnhofs. Die meisten von ihnen lebten seit 2015 in dem Gebäude.

Nachdem nun die letzte Mietpartei das Haus verlassen hat, steht den Neubauplänen der aus Russland stammenden Eigentümerin nichts mehr entgegen. So bald wie möglich soll auf dem Grundstück nahe des Ostbahnhofs ein Wohnkomplex mit Büros und Geschäften entstehen. Ein 3D-Entwurf im Internet wirkt im Vergleich zum momentanen Anblick des Grundstücks, als wäre er einem Paralleluniversum entsprungen. Er zeigt einen modernen, fast vollständig verglasten Bau. Auf Dächern und Balkonen stehen kleine Bäume, Menschen in Businesskleidung unterhalten sich vor einem Modeladen im Erdgeschoss, während ein teurer Wagen an ihnen vorbeifährt. Doch der Eigentümerin wird vorgeworfen, für diese Vision das Leid anderer Menschen bewusst in Kauf genommen zu haben. Um das Bauprojekt in Gang zu bringen, soll sie mit unlauteren Mitteln versucht haben, die Roma-Familien aus ihren Mietverhältnissen und aus ihren Wohnungen zu drängen.

So zumindest sieht es Alexander Rönisch, der als Streetworker in dem Haus tätig war. Im Rahmen eines Projekts des Vereins Romatrial steht er bis heute mit ehemaligen Bewohner*innen in Kontakt. »Es hat Methode, dass gerade Roma in abrissreife Häuser einquartiert werden«, sagt er gegenüber »nd«. Die Menschen hätten meist nur begrenzte Möglichkeiten, sich rechtlich dagegen zu wehren. Vermieter*innen könnten sie so auch leichter loswerden als andere. »Dann werden das fehlende Wissen über Vertragsrecht und die noch nicht so ausgeprägten Deutschkenntnisse ausgenutzt.«

Der Sozialarbeiter erzählt von kurzfristig geänderten Kontodaten, die zu versäumten Mietzahlungen und fristlosen Kündigungen führen sollten, von Kautionen, die vorab kommuniziert, dann aber plötzlich als Provisionen deklariert wurden. Schließlich zahlten Mieter*innen ihre Kaution doppelt, eine schwere Belastung für die Familien. »Juristisch hat sich die Eigentümerin immer im Graubereich bewegt«, sagt Rönisch. Gleichzeitig habe sie Bewohner*innen verklagt, wann immer es möglich war.

Zusätzlich zum Druck durch die Vermieterin hätten die Menschen mit alltäglicher Diskriminierung kämpfen müssen: »Während der Corona-Pandemie hat man den gesamten Block unter Quarantäne gestellt. Das ist normalerweise undenkbar, so etwas erlaubt man sich nur bei Roma.« Von Beginn an habe die Presse immer wieder das Bild eines kriminellen Brennpunkts gezeichnet und so Ressentiments bedient. Ohne jeglichen Anlass sei etwa über Autoschieberei berichtet worden, erzählt Rönisch. »Andere Leute im Haus hat das natürlich verunsichert.« Nachdem 2015 ein betrunkener Nachbar mit einem Luftgewehr auf eines der vor dem Haus spielenden Roma-Kinder geschossen hatte, drehte sich die Spirale weiter. »Wenn dann nicht klargemacht wird, dass man es mit einem Nicht-Roma-Täter zu tun hat, bleibt natürlich hängen, dass Roma aufeinander schießen.«

Als die neue Eigentümerin das Haus 2018 übernahm, drohte die Lage zu eskalieren. Die Roma-Familien mussten fürchten, in die Obdachlosigkeit zu fallen. Neben unterstützenden Organisationen schaltete sich der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ein, um das Schlimmste zu verhindern. Er beauftragte die Mieter*innenberatung Asum mit einem Sozialplanverfahren, dessen Ziel es ist, neue Wohnungen für die Bewohner*innen zu finden und zu vermitteln.

