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Gespaltene Klasse

Der US-Historiker Matt Karp über Anspruch und Wirklichkeit der Klassenpolitik von Demokraten und Republikanern und Parallelen zum 19. Jahrhundert

  • Julian Hitschler
  • Lesedauer: 9 Min.
Die USA sind politisch tief gespalten – Mittelklasse und Arbeiterklasse gleichermaßen.
Die USA sind politisch tief gespalten – Mittelklasse und Arbeiterklasse gleichermaßen.

Nach dem Sieg von Joe Biden über Trump haben Sie ein Essay über die sich wandelnde Wählerinnen*klientel der Demokraten und schwindende Bedeutung der Klassenpolitik in den USA veröffentlicht. Haben die Demokraten den Draht zur Arbeiterklasse verloren?

2020 konnten wir beobachten, dass der Klassenhintergrund der Menschen für die Wahlentscheidung eine geringere Rolle spielte. Und zwar nicht nur im Vergleich mit lange vergangenen Zeiten wie der Ära des New Deal, sondern etwa auch mit Obamas Erdrutschsieg von 2008. Die Demokraten haben innerhalb der Arbeiterklasse bei allen Ethnien und Geschlechtern an Unterstützung eingebüßt, besonders bei Weißen auf dem Land und Hispanics, vor allem unter Männern. Die Datenlage für 2022 ist noch unvollständig, aber alles sieht danach aus, dass diese Trends angehalten haben.

Sie argumentieren, dass es ein ähnliches Wahlverhalten in den USA schon einmal gab.

Stimmt. Im Wahlkampf 2020 gab es auf der Linken eine Debatte darüber, ob es richtig und zielführend ist, Trump einen Faschisten zu nennen. Es wurden viele Parallelen zur europäischen Geschichte zwischen den Weltkriegen gezogen. Ich habe argumentiert, dass die gegenwärtige US-Politik eher dem sogenannten »Gilded Age« (»Vergoldetes Zeitalter«), also der Zeit vom Ende des Bürgerkriegs bis zum frühen 20. Jahrhundert, gleicht. 

Damals gingen sich Republikaner und Demokraten nicht nur ständig rhetorisch an die Gurgel, wie sie es heute auch tun, in vielen Fällen waren sie ehemalige Kriegsgegner. Die Republikaner wurden als Partei gegen die Sklaverei gegründet, im Süden standen die Demokraten für die Wiedererrichtung einer rassistisch segregierten Gesellschaft. Ehemalige Sklaven, viele von ihnen arme Landwirte, wählten massenhaft republikanisch, bevor diesen Menschen das Wahlrecht Schritt für Schritt wieder genommen wurde.

Im Norden haben die Republikaner eine klassenübergreifende Koalition aus Industriellen, Kleinbauern und Gewerbetreibenden auf dem Land, viele von ihnen Protestanten, deren Familien schon vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten in die USA übergesiedelt waren, hinter sich versammelt. Leute, die aus dieser Koalition ausgeschlossen waren, wie etwa Arbeiter und Kleingewerbetreibende in Städten, die oft erst vor kurzem aus katholischen Ländern in die USA eingewandert waren, neigten eher zu den Demokraten.

Die Welt und die USA haben sich seither stark gewandelt. Was erinnert Sie heute an das »Gilded Age«?

Mir ging es um ein sehr spezifisches Phänomen, nämlich den Zusammenhang zwischen Klassenpolitik und dem Parteiensystem, oder besser gesagt: den fehlenden Zusammenhang, obwohl im 19. Jahrhundert, wie auch heute, auf beiden Seiten viel über Klasse gesprochen wurde. Die Republikaner behaupten heute sehr gerne von sich, die Arbeiterklasse zu repräsentieren. Trump und beispielsweise auch der republikanische Senator Marco Rubio aus Florida, reden permanent darüber, dass man nun die Partei der Arbeiterklasse sei. Joe Biden spricht über den kleinen Mann und seine Gegner, auf eine Art und Weise, wie es Hillary Clinton oder sogar Obama niemals getan hätten. Dasselbe traf auf Demokraten und Republikaner im 19. Jahrhundert zu. 

Beide Parteien haben damals wie heute behauptet, die US-amerikanische Arbeiterklasse zu vertreten und der Gegenseite gleichzeitig vorgehalten, sich für die Interessen von Eliten einspannen zu lassen – und sie hatten beide recht. Auch damals wurde heftig über Wirtschafts-, Handels- und Geldpolitik gestritten; es gab zum Beispiel eine große Debatte darüber, ob der US-Dollar nur durch Gold oder auch durch Silber gedeckt sein sollte. Doch bei diesen Konflikten standen sich nicht die gesamte Arbeiterklasse und die Kapitaleigner als Blöcke gegenüber, sondern verschiedene Regionen und Wirtschaftssektoren. Klassenpolitische Rhetorik hat sich nicht in einem nach Klassen geordneten Parteiensystem niedergeschlagen.

