Keine gesunde Röte

Eine der Ursachen der Hautkrankheit Rosazea könnten Milben sein

  • Angela Stoll
  • Lesedauer: 5 Min.
Rosazea zieht sich oft über Wangen und Nase, kann aber auch die Augen betreffen.
Rosazea zieht sich oft über Wangen und Nase, kann aber auch die Augen betreffen.

Wer an Rosazea leidet, befindet sich in guter Gesellschaft: Auch Prominente wie Lady Diana, Andy Warhol und Rembrandt sollen die Hautkrankheit gehabt haben. Eigentlich ist es nicht weiter erstaunlich, dass auch Berühmtheiten von den chronischen Gesichtsrötungen betroffen sind: Das Phänomen gehört zu den verbreitetsten Hautproblemen bei Erwachsenen ab 30 Jahren. Wie häufig es allerdings wirklich ist, ist nicht abschließend erforscht – die Zahlen variieren zwischen vier und zwölf Prozent der Bevölkerung.

Studien weisen darauf hin, dass vielen Menschen gar nicht klar ist, dass sie von Rosazea betroffen sind. Anfangs bereitet die Krankheit außer mit den gelegentlich roten Wangen keine großen Probleme. Das kann sich mit der Zeit ändern – schlimmstenfalls entwickelt sich ein Rhinophym, eine sogenannte Knollen- oder Säufernase. Solche Folgen können psychisch sehr belastend sein.

»Die Diagnose wird oft später gestellt, als mir lieb wäre«, sagt der Rosazea-Experte Markus Reinholz von der Hautklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München. »Je weiter die Krankheit fortgeschritten ist, desto aufwendiger und langwieriger ist die Behandlung.«

Erstes Symptom sind bei vielen Patienten anfallsartige Rötungen: Ausgelöst durch Hitze, scharfe Speisen, Alkohol oder Stress wird das Gesicht ein paar Minuten lang hochrot – vor allem an Nase, Wangen und Stirn. Über die Jahre können sich daraus Rötungen (Erytheme) entwickeln, die nicht mehr verschwinden und oft von geplatzten Äderchen begleitet werden. Zudem ist die Haut häufig trocken, brennt und juckt. Manchmal entstehen gerötete Pickel oder Pusteln, in anderen Fällen bilden sich Wucherungen um die Talgdrüsen. So kann es zu einem Rhinophym kommen, einer knollenförmigen Verdickung der Nase. Diese Verformung betrifft fast nur Männer. »Wahrscheinlich liegt das daran, dass die männliche Haut über mehr Talgdrüsen verfügt«, sagt Reinholz, der auch als niedergelassener Dermatologe in München arbeitet. Abgesehen davon tritt Rosazea nicht selten auch am Auge auf, was Rötungen, Brennen und Juckreiz zur Folge hat.

Wie es zu der Krankheit kommt, ist nicht ganz klar. »Es handelt sich um ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren«, sagt der Sprecher der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, Peter Elsner. »Auf jeden Fall spielt die Veranlagung eine Rolle.« Meist wird das Phänomen bei Menschen mit heller Haut beobachtet – daher hatte es einst auch den Beinamen »Fluch der Kelten«. Ob dieser Hauttyp wirklich besonders anfällig ist oder ob Rötungen darauf nur besonders sichtbar sind, ist allerdings unklar.

Offenbar spielt vor allem das angeborene Immunsystem eine Rolle, das übermäßig stark auf bestimmte Trigger reagiert. »So kommt es zu einer Entzündung, in deren Folge etwa Knötchen und Pusteln entstehen«, sagt Elsner. Gleichzeitig bewirken äußere Einflüsse wie UV-Licht, Stress, Hitze, starke Kälte, scharfe Speisen und Alkohol Gefäßerweiterungen, die mit der Zeit zu krankhaften Veränderungen führen.

