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Mit dem Heißluftballon über die Alpen

Ein Traum wurde wahr: 150 Kilometer von Zell am See in Österreich nach Udine in Italien

  • Rolf Majcen
  • Lesedauer: 6 Min.
In 6000 Meter Höhe mit etwa 70 km/h Richtung Süden
In 6000 Meter Höhe mit etwa 70 km/h Richtung Süden

Diese Textnachricht kam unerwartet: »Hallo Rolf, wir machen am Sonntag wieder eine Alpenüberquerung, jetzt ist kurzfristig jemand ausgefallen und ich hätte einen Platz für dich frei. Sonntag nach Italien und Montag wieder zurück. Falls du Zeit hast, kannst du mich ja anrufen, liebe Grüße, Peter.« Ich ballte die Hand zur Faust und schrie voll Freude ein lautes »Yeahh!« in den Raum. Peter Flaggl ist der erfahrenste österreichische Ballonunternehmer. Seit 1997 veranstaltet er Alpenüberquerungen mit dem Heißluftballon. Mehr als 250 Fahrten hat er bereits absolviert. Vor zweieinhalb Jahren kontaktierte ich ihn wegen einer Heißluftballonfahrt über die Alpen, danach kam Corona und machte Ballonfahrten undurchführbar, was ein Grund dafür war, dass sich die Warteliste mit den Namen der Interessenten immer mehr verlängerte. Der zweite Grund für die Warteliste liegt im Umstand, dass Alpenüberquerungen wegen der aufkommenden Thermik in der warmen Jahreszeit nur zwischen Oktober und Mitte März durchgeführt werden können und selbst in diesen Monaten sind Fahrten nur an sieben bis zwölf Tagen möglich, da ganz spezielle Wind- und Wetterverhältnisse vorliegen müssen. Thermische Aufwinde, die sich durch Bodenerwärmung bei Sonneneinstrahlung bilden, sind gut für Paragleiter aber nicht für die Ballonfahrer beim Landevorgang an der Alpensüdseite.

In 6000 Meter Höhe mit etwa 70 km/h Richtung Süden
In 6000 Meter Höhe mit etwa 70 km/h Richtung Süden

Peters Mail kam an einem Freitagabend Ende November. Tags darauf übernachtete ich in Zell am See und war am Sonntag einer der ersten Passagiere beim dortigen Flugplatz. Ich hoffte inständig, dass es heute klappen würde. Langsam wich die Dämmerung dem Tagesanbruch – die Gipfel um Zell am See waren nebelverhangen. Nach und nach kamen die Passagiere. Um 7 Uhr traf Peter mit seiner Mannschaft ein: Gleich neun Autos mit langen Anhängern, auf denen sich die zerlegten Luftfahrzeuge befanden, rollten in das Flughafengelände. Eine Helferin teilte die Ballongäste in neun Gruppen und schickte sie zu den Piloten. Ich war Teil der Gruppe von Peter.

Der Aufbau der Luftfahrzeuge war spannend und wir halfen. Zuerst wurden die aus Weidenruten geflochtenen Körbe von den Anhängern gekippt, danach die luftlosen Ballonhüllen ausgebreitet und beide Elemente mit Drahtseilen verbunden. Mittels starker Ventilatoren wurden dann die Hüllen aufgeblasen – die Ballonseide umfasst immerhin 8000 Kubikmeter. Als die Hüllen ausreichend mit Luft gefüllt waren, erhitzten die Piloten sie mit Hochleistungsbrennern. Spektakulär flammte das Propangas in die Ballons hinein. Lange dauerte es nicht, bis die Luft auf etwa 100 Grad aufgeheizt war und sich die prall gefüllten, riesigen Ballonhüllen mit den seitlich liegenden Körben ballettartig aufrichteten.

Jetzt konnten wir in die Körbe klettern. Helfer erklärten uns noch die richtige Handhabung der Sauerstoff-Nasenbrillen, da wir bis in eine Höhe von 6000 Meter aufsteigen würden. Dann übernahm Peter das Kommando über alle und die abenteuerliche Fahrt begann. Wie bunte Seifenblasen stiegen die Ballons mit einer Geschwindigkeit von ca. drei Meter pro Sekunde in die Höhe und tauchten bald in eine Dunstschicht ein. Darüber zeigte sich der Himmel wolkenlos und die Fernsicht war phänomenal. Es herrschte eine klassische Nordföhnwetterlage, die sich nach einer Kaltfront bei zunehmendem Hochdruckeinfluss und meist wolkenlosem Himmel einstellt und von kräftigen Höhenwinden aus Nord begleitet wird. Die Voraussetzungen für die 150 Kilometer weite Fahrt über den gesamten Alpenbogen bis in die Region Friaul-Julisch Venetien im Nordosten von Italien hätten somit nicht mehr besser sein können. Peter verwendet britische und amerikanische Wettermodelle und lässt in seine Berechnungen auch die Prognosen der österreichischen Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik einfließen. »Wenn der Peter ein paar Tage vor dem geplanten Termin sagt, dass wir mit dem Ballon fahren können, dann klappt es. Dann muss man sich auch keine Sorge um die Sicherheit machen. Peter ist ständig unterwegs und hat enorm viel Erfahrung«, erwähnte ein Helfer später nach der Landung.

