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Die Gunst der Götter

Socken, Senkel, Salbei: Aberglaube ist auch im Spitzensport weitverbreitet und kann sogar zum Erfolg führen

  • Noah Kohn
  • Lesedauer: 7 Min.
Maskottchen Albatros sorgt als Glücksbringer von Alba regelmäßig für Freudensprünge in Berlin.
Maskottchen Albatros sorgt als Glücksbringer von Alba regelmäßig für Freudensprünge in Berlin.

Fünf Minuten vor Spielbeginn wird es stockduster in der Arena am Berliner Ostbahnhof, weißer Nebel strömt aus schwarzen Apparaten. Grelle Lichtkegel fallen vom Hallenhimmel herab, durchbrechen den Dunst und verwandeln die Spielstätte von Alba Berlin für einen kurzen Augenblick in einen sakralen Ort. »Wir begrüßen unsere Albatrosse«, dröhnt es über die Arenalautsprecher und die Akteure der Berliner Mannschaft betreten nach und nach den Basketballtempel. Eine Figur in voller Alba-Montur sticht heraus: Das weiß gefiederte Maskottchen »Albatros« hält seinen großen gelben Schnabel hinein in die Traube von Spielern, die einen Mannschaftskreis bilden, und klatscht euphorisch mit seinen geflügelten Armen in die Hände.

Aberglaube-Serie

Mit Silvester endet die Zeit zwischen den Jahren, es ist die Zeit der Wunder und des Aberglaubens. Da schlechte Zeiten Aberglauben nähren und die Zeiten vorerst wohl nicht besser werden, werfen wir in unserer Silvesterausgabe einen Blick auf den boomenden Markt für Esoterik und Heilkristalle, untersuchen die Verbindung von Aberglauben zu rechtem Gedankengut und lassen Theodor W. Adorno den Kapitalismus aus Horoskopen erklären.

Alle Texte unter: dasnd.de/aberglaube.

Seit 1994 begleitet der Albatros den amtierenden deutschen Basketballmeister und soll auch beim letzten Heimspiel 2022 gegen den Mitteldeutschen Basketballclub aus Weißenfels für einen glücklichen Berliner Jahresausklang sorgen. Schließlich ist das Maskottchen nicht nur ein grandioser Hingucker auf unzähligen Fan-Selfies und profitables Werbegesicht der Alba Berlin Basketball GmbH, sondern auch Glücksbringer der Mannschaft.

Einen persönlichen Glücksbringer habe er nicht, sagt Maodo Lô, der an diesem Abend neun Punkte zum Berliner 86:60-Sieg gegen Weißenfels beisteuert. »Ich habe ein paar Rituale, gewisse Reihenfolgen, die ich vor dem Spiel mache, zum Beispiel wie ich meine Schuhe anziehe und zubinde«, sagt der 30-Jährige nach dem Spiel »nd«. Ob Lô abergläubisch sei? »Ja, hier und da schon«, sagt der deutsche Nationalspieler.

Trotz modernster Fitnessgeräte, akribischer Ernährungspläne und jahrelangen Trainings greifen viele Athleten wie Lô auf Aberglauben, Rituale und Glücksbringer zurück. Die Herangehensweisen können dabei sehr individuell und verschieden sein: Die All-Blacks, das neuseeländische Nationalteam im Rugby, führen vor jedem Spiel einen traditionellen Haka-Tanz vor – ein Kampfritual, das den Teamgeist stärken und den Gegner einschüchtern soll. Fußballweltmeister Lionel Messi zeigt nach jedem seiner Tore mit den Zeigefingern zum Himmel, um sich bei seiner verstorbenen Großmutter zu bedanken. Fußballklub Fortuna Düsseldorf bemüht die Glücksgöttin schon im Vereinsnamen. Tennisstar Rafael Nadal trumpft gleich mit einer ganzen Palette von Marotten auf: Die immergleiche Weise, wie er sein Handtuch auf der Werbebande ablegt, sich vor jedem Aufschlag an die Nase fasst oder seine Flaschen vor dem Spiel präzise positioniert, begleitet ihn bei jeder Partie. Kollegin Serena Williams soll Gerüchten zufolge bei einem Tennisturnier immer dieselben Socken getragen haben, ohne sie zu waschen. Der US-amerikanische Basketballer Kyrie Irving verbrannte beim erstmaligen Aufeinandertreffen mit seinem ehemaligen Team Boston ein Bündel Salbei, um die Luft in der Halle von schlechten Energien zu befreien – ein spirituelles Ritual einiger Ureinwohnerstämme.

Die Liste der Ticks und Macken von Leistungssportlern ist lang und magische Praktiken sind keineswegs ein neuartiges Phänomen. Schon in der Antike bemühten Krieger Opfergaben, um ihr Schicksal positiv zu beeinflussen. »Aberglaube ist rein rational betrachtet ein Relikt aus früheren Zeiten. Wenn man genauer hinsieht, ist der Aberglaube aber weiterhin Realität im Alltag. Im Spitzensport ist er stark in Gebrauch«, sagt Sportpsychologie-Professor Andreas Marlovits an der Hochschule für Management und Recht BSP Berlin, »nd«. An die übernatürliche Kraft von Socken, Schnürsenkeln und Salbei zu glauben, kann also durchaus eine Ergänzung zu den ausgeklügelten Trainingsabläufen eines Spitzensportlers sein. »Trotz intensiven Trainings und des ständigen Arbeitens an seinem Optimum bleibt die sportliche Leistung immer auch etwas, was man von sich aus nicht ganz im Griff hat«, sagt Marlovits, der seit vielen Jahren im professionellen Fußball und Tennis arbeitet. Die Athleten fühlten sich in irgendeiner Art abhängig oder beeinflusst. »Um diese Unwägbarkeit in den Griff zu bekommen, quasi um die Götter gewogen zu machen, helfen Aberglaube, Glücksbringer oder Rituale.«

Die Gunst der Götter zu erlangen, versuchten nicht nur Profisportler, erklärt Sportwissenschaftsprofessor Harald Lange von der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg: »Fans genauso wie Spieler, wie letztlich auch Menschen, die keine Sportfans sind – wir alle tragen in uns das Bedürfnis, uns an bestimmten Dingen festzuhalten, die uns Sicherheit geben.« Aberglaube sei somit eine Möglichkeit, um Sicherheit herzustellen, sagt Lange im Gespräch mit »nd«.