Und dieses Muster können wir heute wiedererkennen?

Die Unterstützung von Arbeiter*innen für die Demokraten, die während eines Großteils des 20. Jahrhunderts anhielt, schwindet heute. Die USA stechen hier nicht besonders hervor, Mitte-Links-Parteien in Europa und einem Großteil der industrialisierten Welt hat in den letzten 50 Jahren ein ähnliches Schicksal ereilt. Klassenspezifisches Wahlverhalten hat über einen langen Zeitraum nachgelassen, aber vor allem in den letzten 15 Jahren. Es ist nicht so, als ob die Republikaner jetzt die Arbeiterklasse auf ihrer Seite hätten – sie ist gespaltener als je zuvor, ganz gleich, ob man Einkommen, Bildungsstand oder andere Merkmale betrachtet.

Wenn es nicht mehr die Klasse ist, welche Kategorien sagen dann das Wahlverhalten voraus?

Ethnische und regionale Identitäten spielen offensichtlich eine große Rolle. Aber es gibt einen weiteren Aspekt: Die Menschen identifizieren sich sehr stark mit ihrer politischen Ideologie als soziale Gruppe. Republikanerin oder Demokrat zu sein, wird zu einer Art Subkultur. Auch das erinnert an das »Gilded Age«. 

Damals herrschte eine unglaublich heftige apokalyptische Rhetorik vor, die uns heute etwas schräg vorkommt: »Wenn die Demokraten die Wahl von 1888 gewinnen, bricht der Himmel ein« und Ähnliches: Eine unglaublich überdrehte, emotional aufgeladene Sprache. Die Wahlbeteiligung war sehr hoch. Überwiegend hatten nur erwachsene Männer – vielerorts nur Weiße – das Wahlrecht. Aber unter den Wahlberechtigten gingen oft 80 Prozent zur Wahl, was heute unerhört wäre. Doch die Wahlbeteiligung in den USA steigt wieder an. 2020 kletterte sie auf ein Niveau, das wir seit einhundert Jahren nicht mehr beobachten konnten. Das liegt daran, dass die Leute häufig gegen die andere Seite stimmen. 

Es gibt weiterhin große regionale Unterschiede: Der Süden bleibt größtenteils republikanisch, die Küsten überwiegend demokratisch. »Race« spielt weiter eine Rolle, Afroamerikaner*innen stehen weiter sehr fest zu den Demokraten. Die Republikaner machen kleine Fortschritte bei männlichen Afroamerikanern, aber bis jetzt bleibt der Effekt gering. Bei Latinos und Amerikaner*innen asiatischer Abstimmung gab es aber 2020 einen ausgeprägten Rechtsruck, und es sieht bis jetzt alles danach aus, als ob dieser 2022 nicht rückgängig gemacht werden konnte, nicht nur in Florida, sondern auch an der texanischen Grenze zu Mexiko und in Kalifornien.

Ethnie und »Race« spielen für das Wahlverhalten also eine immer geringere Rolle?

»Race« ist immer noch ein signifikanter Faktor, aber wenn man von Afroamerikaner*innen absieht, hat er keine überwältigende Bedeutung mehr. Was klar identifizierbare demografische Kategorien angeht, so scheint der berufliche Hintergrund das Wahlverhalten am besten vorauszusagen, was sich dann geografisch auf der lokalen Ebene abbildet: Bestimmte Teile einer Stadt oder Gemeinde wählen für die eine oder andere Partei. 

Ich glaube, die tatsächlich entscheidende Kategorie sind die kulturellen Gruppenzugehörigkeiten, die durch die Medien verstärkt werden. Wenn man die Berichterstattung der großen Zeitungen über Trumps erneute Kandidatur ansieht, wahren sie nicht einmal den Anschein von Neutralität. Ich sage auch nicht, dass sie das tun sollten. Aber die Überschriften erinnern sehr an die Boulevardpresse des 19. Jahrhunderts. Diese polarisierten Identitäten, die nicht auf Klassenzugehörigkeit basieren, jedenfalls nicht im marxistischen Sinn, sind sehr tief verankert. 

Es stimmt zwar, dass die Demokraten stärker umverteilen wollen als die Gegenseite. Aber ihre Wähler*innenschaft hat eine immer heterogenere Klassenzusammensetzung. Weil das Parteiensystem nicht entlang von Klassenlinien polarisiert ist, bilden sich andere Spaltungen heraus, da verschiedene Eliteninteressen gegeneinander ankämpfen. Manchmal schlagen diese sich dann in unterschiedlichem Wahlverhalten nach Ethnie, Region, etc. nieder, manchmal gibt es eine Eigendynamik, durch die Parteipolitik zum Teamsport wird.

Welche Rolle spielt formale Bildung für den sich wandelnden Klassencharakter der Parteien?

