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Pyro-Show von Karlsruhe mit Folgen

Fußballfans beklagen nach Polizeibesuchen unverhältnismäßige Einsätze – derartige Fälle häufen sich

  • Christoph Ruf, Karlsruhe
  • Lesedauer: 4 Min.
Nachdem Karlsruher Fans im November beim Spiel gegen St. Pauli jede Menge Qualm produziert hatten, bekamen einige nun Besuch von der Polizei.
Nachdem Karlsruher Fans im November beim Spiel gegen St. Pauli jede Menge Qualm produziert hatten, bekamen einige nun Besuch von der Polizei.

Morgens um sieben in Deutschland: Der Kaffee dampft, die Kinder reiben sich den Schlaf aus den Augen. Dann klingelt es an der Tür, draußen stehen vermummte Polizeibeamte. Kurz darauf ist die Wohnung in einem desaströsen Zustand. Und Papa muss den weinenden Kindern so einiges erklären, was er eigentlich selbst nicht versteht. So oder so ähnlich begann der Dienstag für einige Fußballfans des Zweitligisten Karlsruher SC: Sie erhielten Besuch von der Polizei, die Razzien in den Privaträumen der Fans durchführte. Betroffen waren dabei 25 Wohnungen im westlichen Teil Baden-Württembergs. Dabei wurden laut Polizei »pyrotechnische Gegenstände und Vermummungsmaterialien« gefunden. Haftbefehle wurden nicht erlassen.

Die Ermittlungen sind eine Reaktion auf das Heimspiel des KSC gegen den FC St. Pauli am 12. November. Harmlos war es tatsächlich nicht, was damals passierte: Die Ultragruppe »Rheinfire« hatte ihr 20-jähriges Jubiläum so exzessiv mit Pyrotechnik und Feuerwerk gefeiert, dass die Partie eine Viertelstunde später angepfiffen werden musste. Die von Ultragruppen gern getätigte Behauptung, Pyrotechnik sei, wenn sie richtig gehandhabt werde, ungefährlich und tangiere unbeteiligte Zuschauer nicht, wurde ebenfalls erschüttert. Neun Personen erlitten damals eine Rauchgasvergiftung, darunter auch ein Kind.

Nur, und auf diesen Unterschied legt der Berliner Fananwalt René Lau Wert: »Man kann zu Pyrotechnik stehen, wie man will. Aber im Gegensatz zu Gewaltverbrechen liegt hier nie Vorsatz vor. Jemand, der in der Mitte des Blocks eine Fackel anzündet, ist von seinen Freunden umgeben.« Auch in Karlsruhe sollte niemand verletzt werden: Dass der Rauch im frisch bezogenen neuen Stadion bei dessen Pyropremiere unter dem weit vorstehenden Dach nicht abziehen würde, war nicht einkalkuliert. Das macht es für die Verletzten natürlich nicht besser.

Am Tag nach der Polizeiaktion herrschte in der Karlsruher Fanszene dennoch Fassungslosigkeit, nicht weil die Staatsanwaltschaft auf die Geschehnisse reagiert hatte, sondern weil die Razzia nach Ansicht der Fans unverhältnismäßig ablief. Tatsächlich kam es bei dem Einsatz von 100 Beamten offenbar zum Teil zu Szenen wie der eingangs beschriebenen. Eine andere Person wurde an ihrem Arbeitsplatz in Gewahrsam genommen – in Handschellen. Dem Vernehmen nach wurden bei einigen Durchsuchungen die Türen auch eingetreten, ohne dass zuvor geklingelt worden wäre. Von der Maßnahme waren offenbar auch Angestellte des Sicherheitsdienstes betroffen, die im Verdacht stehen, bei den Eingangskontrollen beide Augen zugedrückt zu haben. Aus »ermittlungstaktischen Gründen« wollte die Polizei das gegenüber »nd« weder bestätigen noch kommentieren. Man ermittle weiter und sichte das sichergestellte Material, zu dem auch Mobiltelefone und Speichermedien gehörten, und das »ergebnisoffen«, wie ein Polizeisprecher betonte.

Unabhängig davon, wie man zu Pyrotechnik stehe, gebe es keinen Grund, die Fans so zu behandeln, als hätten sie sich der schweren Körperverletzung oder schlimmerer Delikte schuldig gemacht, meint hingegen Fananwalt Lau. Aber: »Die Karlsruher Staatsanwaltschaft ist dafür bekannt, dass sie im Fußballkontext gerne mit Kanonen auf Spatzen schießt«. Und zum anderen entspreche dieses Vorgehen der bundesweiten polizeilichen Linie seit dem Ende des Corona-Spielbetriebs: »Von dem Weg, auf Dialog und Deeskalation zu setzen, ist nichts mehr zu merken. Es geht nur noch um Repression als Allheilmittel

Tatsächlich deuten Vorfälle aus allen Landesteilen darauf hin, dass die Polizei gegen Fans deutlich niederschwelliger und repressiver vorgeht als vor dem coronabedingten Sonderspielbetrieb. Ein Beispiel: Vor dem Regionalligaspiel zwischen Carl Zeiss Jena und Lok Leipzig wollte die Polizei allen Fans anderer Vereine verbieten, das Stadion zu betreten – und die Fanräume der Heimszene durchsuchen.

Kein Einzelfall: Unter Hinweis auf die Gefahrenabwehr hat die Polizei im vergangenen Halbjahr vielerorts präventiv Aktionen wie in Jena durchgeführt, die zuvor undenkbar gewesen wären. Im September wurden ohne jeden Anlass in Regensburg Porträtfotos von St.-Pauli-Fans im Gästeblock angefertigt. Bei vielen Dritt- und Viertligapartien kreisen Drohnen über den Stadien. Für die am Wochenende beginnende Rückrunde in der dritten Liga muss das ebenso wenig Gutes verheißen wie für die Wochen danach, in denen die erste und zweite Liga in die Rückrunde starten, zumal derzeit auch in Sachen Pyrotechnik die Fanseite nicht zur Deeskalation beiträgt. Selbst langjährige Stadionbesucher können sich nicht daran erinnern, dass in den Fankurven je so viel gezündelt worden wäre wie in der abgelaufenen Hinrunde.

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