Paris-Moment beim Artenschutz?

UN-Biodiversitätskonferenz COP 15 in Montreal berät über neues Rahmenabkommen

  • Christian Mihatsch und Kurt Stenger
  • Lesedauer: 5 Min.

An diesem Mittwoch beginnt im kanadischen Montreal die 15. UN-Artenschutzkonferenz (COP 15). Das zweiwöchige Treffen der Vertragsstaaten der Konvention über Biodiversität hätte eigentlich im Jahr 2020 in der chinesischen Großstadt Kunming stattfinden sollen, wurde dann aber verschoben. Der erste Teil fand vor einem Jahr virtuell statt. Bei der Fortsetzung musste wegen Chinas No-Covid-Politik auch der Konferenzort gewechselt werden, und so findet COP 15 nun unter chinesischem Vorsitz in Kanada statt. An der Konferenz sollen neue Ziele für den Arten- und Naturschutz beschlossen werden. Diese lösen die 2010 beschlossenen »Aichi-Ziele« ab, die bis 2020 hätten erreicht werden sollen, aber zu einem großen Teil verfehlt wurden.

Es wird erwartet, dass das neue Rahmenabkommen mit den »Kunming-Zielen« das Versprechen der Länder beinhaltet, 30 Prozent der Land- und Meeresfläche bis zum Jahr 2030 unter Schutz zu stellen. Dieses sogenannte 30×30-Ziel gilt als höchst ambitioniert, denn bislang stehen nur rund 17 Prozent des Landes und sieben Prozent der Meere unter Schutz. Komplex ist auch die Frage, ob und unter welchen Bedingungen dies geschehen soll. Indigene Völker befürchten, dass sie aus ihren angestammten Territorien vertrieben werden könnten. Andere warnen, dass eine Ausweitung von Schutzgebieten die landwirtschaftliche Fläche zu stark eingeschränkt und mit den Ernährungszielen in Konflikt geraten könnte.

COP 15 findet vor dem Hintergrund des sechsten Massenaussterbens in der Erdgeschichte statt. Das letzte dieser Ereignisse führte zum Verschwinden der Dinosaurier vor rund 66 Millionen Jahren. Ein Bericht des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) aus dem Jahr 2019 zeigt, dass derzeit etwas Vergleichbares passiert: Eine Million der rund acht Millionen Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht, wobei eine solche Katastrophe zum ersten Mal menschengemacht ist. IPBES-Chef Robert Watson, Umweltforscher an der University of East Anglia im englischen Norwich, sagte aber auch, »dass es noch nicht zu spät ist«. Nötig sei allerdings ein »transformativer Wandel«. Darunter zu verstehen sei »ein grundlegender, systemweiter Umbau über technologische, wirtschaftliche und soziale Faktoren hinweg«.

Damit hängt Watson die Latte für die UN-Verhandlungen hoch. Die tansanische CBD-Chefin Elizabeth Mrema erhofft sich einen »Paris-Moment« für den Artenschutz, in Anlehnung an das Weltklimaabkommen, das nicht nur für Regierungen, sondern längst auch für Städte, Firmen und Finanzmarktakteure zum Maßstab geworden ist.

Arten- und Klimaschutz lassen sich allerdings nur bedingt vergleichen. Beim Klimawandel ist die Wirkungskette vom Verbrennen fossiler Brennstoffe bis hin zum verstärkten Treibhauseffekt relativ einfach. Die Gründe für den Verlust an Tier- und Pflanzenarten sind dagegen sehr viel heterogener und vor allem lokal unterschiedlich. Der Weltbioversitätsrat nennt gleich fünf Treiber für das aktuelle Artenmassaker: Änderungen der Landnutzung, wirtschaftliche Nutzung von Tieren und Pflanzen, Klimaerwärmung, Umweltverschmutzung und Ausbreitung invasiver Arten. Daher ist es auch viel schwieriger, ein Ziel ähnlich dem 1,5-Grad-Limit bei der Erderwärmung zu formulieren, das verschiedensten Akteuren als »Polarstern« dienen kann.

Trotzdem sei es aber entscheidend, dass alle gesellschaftlichen Akteure das Problem erkennen, sagt Ruth Davies vom britischen Vogelschutzbund. Und viele täten das auch: »Es hat den Anschein, dass immer mehr Firmen, Finanzaufsichtsbehörden und Investoren beginnen, die grundlegenden Risiken zu erkennen, die sich aus der Zerstörung der Natur ergeben.« Längst gehe es nicht mehr um das stille Verschwinden kaum bekannter Arten, sondern um existenzielle Folgen für den Menschen und die Wirtschaft: »Die Megastädte Buenos Aires, Rio de Janeiro und São Paulo sind zu 45 Prozent von der Wasserversorgung aus dem Amazonas abhängig, und diese ist direkt von der Abholzung des Amazonas betroffen«, so Davies. Und damit werde Natur- und Artenschutz auch zum Thema für Zentralbanken. Diese haben sich denn auch in einem Netzwerk zusammengeschlossen, um das Finanzsystem »grüner« zu machen. Und auch der Entwurf der »Kunming-Ziele« berücksichtigt das Thema. Dort wird gefordert, dass Unternehmen offenlegen, welche Folgen ihre Aktivitäten für den Artenschutz haben. Für Charmain Love vom brasilianischen Kosmetikhersteller Natura & Co., der Marken wie Avon und The Body Shop besitzt, ist dieser Schritt entscheidend: »Es ist der schnellste Weg. Die Zeit der Freiwilligkeit ist vorbei.«

In Montreal dürfte indes eine andere Frage deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommen: Wieviel Geld stellen die Industriestaaten für den Natur- und Artenschutz in Entwicklungsländern bereit? Einige Staaten haben deutlich mehr Wildnis und Artenvielfalt und fordern eine finanzielle Entschädigung für die Einrichtung von Schutzgebieten. Der Entwurfstext nennt hier die Zahl von 200 Milliarden US-Dollar pro Jahr »aus allen Quellen«. Gleichzeitig sollen die Summen, die jährlich in umweltschädliche Subventionen fließen, weltweit um 500 Milliarden Dollar verringert werden. Vor allem Länder des globalen Südens möchten ebenfalls an Profiten etwa aus der Kosmetik- und Pharmaindustrie beteiligt werden, die aus der Nutzung internationaler Datenbanken mit genetischen Informationen über Pflanzen und Tiere entstehen.

Der Streit um Geld eignet sich, um von anderen Themen abzulenken, von denen es viele gibt: Trotz der zweijährigen Verspätung enthält der Entwurfstext noch über 950 mit eckigen Klammern versehene Textstellen, also Formulierungen, bei denen sich die Länder noch nicht einig sind. Obwohl für den Artenschutz ein »Paris-Moment« eigentlich von existentieller Bedeutung wäre, ist daher nicht gesagt, dass die »Kunming-Ziele« dem
auch gerecht werden.

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