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»Barcelona ist eine Klassengesellschaft«

Der Rentner Joan Guitart über den Wandel des Altstadtviertels Raval und den größten Auftritt seines Laienchors

  • Julia Macher
  • Lesedauer: 7 Min.
Gemeinsam mit elf Laienchören hat Joan Guitart eine Oper über die Entwicklung des Altstadtviertels Raval auf die Bühne gebracht.
Gemeinsam mit elf Laienchören hat Joan Guitart eine Oper über die Entwicklung des Altstadtviertels Raval auf die Bühne gebracht.

Vor Kurzem standen Sie auf der Bühne von Barcelonas berühmten Opernhaus Liceu. Dabei haben Sie gar keine Gesangsausbildung, können nicht einmal frei vom Blatt singen. Wie kam es dazu?

Das Liceu wollte zusammen mit dem Raval, dem Altstadtviertel westlich der Rambla, ein Gemeinschaftswerk auf die Bühne bringen, eine selbstgeschriebene Oper mit dem Namen »La gata perduda« (Die verlorene Katze, Anm. d. Red.). Dazu wurden alle Laienchöre des Viertels angefragt, auch die Societat Coral Girasol, in der ich seit mehr als 60 Jahren singe, seit meinem fünften Lebensjahr. Natürlich haben wir mitgemacht. Wann hat man schon einmal die Gelegenheit, auf so einer Bühne zu stehen?

Was war das für ein Gefühl bei der Premiere?

Überwältigend. Allein der Blick in den riesigen Zuschauerraum mit den berühmten, prachtvollen Logen war unglaublich. Das Haus war bis auf den letzten Platz ausverkauft! Wir hatten ein fantastisches Bühnenbild, mit einem Podest, auf dem der Chor hoch- und runtergefahren wurde. Ich bin mehr als 70 Jahre alt – aber so etwas habe ich noch nicht gesehen. Da bekomme ich heute noch Gänsehaut.

Elf Laienchöre mit insgesamt 250 Sängerinnen und Sängern haben bei »La gata perduda« mitgewirkt. Wie haben sie denn alle gemeinsam geprobt?

Die einzelnen Akte haben wir nach Gehör einstudiert, über Audios, die wir zugeschickt bekamen. Zunächst jeder für sich, dann gemeinsam mit dem jeweiligen Chor oder zwei, drei anderen. Im Liceu selbst haben wir vor der Premiere nur zwei Mal geprobt. Da haben vielen die Knie gezittert.

Ihnen auch?

Na ja, das Singen war für mich nicht das Problem. Aber das Schauspielern fiel mir schwer. Wir mussten auf der Bühne hin- und herlaufen, Treppen hoch- und runtergehen, miteinander agieren. Das war eine ziemliche Herausforderung. Normalerweise hat im Chor jeder seinen festen Platz: da die Baritone, hier die Tenöre, dort der Alt. Aber hier war alles ständig in Bewegung.

In »La gata perduda« geht es um Fernando Boteros berühmte Katzenskulptur, das Symbol des Raval, die eines Tages spurlos verschwunden ist. Ein zwielichtiger Magnat will sie verkaufen. Neben diesen beiden Figuren treten auch noch ein Sekretär, eine Architektin und ein Detektiv auf. Welche Rolle spielt der Chor?

Wir repräsentieren »la gent del Raval«, die Menschen aus dem Viertel Raval, also eigentlich den wichtigsten Part. Man hat uns spezielle Kostüme geschneidert. Jede Sängerin, jeder Sänger hatte auf seinem Pulli oder T-Shirt das Portrait eines anderen Bewohners aus dem Raval gedruckt. Bei mir war es eine Mitarbeiterin aus dem Rathaus, bei einem Kollegen die eigene Frau. So standen eigentlich nicht 250, sondern 500 Menschen aus dem Raval auf der Bühne.

Das Opernhaus Liceu gilt seit seiner Gründung vor 175 Jahren als Aushängeschild und Treffpunkt von Barcelonas Großbourgeoisie. Im Raval dagegen leben hauptsächlich Migrant*innen und Arbeiter*innen, in Barcelona assoziieren viele das Viertel mit Prostitution und Kriminalität. War das auch Thema der Oper?

Natürlich! Barcelona ist eine Klassengesellschaft und es ist ja tatsächlich so, dass die Reichen und Mächtigen oft nur zum Opernbesuch in die Altstadt kommen. Für das Viertel ringsum, für uns Menschen, die dort leben, interessieren sie sich nicht. Deswegen singen wir auch in einem Lied: »Guckt uns nicht mehr mit hochgezogenen Augenbrauen an!«

Kann eine Oper helfen, Vorurteile zu überwinden?

Sie hilft vielleicht, die Augen zu öffnen. Für die künstlerischen Talente, die wir hier haben! Dianna Ico, zum Beispiel, die Frau, die die Rolle der Katze singt: Ihr Gesang rührt mich zu Tränen! Dianna ist hier im Viertel aufgewachsen, ihre Eltern kommen von den Philippinen. Sie hat bereits im Musical »Der König der Löwen« gesungen und ist trotzdem ganz bescheiden, ganz normal geblieben.

