Die Mär vom Wohlstandsverlust

Der produzierte Reichtum – das BIP – ist im Jahr 2022 trotz Energiepreiskrise um 1,9 Prozent gestiegen

  • Simon Poelchau
  • Lesedauer: 6 Min.
Der gesamtwirtschaftliche Kuchen wurde vergangenes Jahr nicht kleiner, sondern größer.
Der gesamtwirtschaftliche Kuchen wurde vergangenes Jahr nicht kleiner, sondern größer.

Deutschland durchlebt gerade eine etwas eigenartige Krise. Die hohe Inflation belastet Verbraucher*innen und Unternehmen. Sie betrug vorläufigen Schätzungen zufolge im vergangenen Jahr 7,9 Prozent und war damit so hoch wie noch nie in der BRD-Geschichte. Warnungen vor einer Deindustrailisierung aufgrund der hohen Energiepreise machen schon die Runde. Doch ist dies noch nicht am Arbeitsmarkt angekommen. 

Ganz im Gegenteil: Trotz schwieriger Wirtschaftslage nehme der Fachkräftemangel zu, warnte die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) diese Woche. Zwei Millionen Arbeitsplätze sind demnach vakant. »Das entspricht einem entgangenen Wertschöpfungspotenzial von fast 100 Milliarden Euro«, so DIHK-Vize-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. Gleichzeitig arbeiteten im vergangenen Jahr hierzulande so viele Menschen wie noch nie. 45,6 Millionen Erwerbstätige hatten ihren Arbeitsort in Deutschland. Das waren nochmal 1,3 Prozent oder 589 000 Personen mehr als im Jahr zuvor.

Trotz des viel beschworenen Fachkräftemangels und der Energiepreiskrise wuchs die deutsche Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr. Sie legte 2022 um 1,9 Prozent zu, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. Preisbereinigt wohlgemerkt, also nach Abzug der Inflation. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) belief sich damit im Jahr 2022 auf über 3,8 Billionen Euro nach rund 3,6 Billionen Euro im Jahr 2021. Getragen wurde das Wachstum rein rechnerisch weniger von den staatlichen Unterstützungsmaßnahmen. So erhöhten sich die Konsumausgaben des Staates mit 1,1 Prozent »vergleichsweise moderat«, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Ausschlaggebend für das Wachstum waren vielmehr der private Konsum und die Ausrüstungsinvestitionen. Sie stiegen um 4,6 beziehungsweise 2,5 Prozent.

Zwar musste Deutschland wegen der im Zuge der Energiepreiskrise gestiegenen Importkosten einen »Teil dieses Kuchens« ans Ausland abtreten, wie es Timo Wollmershäuser vom Münchner Ifo-Institut formuliert. »Insgesamt ging Deutschland im vergangenen Jahr Realeinkommen und damit Wohlstand im Umfang von schätzungsweise knapp 110 Milliarden Euro verloren.« So stiegen die gesamtwirtschaftlichen Importausgaben mit 6,7 Prozent schneller als die Exporteinnahmen mit 3,2 Prozent. Dennoch dürfte die hiesige Wirtschaft im vergangenen Jahr wieder einen Exportüberschuss erzielt haben. Nach Berechnungen des Ifo-Instituts vom Dezember dürfte sich dieser auf 64,5 Milliarden Euro beziehungsweise 1,7 Prozent des BIP belaufen haben.

Man kann also sagen, dass der gesamtgesellschaftliche Wohlstand im vergangenen Jahr nicht weniger, sondern mehr wurde – auch wenn es durchaus Kritik am BIP als einzigen Indikator für Wohlstand gibt. So sagt das BIP zum Beispiel nichts aus über soziale Gerechtigkeit oder den Zustand der Umwelt. Doch geht man davon aus, dass sich der materielle Wohlstand eines Landes an dem in ihm produzierten materiellen Reichtum bemisst, so ist das BIP durchaus ein wichtiger Indikator. Schließlich beziffert das BIP den Wert der in einem Land hergestellten Waren und Dienstleistungen. Wenn das BIP wie im vergangenen Jahr gewachsen ist, dann ist also dieser Kuchen trotz Energiepreiskrise gewachsen – und damit auch der gesellschaftliche Wohlstand. 

Auch die von Ökonom*innen prognostizierte Rezession in diesem Jahr wird vermutlich nur zu einer kleinen Wohlstandsdelle führen. So geht das Ifo-Institut davon aus, dass das BIP dieses Jahr nur um 0,1 Prozent schrumpfen wird. Zum Vergleich: Im Coronajahr 2020 sank die Wirtschaftsleistung um 3,7 Prozent.

