Gefangen in der Weltblase

Bettina Bruinier bringt »Einsame Menschen« in der Überschreibung von Felicia Zeller auf die Bühne des Berliner Ensembles

  • Gunnar Decker
  • Lesedauer: 4 Min.
Ausgestattet mit dem Furor der Schlagworte: Marie (Sina Martens) in "Einsame Menschen"
Ausgestattet mit dem Furor der Schlagworte: Marie (Sina Martens) in "Einsame Menschen"

Riesige Kakteen wachsen vom Bühnenhimmel herab. Ihre Stacheln schützen vor Kontakten, auch unliebsamen. Ein Sinnbild, das zwei Stunden lang über der Szenerie hängt wie eine Gewitterwolke. Auch an der menschlichen Natur, so Gerhart Hauptmann in »Einsame Menschen« von 1891, verletzt sich unweigerlich, wer sich ihr ungeschützt nähert.

Aber wir sehen hier nicht Hauptmanns Stück, sondern Felicia Zellers Adaption unter gegenwärtigen Aspekten. Die Gegenwart bedrängt uns gewiss stärker als das Ende des 19. Jahrhunderts. Aber was heißt das für die Kunst? Der Hang zur Nachahmung scheint inflationär geworden, manche sprechen auch von Etikettenschwindel. Wenn man etwa »Kinder der Sonne« auf den Titel schreibt, weil ähnliche Themen wie dort behandelt werden, ist es trotzdem nicht von Gorki, sondern ihm nur thematisch nachempfunden. Fast Hauptmann, fast Gorki. Kopien über Kopien – wir leben wahrlich in abgeleiteten Zuständen, die man biedermeierlich nennen könnte.

Dabei ist Zellers Text gar nicht schlecht, und man fragt sich, warum sie nicht den Mut hatte, der Atomisierung der gegenwärtigen Gesellschaft, in der es von Pseudo-Mythen nur so wimmelt, einen eigenen Stückansatz zu widmen. Sind diejenigen, die vorgeben, Sinn zu stiften, nun Teil der Lösung oder Teil des Problems?

Die Lebensreformbewegung, die einst um den Monte Verità in der Schweiz kreiste, ist inzwischen über hundert Jahre alt. Sie reagierte auf das Gefühl der Selbstentfremdung, aber mit teils kuriosen, auch esoterischen Mitteln. Die fünf Personen in Zellers Stück zeigen, wohin der humorlose Auftrag der Selbstverwirklichung sie bis heute geführt hat: in eine narzisstische Sackgasse, in der die Neurosen wohnen. Den aufziehenden Fatalismus wiederum kontert die kluge Regie von Bettina Bruinier mit einem präzisen Sinn für unfreiwillige Komik.

Marie und Gerhart haben – aus romantischem Überschwang – ein Haus auf dem Lande gekauft. Sie ist »Architekturaktivistin« und er ein ewiger Doktorand. Sie hat geerbt, und außerdem war sie schwanger. Nun wohnen sie mit Baby in der Scheinidylle eines riesigen alten Hauses mit Wald drumherum. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass hier eine Schnellstraße gebaut werden soll, die Idylle ist also bald vorbei. Wie also das Refugium, das eine tickende Zeitbombe ist, finanzieren? Indem man es – wie alles im Leben – zum Projekt erklärt und Fördermittel beantragt. Darin hat Marie (Sina Martens mit dem Furor der Schlagworte) längst Routine. Alles Private soll Teil der Weltrettung sein!

Die Männer sind schwach in ihren starken Posen, die Frauen zielorientiert kühl. Gerhart, der mit seiner hier ebenfalls anwesenden Mutter Erika (grandios in ihrem verzweifelten Dirigismus: Corinna Kirchhoff) hadert, bleibt eine in seinem Mittelmaß unerlösbar feststeckende ewige Sekundärexistenz. Gerrit Jansen spielt diesen egozentrischen Schwächling mit Präzision. Seine akademische Arbeit mutiert zum barocken Zuckerguss über »Schwarm- und Rudelverhalten« von Tier und Mensch. Wenn, ja wenn er sich irgendwo irgendwann einmal auf seine Arbeit konzentrieren könnte! Aber das Leben besteht aus alltäglichen Störungen und Marie mit Baby ist für ihn keine echte Inspiration mehr.

Marie bietet im Hause »Co-Working« an, was das ist, weiß keiner, denn jeder scheint hier in seiner eigenen Weltblase gefangen. Doch der Slogan »Arbeiten im Schönen« zieht andere Schlagwortfabrikanten an. Da sind Bölsche (Oliver Kraushaar), von der Aktion »Sag es laut!«, der gerade vom Baumhaus gefallen ist und einen eingegipsten Fuß hat, der ihm momentan jeden Aktionismus verbietet, und Margarete, die der russischen Studentin Anna Mahr bei Hauptmann nachempfunden ist. Nina Bruns verkörpert als Margarete den neuen Typus des »digitalen Nomaden«, dem es längt nicht mehr um Emanzipation, sondern bloß noch um Selbstperformance geht. Weltrettung wird zur Ware, und Hauptsache es gibt WLAN. Leider folgt Felicia Zeller in ihren Dialogen der modischen Unsitte, Sätze nicht zu beenden: »Mach dir mal keine …« oder »Ich habe so einen gigantischen …« Interaktives Worteraten?

Margarete wirkt wie geklont mit ihrem eingefrorenen Dauerlächeln. Doch Gerhart ist fasziniert von ihrem Charme der Oberflächlichkeit. Ein Weltbild wie aus dem Twitter-Kurznachrichtendienst! In der digitalen Szene ist sie berühmt für ihre Überschriften wie »Der Amazonas brennt«. Über die Überschriften hinaus geht es nie.

Die Inszenierung findet den absurden Grundgestus einer alternativ gestimmten Weltrettungsgegenkultur, die längst Teil des Mainstreams ist, aber darauf mit bloßer Hysterie reagiert. Keine guten Nachrichten, aber die hatten wir auch nicht erwartet.

Nächste Vorstellungen: 20., 21.12. und 30.1.
www.berliner-ensemble.de

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