Der Nordwind blies uns mit etwa 70 km/h nach Süden; das reicht, ist aber nicht sehr viel. »Einer unserer Ballonfahrer ist schon einmal mit über 140 km/h über den Großglockner gefahren«, erzählte Ballonverfolger Christian bei der Rückreise nach Zell am See. Auch die Ballonverfolger sind Teil der Mannschaft. Sie unterstützen die Piloten beim Ballonaufbau. Während die Piloten mit den Passagieren in der Luft schweben, packen sie am Boden alle Startutensilien zusammen, fahren los und warten auf die ersten Informationen zum Landeplatz. Die Koordinaten erhalten sie über Google Maps. Wenn sie Ballone und Passagiere im Landegebiet »eingefangen« haben, helfen sie beim Zusammenpacken. Zu ihrem Job gehört es auch, alle Ballongäste an den Startplatz beziehungsweise zu vereinbarten Treffpunkten zurückzubringen.

Noch aber waren wir in der Luft und wurden nur vom Wind getrieben. Das Fenster der Natur war weit geöffnet und wir konnten jeden Punkt im 360-Grad-Panorama betrachten. Naturverbundenheit in Reinformat. Lautloser Schwebezustand. Schwerelosigkeit im Luftraum und die perfekte Vogelperspektive. Die Zeit verflog wie im Nu. Das Freiluftkino fesselte in jeder Sekunde. Ruhe und Harmonie dominierten bei der Fortbewegung. Peter hantierte regelmäßig am Brenner. Immer höher ging die Fahrt. Die verschneiten Dreitausender waren bald weit unter uns. Unzählige Alpengipfel lagen im Blickfeld, das gleich mehrere Länder umfasste. Aber es waren nicht nur die weißen Gipfel, deren Formen oder berühmten Namen jeden im Korb begeisterten; auch die Alpentäler faszinierten und die Nebelfetzen, die als märchenhafte Schleier in der Landschaft hingen. Tief unter uns konnten wir die Großglockner-Hochalpenstraße mit ihrem berühmten Parkplatz auf der Edelweißspitze auf 2572 Meter Höhe ausmachen.

Da wir mit dem Wind fuhren, spürten wir keinen Fahrtwind. Angenehm! Es war auch nicht kalt. Wir schwebten in 6000 Meter Höhe über die Großglocknergruppe, das Mölltal, die westliche Kreuzeckgruppe, die westlichen Gailtaler Alpen, den Karnischen Hauptkamm und schließlich über die südlichen Karnischen Alpen. Über dem Plöckenpass verließen wir Österreich und mussten nun allfällige Anweisungen der Italiener beachten, mit denen Peter in Funkverbindung stand; sie sahen uns auf dem Radarschirm. Am Ostrand der Dolomiten vorbei drangen wir weiter nach Süden vor. Je südlicher wir kamen, desto mehr zog sich der Bodennebel zurück. Schließlich hatten wir freie Sicht über die norditalienische Tiefebene hinweg bis zur Adria. Nach etwa dreieinhalb Stunden Fahrtzeit gab Peter im Raum Udine das Kommando zur Landung.

Beim Ballonfahren sind horizontale Richtungsbestimmungen so gut wie unmöglich, da der Wind die Fahrtrichtung diktiert. Die Piloten können aber durch das Einholen und Studieren von Wetterinformation bedingt auf die Fahrtrichtung Einfluss nehmen, indem sie in verschiedenen Höhen Winde mit unterschiedlicher Richtung und Stärke ausnützen. Für Peter war es leicht, sich die Windverhältnisse so zunutze zu machen, um gezielt in einem Feld neben einem Weg zu landen. So konnte der Ballonverfolger mit dem langen Anhänger bis zum Ballonkorb fahren. Die Luftfahrzeuge wurden verladen und wir zum nahegelegenen Hotel in Udine gebracht. Vor dem gemeinsamen Abendessen spazierte ich zum Castello di Udine, das auf einem Hügel im historischen Zentrum von Udine steht. Der Sonnenuntergang war hinreißend. Ich stand still. Wie im Korb auf 6000 Meter Höhe. Und ließ das Erlebnis im Ballon Revue passieren.

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