Sogar im Denksport Schach, wo die Sicherheit des eigenen Königs im professionellen Bereich zumeist durch Können und nicht durch Zufall oder Glück gewährleistet wird, kommt Aberglaube zum Zug. Im Weltmeisterschaftsduell zwischen Viktor Kortschnoi und Anatoli Karpow 1978 setzte Kortschnoi auf spirituelle Unterstützung durch zwei Gurus mit orangefarbenen Gewändern im Publikum – am Ende verteidigte Karpow seinen Weltmeistertitel trotzdem. Elisabeth Pähtz, die erste deutsche Frau mit Großmeistertitel, erzählte im »nd«-Interview, dass die meisten Schachspieler abergläubisch seien. »Entweder haben sie einen Glückspulli oder einen Glückskuli, eine Glückskette oder Glücksohrringe wie ich. Am jeweiligen Maskottchen hält man solange fest, bis man eine Partie verloren hat. Dann muss ein neuer Glücksbringer her«, so die 37-Jährige.

Aberglaube im Sport: Die Gunst der Götter

Damit sich Fortuna dem Lieblingsklub oder -sportler auch wirklich voll und ganz zuwendet, greifen auch viele Anhänger auf eigene Zauberutensilien am Wettkampftag zurück. »Klassisch sind Schals, Pullover und Merchandising-Artikel, also Gegenstände, die einen direkten Bezug zum Verein haben, den die Fans unterstützen und auf den deren Aberglaube zielt«, sagt Lange, der sich auch mit Fan- und Fußballforschung beschäftigt. »Darüber hinaus hat jeder Mensch ganz persönliche Zeichen und Gegenstände, die dafür geeignet sind, oftmals Kleidungsstücke, aber manchmal auch sogenannte Glücksbringer. Einen Ring, eine Münze, vielleicht auch eine Kastanie, die man gefunden hat, oder etwas, was man von der Tochter bekommen hat.«

Dass die Wirksamkeit des Wunderglaubens nicht allmächtig sei, sei den Leistungssportlern in der Regel bewusst, sagt der Würzburger Professor. »Die Sportler wissen, wo die Reichweite und die Grenzen ihrer Glücksbringer und ihres Aberglaubens liegen. Sie setzen sich damit aktiv auseinander.« Darüber hinaus könne es auch Situationen geben, in denen sich Aberglaube negativ auf die Athleten auswirke. »Wenn eine Mannschaft gegen eine ganz bestimmte andere Mannschaft in den letzten zehn Jahren niemals gewinnen konnte, dann wird sogar zum Teil von einem Fluch gesprochen. Und der Fluch ist dann wieder so ein Aberglaube, dass man da machen kann, was man will – am Ende gewinnen dann doch die Bayern oder irgendein anderer Angstgegner«, sagt Lange.

Eine Möglichkeit, dem eigenen Aberglauben nicht bedingungslos ausgeliefert zu sein und trotzdem ein Gefühl von Sicherheit herzustellen, ist die Unterscheidung zwischen Ritualen und Routinen. »Ein Ritual kann auch etwas sein, was jetzt nicht direkt etwas mit der Leistung zu tun hat. Zum Beispiel die NHL-Spieler, die sich in der Endrunde nicht rasieren. Das hängt per se nicht mit der Leistung zusammen, aber es stärkt den Teamgeist und das Selbstvertrauen«, sagt Professor Peter Gröpel, Sportpsychologe von der Universität Wien. Da kämen Routinen ins Spiel: »Routinen können helfen, wenn es darum geht, eine sehr präzise Leistung abzurufen, ohne groß nachdenken zu müssen.«

Gröpel hat mit zwei Kollegen die Macht der Gewohnheit genauer untersucht und festgestellt, dass Routinen vor einer sportlichen Aufgabe für Hobby- wie auch Leistungssportler Vorteile mit sich bringen können. »Wenn es im Basketball zu einem Freiwurf kommt, dreht der Spieler den Ball in seinen Händen, lässt ihn dreimal aufspringen, schaut dann, wo der Ball hinfliegen soll und stellt sich die Flugkurve des Balles vor. So etwas kann man Schritt für Schritt trainieren und das hilft dann auch. Das nennen wir Pre-Performance-Routinen«, sagt Gröpel »nd« – eine typische Intervention im Feld der Sportpsychologie.

Auch bei Berlins Basketballern spielt derlei eine Rolle. »Jeder hier im Team hat so seine Routinen«, sagt Alba-Profi Maodo Lô über seine Mitspieler am Dienstagabend, ehe der Aufbauspieler in den Katakomben der Arena verschwindet. Währenddessen steht Maskottchen Albatros noch zwischen den Fans und verteilt Handshakes. Für die Fans ist es eh eines der wichtigsten Mitglieder der Alba-Truppe. Die Sorge, dass das Maskottchen bald nicht mehr gefragt sein könnte, treibt den Glücksbringer nicht um: Zum einen spielt Alba Berlin auch diese Saison wieder ganz vorne mit in der Bundesliga, zum anderen ist der Seevogel von der Spree viel zu beliebt bei den Alba-Fans.

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