Trotzdem machen derzeit Warnungen vor angeblich drohenden Wohlstandsverlusten die Runde. »Langfristig müssen wir unseren gesellschaftlichen Wohlstand neu begründen. Wir werden gerade kollektiv ärmer«, warnte etwa FDP-Chef und Bundesfinanzminister Christian Lindner kurz vor Weihnachten in einem Interview. »Die fetten Jahre sind jetzt erstmal vorbei«, behauptete Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger bereits vergangenen Juni. Deutschland sei viele Jahre durch eine »Wohlstands- und Wohlfühloase« getaumelt. »Aber damit ist jetzt Schluss«, so Dulger.

Doch angesichts eines BIP-Wachstums von 1,9 Prozent stellt sich die Frage, ob wir tatsächlich gerade alle kollektiv ärmer werden, wie es Lindner behauptet. Oder leiden manche mehr und andere weniger unter der Energiepreiskrise? Dabei ist unbestritten, dass die hohe Inflation im Zuge der Energiepreiskrise zu einem massiven Kaufkraftverlust bei den Beschäftigten führt. Das Statistische Bundesamt bezifferte zuletzt im November die Reallohnverluste auf 5,7 Prozent. Auch trifft die Energiepreiskrise ärmere Haushalte am stärksten, wie mehrere Studien zeigen, da diese einen weitaus größeren Anteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel und Energie ausgeben, deren Preise besonders stark gestiegen sind.

Bei den Gewinnen sieht es anders aus. Zwar sind die Unternehmens- und Vermögenseinkommen im vergangenen Jahr leicht um 0,6 Prozent zurückgegangen. Dieses Jahr dürften die Gewinne jedoch um 9,8 Prozent kräftig steigen, prognostiziert das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Gleichzeitig trifft der Profitrückgang im vorigen Jahr nicht alle gleichermaßen. So berechnete die Beratungsfirma EY im November, dass die Gewinne der im Deutschen Aktienindex (Dax) gelisteten größten deutschen Aktiengesellschaften im dritten Quartal 2022 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 28 Prozent auf einen Rekordwert von 44,7 Milliarden Euro gestiegen sind. »Es scheint, dass der Schwung der ersten drei Quartale ausreicht, damit 2022 in Summe ein Rekordjahr wird«, prophezeite EY-Partner Mathieu Meyer für das Gesamtjahr. 

Folglich ist es also nicht so, dass alle kollektiv ärmer werden wegen der Energiepreiskrise. Stattdessen leiden vor allem Beschäftigte und arme Haushalte unter der Energiepreiskrise. 

Dabei gibt es neben der Energiepreiskrise einen zweiten Faktor, der angeblich langfristig zu Wohlstandsverlusten führt: der demografische Wandel. »Wir müssen schneller werden, wir müssen besser werden«, forderte Arbeitgeberpräsident Dulger Anfang Januar. Weil die sogenannten Babyboomer ab 2025 in Rente gehen, werde es zu einem Wohlstandsverlust kommen. Solche Hiobsbotschaften passen gut zu Dulgers Arbeitgeberforderungen. So kämpft er schon seit längerem für ein höheres Renteneintrittsalter und würde es am liebsten an die steigende Lebenserwartung koppeln. 

Alexander Herzog-Stein sieht zwar auch den demografischen Wandel als gesellschaftliche Herausforderung an. Der IMK-Arbeitsmarktexperte hält es aber für falsch, deswegen Ängste zu schüren. Zum einen hängt ihm zufolge das Erwerbspersonenpotenzial nicht allein vom demografischen Wandel ab. Etwa bei den Faktoren Migration, Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren sowie bei unfreiwilliger Teilzeitarbeit sieht er Potenziale, dem demografischen Wandel entgegenzuwirken. 

Vor allem aber hat für Herzog-Stein die Debatte auch eine technische Komponente: »Wohlstandszuwächse kommen nicht durch einen stärkeren Einsatz von Arbeit, sondern durch die Steigerung der Produktivität.« Gleichzeitig hinkt ihm zufolge auch die Argumentation, dass der demografische Wandel zu einem Wohlstandsverlust führt, weil weniger gearbeitet und so vielleicht auch ein niedrigeres BIP erzeugt wird. »Entscheidend für den Wohlstand ist nicht das Bruttoinlandsprodukt, sondern das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf«, so Herzog-Stein. 

Das bedeutet also, dass der demografische Wandel langfristig vielleicht zu einem niedrigeren BIP führen kann. Da dieses aber auf weniger Menschen aufgeteilt wird, geht dadurch nicht der Wohlstand zurück. So geht keiner davon aus, dass Indien ein reicheres Land als die Schweiz ist, auch wenn das indische BIP fast viermal so groß ist wie das Schweizer. 

Die Panikmache vom angeblichen Wohlstandsverlust ist also eins: eine Mär.

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