Der Psychotherapeut der Nation geht

Der ukrainische Top-Regierungsberater Oleksij Arestowytsch zieht sich nach Dnipro-Aussage zurück

Umstritten, aber mit großer Reichweite: Mit Olexij Arestowytsch geht der bekannteste Berater im ukrainischen Machtapparat.
Umstritten, aber mit großer Reichweite: Mit Olexij Arestowytsch geht der bekannteste Berater im ukrainischen Machtapparat.

Vier Tage nach dem russischen Angriff auf die zentralukrainische Großstadt Dnipro haben die lokalen Behörden am Dienstag die Rettungsarbeiten für beendet erklärt. 45 Menschen seien durch den Einschlag einer Überschallrakete des Typs Ch-22 am 14. Januar ums Leben gekommen, erklärte der Leiter der lokalen Militäerverwaltung Walentyn Resnitschenko. 15 konnten bisher nicht identifiziert werden.

Noch während die Aufräumarbeiten an dem völlig zerstörten neungeschossigen Plattenbau liefen, diskutierte die Ukraine über die Aussagen des Beraters des ukrainischen Präsidentenbüros, Oleksij Arestowytsch. In einem Interview direkt nach dem Angriff hatte Arestowytsch die Möglichkeit ins Spiel gebracht, die russische Rakete könne durch die ukrainische Luftabwehr in das Haus gelenkt worden sein. Eine seiner Quellen hätte von zwei Explosionen gesprochen, die zu hören waren, begründete der Berater seine Aussage.

Analysen auf Russisch sorgen für Ärger

Als bekanntester Berater im ukrainischen Machtzirkel analysiert Arestowytsch seit dem Beginn der großangelegten russischen Invasion täglich das Kriegsgeschehen und spricht damit auch viele Menschen in Russland selbst an. Denn anders als viele seiner Kollegen spricht der 47-Jährige weiter Russisch, um mehr Menschen zu erreichen. Kritik ukrainischer Nationalisten hat er stets von sich gewiesen.

Mit seinen Statements und Vermutungen eckte Arestowytsch in den vergangenen Jahren immer wieder an, etwa, als er das Ende der Kriegshandlungen innerhalb von drei Wochen vorhersagte. Doch vieles, wie die Niederlage der Russen bei Kiew, bewahrheitete sich. Deshalb und wegen seiner Vergangenheit als Psychologe bezeichneten ihn Journalisten als wichtigsten Psychotherapeuten der Ukraine.

Trotz des aufziehenden Shitstorms und Erklärungen der Armee, man könne Ch-22-Raketen gar nicht abschießen, legte Arestowytsch zunächst nach und erklärte, dass niemand die Ukraine für den Tod der Menschen verantwortlich machen würde, ähnlich wie im Fall der zwei getöteten Polen im November. Als Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow kurz darauf erklärte, Moskau würde keine Wohngebäude beschießen, wurden die Vorwürfe immer lauter, der ukrainische Regierungsberater mache Propaganda für den Feind.

Arestowytsch verteidigt und entschuldigt sich

Bereits am Montag hatten mehrere Parlamentarier den Leiter des Präsidentenbüros, Andrij Jermak, aufgefordert, sich von Arestowytsch zu distanzieren, da seine Meinung zu Dnipro dem Agressor helfen würde. Der Abgeordnete Oleksij Hontscharenko startete zudem eine Unterschriftenaktion, um »Arestowytschs Phantasien« zu verurteilen und dessen Absetzung zu fordern. Die »Einbildungen Arestowytschs«, so Hontscharenko auf Telegram, kämen einem Staatsverrat gleich.

Am Dienstag legte Arestowytsch schließlich sein Berateramt nieder. »Ich möchte ein Beispiel für zivilisiertes Verhalten abgeben: Ein grundlegender Fehler bedeutet Rücktritt«, schrieb Arestowytsch auf Facebook. Zuvor hatte er von einem »ernsthaften Fehler« gesprochen, den er im Live-Interview begangen habe, und entschuldigte sich bei den Angehörigen der Opfer von Dnipro. Zugleich sprach er von einer gezielten Kampagne der Opposition und aus Moskau gegen ihn und verurteilte den Hass, der sich über ihn in den vergangenen Tagen ergoss. Zu seinen Zukunftsplänen äußerte sich Arestowytsch nicht.

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