Möglicherweise wird die Entzündung von Haarbalgmilben ausgelöst. Dabei handelt es sich um winzige Spinnentiere, die in Haarfollikeln vor allem des Gesichts leben und sich von Talg ernähren. »Eine Besiedlung mit diesen Demodex-Milben ist etwas ganz Normales«, sagt Reinholz. Die unsichtbaren Lebewesen finden sich bei den meisten Menschen. Wissenschaftler haben entdeckt, dass auf der Haut von Rosazea-Patienten sehr viel mehr Demodex-Milben siedeln als üblicherweise. Offenbar löst diese Besiedlung eine übermäßig starke Immunantwort aus. »An der Frage, welche Rolle die Milben spielen, forschen wir gerade«, sagt der Experte. Klar ist, dass die Tiere optimal an den menschlichen Wirt angepasst sind und in Symbiose mit ihm leben. »Man vermutet, dass der Mensch auch Vorteile von dieser Besiedlung hat.« Sonst hätte sich die Milbe im Zuge der Evolution nicht durchsetzen können. »Vielleicht ist das Gleichgewicht bei Rosazea-Patienten aber durch UV-Strahlung oder Bakterien gestört«, erklärt Reinholz. »Doch das ist Spekulation.«

Für die Rolle der Spinnentiere spricht, dass der Wirkstoff Ivermectin, mit dem Parasiten wie Fadenwürmer, Läuse und Milben erfolgreich bekämpft werden, bei Rosazea hilft. Vor ein paar Jahren wurde eine Ivermectin-Creme zur Behandlung der Hautkrankheit zugelassen. »Etwa 60 Prozent der Patienten zeigen nach 16-wöchiger Anwendung eine mildere Symptomatik«, berichtet der Hautarzt. »Es ist aber nicht klar, ob das Mittel wirklich die Demodex-Milben bekämpft. Wahrscheinlich wirkt es allgemein antientzündlich.«

Daneben gibt es einige andere Medikamente zum Auftragen, mit der sich die lästigen Hauterscheinungen lindern lassen. Dazu zählen Antibiotika, Azelainsäure und Brimonidin. »Brimonidin blockt die Gefäßerweiterungen und wirkt gut gegen Rötungen«, sagt der Dermatologe Elsner. »Es hat aber keine Langzeitwirkung.« In schweren Fällen werden auch Mittel zum Einnehmen, meist Antibiotika, verordnet. »Man muss die Behandlung immer individuell anpassen und Verschiedenes probieren«, erklärt der Hautarzt. »Es gibt keine Therapie, die auf einen Schlag hundertprozentig erfolgreich wäre.« Ergänzend stehen nicht-medikamentöse Verfahren zur Verfügung. So lassen sich erweiterte Äderchen gut mit einer Lasertherapie veröden und Rhinophyme, die Knollennasen, operativ korrigieren.

Die Krankheit ist zwar nicht bedrohlich, doch können Betroffene unter den allseits sichtbaren Rötungen, Pickeln, Pusteln und Deformationen psychisch sehr leiden. Abgesehen davon können Rhinophyme so stark wachsen, dass sie die Nasenatmung behindern. »Leider werden die Patienten oft nicht ernst genommen«, sagt Reinholz. »Bei manchen dauert es acht, neun Jahre, bis sie endlich richtig behandelt werden.« In der Regel lässt sich Rosazea nämlich gut beherrschen, wenn auch nicht heilen.

Auch Betroffenen selbst können einiges dazu beitragen, um die Hautprobleme in den Griff zu bekommen. Wenn möglich, sollten sie Triggerfaktoren wie UV-Licht, scharfe Speisen und Alkohol meiden. Außerdem ist es wichtig, sanft mit der Haut umzugehen. »Wie bei kaum einer anderen Hauterkrankung kommt es bei Rosazea auf die richtige Pflege an«, sagt Reinholz. Scharfe Gesichtswässer reizen die empfindliche Haut, auch reichhaltige Cremes wirken oft kontraproduktiv.

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