Es gibt Linke, die nicht gerne zugeben, dass viele Arbeiter*innen rechts wählen. Sie legen den Fokus oft auf Teile der Arbeiterklasse der Gegenwart, die einen Universitätsabschluss haben: Lehrer*innen, Krankenpfleger*innen und so weiter. Diese Gruppen orientieren sich verstärkt links. Gleichzeitig wird behauptet, dass die Wähler*innenschaft der Republikaner aus Gewerbetreibenden ohne universitäre Bildung besteht – Autohändlern mit sechsstelligem Einkommen. Das ist einfach offensichtlich unwahr. Gehören die meisten Wähler*innen der Republikaner zum klassischen Industrieproletariat? Nein, aber es macht vielleicht noch sieben Prozent der Bevölkerung aus, das sind einfach nicht mehr besonders viele Menschen. 

Im nördlichen Michigan gibt es Landkreise, wo Trump 70 oder 80 Prozent der Stimmen erhielt. Wie viele von diesen Leuten besitzen einen Autosalon? Das sind keine reichen Menschen, viele haben Durchschnittsjobs und durchschnittliche Einkommen. Ganz zu schweigen von den Hinweisen darauf, dass sich Angehörige von Minderheiten in den Arbeitervierteln der Städte politisch nach rechts bewegen.

Warum haben die Demokraten etwa in New York und Florida so schlecht, in Illinois und Michigan hingegen so gut abgeschnitten?

Es stimmt, dass es große regionale Unterschiede gab. Üblicherweise werden hier zwei Faktoren genannt. Zum einen ist da das Thema Abtreibung. In Michigan gab es eine Volksabstimmung darüber, das Recht auf Schwangerschaftsabbruch in die Verfassung aufzunehmen, was den Demokraten zweifellos geholfen hat. Als das Oberste Gericht das Recht auf Abtreibung im Juni zurückgenommen hat, wurde dieses Thema, bei dem etwa zwei Drittel der US-Amerikaner*innen den Demokraten zustimmen, repolitisiert. Kluge Republikaner wussten das und haben es nicht betont. 

Nur wenige Menschen in den USA wollen Abtreibungen ganz verbieten, vielleicht 20 Prozent, aber die Republikaner brauchen sie als Teil ihrer Koalition. Sie stecken in einem Dilemma. Sogar in sehr konservativen Staaten wie Kansas und Kentucky haben die Wähler*innen bei Volksabstimmungen Abtreibungsverbote abgelehnt. 

Ein anderer Faktor waren die offen antidemokratischen Kandidierenden aus dem Trump-Lager. Ich glaube, die Linke kritisiert die Demokraten oft für ihre übertriebene Rhetorik, was die Zukunft der Demokratie angeht, während Klassenfragen ignoriert werden. Das ist genau die Strategie, die man von einer Partei erwartet, deren Wähler*innenschaft zunehmend wohlhabend und gebildet ist und die sich mehr für die Schlagzeilen in der »New York Times« interessiert als dafür, woher das Geld für die Miete kommt. Gleichzeitig sind Republikaner, die offensichtliche Wahlergebnisse anzweifeln, sehr unbeliebt. In Arizona, Pennsylvania und anderswo haben sie krachend verloren. Unabhängig von ihrem Hintergrund liegt den Leuten die Demokratie am Herzen, und die Linke ignoriert das auf eigene Gefahr.

Welche Rolle spielt die Inflation bei der Neuorientierung der Arbeiterklasse?

Viele sind davon ausgegangen, dass die Inflation ein großes Geschenk an die Republikaner sein würde. Bewahrheitet hat sich das nicht, jedenfalls nicht im erwarteten Maße. Möglicherweise liegt das daran, dass die klassenpolitischen Aspekte der Inflation komplexer sind als allgemein angenommen. Alle müssen zwar den Gürtel enger schnallen, aber die Löhne von Arbeiter*innen steigen in den USA schneller als die Gehälter der gebildeten Mittelschicht. Princeton-Professoren wie ich haben keine zehn Prozent Gehaltserhöhung bekommen. Es kann also sein, dass sich die Mittelklasse stärker über die Inflation aufregt als die Arbeiterklasse, was sich auch in den Medien niederschlägt.

Wie geht es weiter mit der US-amerikanischen Klassenpolitik?

Ich glaube, wir stecken fest. Es fällt schwer, sich einen Weg aus diesem politischen Paradigma vorzustellen. Ich denke, vielen republikanischen Kadern gefällt die Idee einer Partei für die Arbeiterklasse. Sie haben bei dieser Wahl erfahren müssen, dass Kulturkriege einen begrenzten Nutzen für sie haben. Und, wie die Demokraten nach der Niederlage von 2016, möchten sie sich nun materiellen Themen zuwenden, zumindest rhetorisch. Ich glaube, dass die US-amerikanische Arbeiterklasse politisch gespalten bleiben wird.

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