Knut Beyer, Geschäftsführer von Asum, hat trotz seiner gut 30-jährigen Berufserfahrung noch nichts erlebt, was sich mit der Lebenssituation an der Straße der Pariser Kommune vergleichen lässt. Bereits in der DDR soll das Wohnhaus stark vernachlässigt worden sein, im Laufe der Zeit entwickelte sich der Plattenbau zum regelrechten Gefahrenherd. »Das waren eklatante Zustände«, sagt Beyer zu »nd« und beginnt seine Aufzählung: Bereits seit langem habe das marode Dach seinen Zweck nicht mehr erfüllt. Bei Regen geflutete Zimmer seien die Folge gewesen. »Bei Starkregen ist das Wasser regelrecht die Wände heruntergeschossen.« Undichte Wasserleitungen hätten für durchnässte Wände gesorgt, giftiger Schwarzschimmel habe sich ausgebreitet. Zudem soll aus den undichten Leitungen Wasser über Stromkabel geflossen sein – mit gefährlichen Folgen für die Bewohner*innen. »Die Kinder haben vereinzelt Stromschläge bekommen beim Duschen«, sagt Beyer. »Das muss man sich mal vorstellen.«

Heizung und Warmwasser sind nach Angaben des Asum-Geschäftsführers ständig ausgefallen. Hätten die Heizkörper mal funktioniert, dann nur mit halber Kraft. Im Keller des Hauses sei 2021 zu allem Übel der Rückfluss verstopft, über Wochen habe das mit Fäkalien verseuchte Abwasser knöchelhoch gestanden. »Dementsprechend war auch der Geruch, der einem bis ins Treppenhaus entgegen kam«, sagt Beyer. Für die Müllberge vor dem Haus hätten sich die Roma-Familien und die Vermieterin gegenseitig beschuldigt. Ratten vom Nachbargrundstück seien ständige Gäste gewesen, genauso wie das Bauaufsichtsamt, das versucht habe, den Druck auf die Vermieterin zu erhöhen, damit die Mängel behoben werden. Zuletzt gab es, so Beyer, allerdings keine andere Option, als die Mieter*innen aus dem Haus zu holen: »Wirklich alles war besser als diese Zustände.« Das Gebäude sei einfach nicht mehr zu retten gewesen.

Bei der Suche nach neuen Wohnungen für die Familien wurde Asum von den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften WBM, Howoge, Degewo und Gewobag, aber auch von der Deutsche Wohnen unterstützt. »Für viele hat sich eine Chance eröffnet«, sagt Beyer. »Selbst wenn der Weg dorthin brutal war.« In einigen Fällen sei es gelungen, größere und günstigere Wohnungen zu organisieren.

Doch noch ist die Arbeit für Asum lange nicht erledigt: Zwei Familien konnten noch nicht adäquat untergebracht werden. Die eine wurde nach einem Räumungsverfahren in einem Wohnheim untergebracht, die andere musste zwischenzeitlich nach Brandenburg ziehen, nachdem sie bei der Wohnungssuche einem Betrug zum Opfer gefallen ist. Zudem befinden sich acht weitere Familien noch in Umsetzwohnungen. Für fünf von ihnen konnte eine Rückzugsoption in den künftigen Neubau der Eigentümerin vereinbart werden. Weil sich Asum nach wie vor mit der Russin in Verhandlungen befindet, will sich Beyer zu ihrem Vorgehen nicht äußern. Sein Auftrag bleibt bestehen, bis alle Familien langfristig untergebracht wurden.

Auch wenn die Gemeinschaft der Roma an der Straße der Pariser Kommune auseinandergerissen wurde, zeigt sich der Bezirk mit dem Ausgang des Planverfahrens zufrieden. »Ich habe noch nicht erlebt, dass sich das Bezirksamt so intensiv mit einer Problemimmobilie befasst hat«, teilt der Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung Florian Schmidt »nd« mit. Auch sein Kollege Oliver Nöll (Linke), Bezirksstadtrat für Soziales, ist froh: »Ich denke, dass das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg beispielgebend für andere Bezirke ist, was den Umgang mit solchen sogenannten Problemimmobilien betrifft.« Er sei erleichtert, dass den Menschen rechtzeitig vor Wintereinbruch geholfen werden konnte. Auch wenn der Eigentümerin Bußgeldverfahren angedroht worden waren: ein Sinneswandel ist nicht zu erkennen. Sowohl bei ihr als auch beim Bauherrn des neuen Projekts scheitern Versuche, Kontakt aufzunehmen.

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