Machen Sie die Erfolge Ihrer Mitbewohner auch persönlich stolz?

Ja, natürlich! Mir war gar nicht klar, dass wir hier solche künstlerischen Begabungen haben! Dabei habe ich mein ganzes Leben hier im Raval verbracht. Auch wenn fast nichts mehr an das Viertel meiner Kindheit erinnert.

Inwiefern?

Früher war der Raval wie ein Dorf. Abends stellten die Leute einen Klapptisch auf die Straße, unterhielten sich und aßen draußen gemeinsam zu Abend. Das macht heute keiner mehr. Auch das Straßenbild hat sich geändert. Vor den Olympischen Spielen 1992 …

… als Barcelona die Investitionen nutzte, um sein gesamtes Stadtbild umzukrempeln …

… hat man hier ganze Straßenzüge abgerissen! Auf der Rambla del Raval, wo heute Boteros Katzenskulptur steht, standen früher dicht an dicht Häuser. Die Familien hat man umgesiedelt, viele an den Rand der Stadt verbannt. Plötzlich verschwanden Menschen und Orte, die ich seit meiner Kindheit gekannt hatte. Das war sehr seltsam.

Hat Sie das geärgert?

Ich arbeitete damals als Angestellter in einer Sparkasse. Wir verkauften unter anderem die Eintrittskarten für die Olympischen Spiele. Wie die meisten war ich von der Olympiade begeistert und habe geglaubt, dass sich das Viertel zum Besseren wandeln könnte. Und ja, manches ist besser, manches aber auch schlechter geworden.

Zum Beispiel?

Es kommen einfach zu viele Touristen. Sogar jetzt im Winter schieben sich die Massen auf den Ramblas. Ich verstehe ja, dass sie Barcelona lieben – das tue ich ja auch. Aber es sind einfach zu viele. Und sie sind zu laut! Die Engländer gelten als so höflich und zurückhaltend, aber vor unserer Haustür machen sie immer einen Riesenkrawall.

Der Massentourismus gilt auch als mitverantwortlich für gestiegene Wohnungspreise, für die Vertreibung der angestammten Bewohnerinnen und Bewohner aus der Altstadt. Stimmen Sie dem zu?

Ich hatte das Glück, immer Arbeit und ein gutes Auskommen zu haben. Ich war Angestellter bei einer Sparkasse und habe parallel dazu einen Sicherheitsdienst für Bargeld aufgebaut. Mich wollte hier niemand vertreiben. Aber in dem Haus, in dem ich früher gewohnt habe, kannte ich jeden Nachbarn, jede Nachbarin: In der Wohnung über mir lebten die Schwiegereltern, neben mir andere Verwandte. Dort, wo ich heute mit meiner Frau lebe, kenne ich inzwischen fast niemanden mehr. Nach und nach sind alle weggezogen. Das ist ein Problem.

Warum?

Der Raval zieht viele Menschen mit zweifelhaften Interessen an. Bei uns im Haus haben vor ein paar Monaten Leute eine Wohnung angemietet, um daraus ein Bordell zu machen. Da habe ich gesagt: Nein, Leute, es reicht.

Sie haben die Polizei eingeschaltet?

Ich habe meinen Einfluss spielen lassen. Wer wie ich sein ganzes Leben lang im Raval lebt, weiß, an wen er sich mit welcher Angelegenheit wenden muss. Nach einer Woche war das Problem gelöst. Um in dieser Welt nicht gefressen zu werden, braucht man Kontakte in den Himmel und in die Hölle.

Das klingt wie eine Textzeile aus »La gata perduda«.

Das ist die Schule des Lebens: Ich erkenne auf einen Blick, ob jemand etwas auf dem Kerbholz hat oder nicht. Und im Raval ist das lebensnotwendig. Es gibt mächtige mafiöse Strukturen – auf allen Ebenen. Eine Politikerin, die die Korruption in ihrer eigenen Verwaltung aufdecken wollte, erhielt Todesdrohungen.

Sie sprechen von Itziar González, die 2007 zur Stadträtin gewählt wurde und 2009 nach massiven Drohungen zurücktrat. Die von ihr Beschuldigten wurden inzwischen wegen Korruption verurteilt. Um Korruption und Spekulation geht es auch in der Oper. Ist der Raval am Ende doch so schlecht wie sein Ruf?

Gute und schlechte Menschen gibt es überall. Aber im Raval müssen wir oft die Folgen ausbaden, auch wenn wir nicht verantwortlich sind. Deswegen ist meine Lieblingsfigur in »La gata perduda« der Sekretär des Magnaten. Er arbeitet für den bösen Spekulanten, stammt aber aus dem Raval und versucht im Laufe der Oper, die Bewohnerinnen und Bewohner zu warnen. Für mich repräsentiert er am besten den Geist des Viertels.

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