Mini-Krise bei der Reaktionstruppe

Nato-Speerspitze geht mit etabliertem Schützenpanzer Marder in deutsches Führungsjahr

  • Daniel Lücking
  • Lesedauer: 4 Min.
Bundeskanzler Olaf Scholz vor einem Kampfpanzer Leopard 2. Die deutsche Führungsrolle bei der Natospeerspitze VJTF wird von Rüstungsquerelen überschattet.
Bundeskanzler Olaf Scholz vor einem Kampfpanzer Leopard 2. Die deutsche Führungsrolle bei der Natospeerspitze VJTF wird von Rüstungsquerelen überschattet.

Die Speerspitze der Nato, genannt VJTF (Very High Readiness Joint Task Force), steht im Jahr 2023 unter deutscher Führung. Der Beginn des mittlerweile dritten Turnus findet unter ungünstigen Vorzeichen statt. Von den 11 500 Personen der Landstreitkräfte stellt die Bundeswehr etwa 8000 Männer und Frauen. Belgien, Tschechien, Lettland, Litauen, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen und Slowenien steuern ebenfalls Truppen bei. 

Im Jahr 2014 aufgestellt, galt die Truppe als erste Reaktion auf die russische Annexion der Krim und soll seither vor allem eines: abschrecken. Wenn es kracht, dann muss es schnell gehen, lautet ihre Existenzbegründung. Binnen 48 bis 72 Stunden will die Nato Kräfte der VJTF nötigenfalls in einen Krieg schicken und hält die zugeordneten Soldat*innen dafür sowohl ausbildungstechnisch wie auch materiell auf dem höchsten Stand. In diesem Jahr trägt die Hauptverantwortung die Panzergrenadierbrigade 37 »Freistaat Sachsen«; sie ist Leitverband für die multinationalen Landstreitkräfte der VJTF. Von den etwa 5000 Soldaten der Brigade gehen rund 4000 in die Nato-Verpflichtung. 

Um so peinlicher geriet jedoch der Auftakt für Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD), die wenige Tage vor Weihnachten bekannt geben musste, dass nicht etwa mit der neuesten Generation von Panzerfahrzeugen aufgefahren wird, sondern »nur« mit dem seit Jahrzehnten eingesetzten Vorgängertyp Marder. Angeblich sei der hochmoderne Schützenpanzer Puma nicht einsatzbereit.

Im Dezember 2022 waren bei einer Übung alle 18 Puma-Fahrzeuge mit unterschiedlichsten Mängeln zunächst als defekt gemeldet worden. Aus dem Verteidigungsministerium durchgestochene Informationen sorgten für heftigen Unmut bei der Rüstungsindustrie. Nach einem Bericht der »FAZ« sollen die Schäden allerdings nur an zwei Fahrzeugen gravierend gewesen sein, eine Verantwortung des Herstellers dafür sei nicht belegt. Peinlich für die Truppe: An einem Fahrzeug soll übersehen worden sein, dass die Standheizung nur funktioniert, wenn man den Schalter auf »An« stellt. Ohnehin wäre bei zehn der skandalträchtigen Fahrzeuge das herstellerseitig vorgeschriebene Wartungsintervall nahezu abgelaufen. Die Lappalien seien bis zum 1. Januar behebbar, betonte ein namentlich nicht genannter Industrievertreter gegenüber der »FAZ«.

Der Inspekteurs des Heeres, Generalleutnant Alfons Mais, versuchte dann zwischen den Jahren, mit einer Pressemitteilung die Wogen zu glätten. Beim Test des Puma in der Truppe habe es »überwiegend Höhen, wie beim vorletzten Durchgang im Schießübungszentrum im September 2022, und wenige Tiefen, wie jetzt im Dezember, gegeben«.

Angesichts des »Sondervermögens« für die Bundeswehr droht eine weitere Steuergeldverbrennung im dreistelligen Milliardenbereich«, beteiligte sich der Linke-Fraktionschef im Bundestag, Dietmar Bartsch, am vorweihnachtlichen Aufregerthema. »Zieht die Ampel-Koalition jetzt nicht die Beschaffungsnotbremse, handelt sie grob fahrlässig.«

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg macht gute Miene zum Dauerthema Ausrüstungsmängel der Bundeswehr. Sie seien kein Risiko für die VJTF. »Ich bin absolut zuversichtlich, dass Deutschland eine hervorragende Führungsnation für die VJTF sein wird«, sagte der Norweger zum Jahreswechsel. Er wisse, dass die Bundeswehr gut ausgebildete und gut ausgerüstete Soldat*innen habe, die die Aufgabe sehr gut erfüllen könnten. Die VJTF bestehe ja auch nicht allein aus deutschen Einheiten. 

»Deutschland wird die Führungsnation sein, aber es wird weitere Nationen geben, die sich an dieser Truppe beteiligen«, betonte er. »Ich bin mir absolut sicher, dass alle neun Nationen, die für die Nato-Eingreiftruppe zuständig sein werden, die Nato-Anforderungen erfüllen werden.«

Zu den Ausrüstungsmängeln bei der Bundeswehr sagte Stoltenberg: »Sicherlich gibt es Lücken und Defizite.« Deshalb begrüße er auch die deutsche Zusage, 100 Milliarden Euro extra zur Verfügung zu stellen und die Verteidigungsausgaben weiter zu erhöhen. So könnten die Mängel behoben werden.

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Die VJTF ist derzeit Teil der Nato-Krisenreaktionstruppe NRF (Nato Response Force), deren Gesamtstärke zuletzt mit rund 40 000 Soldaten angegeben wurde. Neben Landstreitkräften umfasst sie auch Luft- und Seestreitkräfte sowie Spezialkräfte. Künftig wird die VJTF voraussichtlich Teil eines neuen Streitkräfte-Modells sein. Es sieht angesichts der möglichen Gefährdung durch Russland vor, künftig mehr als 300 000 Soldaten für Krisen in hoher Einsatzbereitschaft zu halten.

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