Robust und schmackhaft

Wie und warum alte Nutztierrassen am Leben gehalten werden

  • Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Seit im 20. Jahrhundert Traktoren in der Landwirtschaft Einzug hielten, brauchen Bauern keine starken Rinder mehr, die einen Pflug ziehen können. Beliebt sind seither die Tiere, die viel Milch geben. Solche Kühe wurden in den 1960er Jahren gezüchtet. Die altgedienten Rassen verschwanden von der Bildfläche. Sie haben höchstens noch in Restbeständen überlebt, zum Beispiel auch, weil die Tierzucht in der DDR für alle Fälle das Genmaterial erhalten wollte.

Ähnlich verhielt es sich mit Hühnern, die im Stall viele Eier legen sollten. Darauf, als freilaufendes Tier ein tarnendes Federkleid zu besitzen, um von Raubvögeln aus der Luft schlechter erspäht zu werden, kam es nicht mehr an. Und ein Schwein sollte schnell fett und schlachtreif werden. Ob es die Unbilden der Witterung gut aushält und selten krank wird, spielte kaum eine Rolle. Dafür gab es ja den Tierarzt und vorbeugend verabreichte Medikamente.

Bedrohte Haustierrassen
  • In Deutschland wird seit 1984 eine spezielle Rote Liste gefärdeter Haustierrassen geführt.
  • 165 Haustierrassen gelten in der Bundesrepublik als einheimische Rassen.
  • 56 von 80 einheimischen Rassen von Pferd, Rind, Schwein, Schaf und Ziege sind als gefährdet eingestuft.
  • Während weltweit alle zwei Wochen eine Nutztierrasse ausstirbt, ist das in Deutschland seit den 1980er Jahren nicht mehr vorgekommen.
  • Das Land Brandenburg verspricht zur Erhaltung jährliche Fördermittel von 140 bis 260 Euro je Großvieheinheit. Eine solche Großvieheinheit ist definiert mit 500 Kilogramm Lebendgewicht.
  • In Brandenburg leben 4,1 Prozent der Nutztierbestände Deutschlands. af

    Doch Biobauern und andere Landwirte setzen in letzter Zeit wieder stärker auf alte, robuste Nutztierrassen. Eine Kuh, die weniger Milch gibt, aber auch weniger Kraftfutter frisst, ein Huhn, das kleinere Eier legt, aber weniger Medizin benötigt, ein Schwein, das langsamer wächst, aber dessen Fleisch besser schmeckt – die haben etwas für sich. Diese Sachverhalte beschreibt Professor Bernhard Hörning von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde in seinem Buch »Alte Schwarzbunte und Sattelschweine« ausführlich und anschaulich.

    Das brandenburgische Agrarministerium hat diese Publikation über gefährdete Nutztierrassen im Bundesland in einer Startauflage von 2000 Exemplaren herausgegeben und am Montag auf diese neue Publikation aufmerksam gemacht. Die Vielfalt der Natur schwinde von Jahr zu Jahr, bemerkt Agrarminister Axel Vogel (Grüne) im Vorwort. »Die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten ist lang.«

    Öffentlich wahrgenommen werden allerdings fast nur die gefährdeten großen Wildtiere. Viele Menschen wissen nicht, so Vogel, dass inzwischen auch Nutztierrassen vom Aussterben bedroht seien. Statistisch verschwinde weltweit alle zwei Wochen eine Nutztierrasse von der Erde. »Dem Diktat der Ökonomie gehorchend wird sie verdrängt von einer der spezialisierten Hochleistungsrassen.« Dabei werden sich einige Vorzüge alter Rassen erst in Zukunft erweisen. Klar zeichnet sich das angesichts des Klimawandels bereits bei der Frage ab, welche Tiere mit großer Hitze zurechtkommen. Andere Vorteile alter Rassen werden sich womöglich erst später herausstellen.

    So richtig es aus Sicht des Politikers ist, Erbgut einzufrieren und in Genbanken zu bewahren – Forscher zweifeln daran, »ob es wirklich möglich sein wird, zum Beispiel in 100 Jahren altes Sperma oder alte Eizellen wieder einzusetzen«, weil die Umwelt nicht konserviert werden könne. »Darum ist es immer der bessere Weg, alte Rassen am Leben zu halten«, meint Vogel.

    In der DDR kümmerten sich ausgewählte Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) oder volkseigene Güter darum, in einigen Fällen auch der Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter. Heute tun das in Brandenburg engagierte Bauernhöfe und Hobbyzüchter und auch die eine oder andere Agrargenossenschaft. Davon profitiert etwa das Schwarzbunte Niederungsrind, von dem Ende der 1980er Jahre in der Bundesrepublik nur noch 400 Kühe übrig geblieben waren. In der DDR hatte man dieses Niederungsrind zur Züchtung des Schwarzbunten Milchrinds genutzt, aber 3000 Stück der Ursprungsrasse als Genreserve behalten. Ende der 1960er Jahre kümmerte sich der volkeigene Betrieb Tierzucht Cottbus darum – im Verbund mit drei volkseigenen Gütern und der LPG Gräfendorf. Die Agrargenossenschaft Gräfendorf ist in dieser Sache bis heute aktiv.

    Die von 1971 bis 1987 in der DDR gezüchtete Fleischrindrasse Genotyp 67 drohte mit der Wende ausgelöscht zu werden. Westdeutschen Zuchtverbandsfunktionären erschien sie als nicht erhaltungswürdig. Doch Brandenburger Züchter sicherten den Fortbestand des Genotyps 67 unter einem neuen, griffigen Namen: Uckermärker Fleischrind. Als bedroht gilt es nicht, da es bei Totalverlust jederzeit aus den Ursprungsrassen nachgezüchtet werden könnte.

    Das gilt beispielsweise nicht für einige alte Schweinerassen. Um nicht deren Aussterben durch die in Brandenburg grassierende Afrikanische Schweinepest zu riskieren, wurden Exemplare in andere Gegenden Deutschlands verbracht, in denen die Schweinepest noch nicht umgeht. 

    Bernhard Hörning: Alte Schwarzbunte und Sattelschweine, 120 Seiten, Bestellung beim Ministerium unter Tel.: (0331) 8667237 oder per E-Mail: bestellung@mluk.brandenburg.de

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