Mein Freund Harvey

Ein Werkstattbericht zu »Einsteins Hirn«, dem neuen Roman von Franzobel, der heute erscheint

  • Franzobel
  • Lesedauer: 8 Min.
Erzählungen hatten ihm einen Wüstenhimmel mit Sternen versprochen. Daraus wurde für Franzobel leider nichts.
Erzählungen hatten ihm einen Wüstenhimmel mit Sternen versprochen. Daraus wurde für Franzobel leider nichts.

Lawrence, Kansas, im Mittleren Westen der USA ist ein idyllisches Städtchen mit Straßen im Schachbrettmuster, als hätte ein riesiger Zen-Gärtner seinen Rechen durchgezogen. Hier hat der amerikanische Bürgerkrieg begonnen, behaupten zumindest Stadthistoriker, und im Universitätscampus soll ein gewisser James Naismith das von ihm erfundene Basketball-Spiel populär gemacht haben. Auf der Hauptstraße drehen Gentlemen mit Auspuffen auf vier Breitreifen ihre Runden und machen dabei einen Radau wie paarungswillige Zikaden. Wohlgenährte weiße Mittelschichtsamerikaner mit Hüten, deren Krempen bis Missouri reichen, kaum Schwarze, Latinos oder Asiaten.

Hier hat vor drei Jahrzehnten der für seine Drogenexzesse bekannte Beat-Poet William S. Burroughs auf Ölbilder geschossen. Sein biederes ochsenblutfarbenes Holzhäuschen mit Veranda und Vorgarten ist typisch für die Gegend. Hier stecken Stars-and-Stripes-Fähnchen im Blumenbeet und monströse SUVs stehen in der Garage. Richtige Stars, nämlich Iggy Pop und Kurt Cobain, haben Burroughs hier besucht, Allen Ginsberg, Lawrence Ferlinghetti und viele andere. Sein Nachbar und Freund aber war der Mann, wegen dem ich von LaGuardia nach Kansas City geflogen und mit dem Shuttle weiter nach Lawrence gefahren bin – Thomas Harvey. Kein Star, zumindest kein bekannter, sondern ein damals achtzigjähriger Hilfsarbeiter, der in einer Plastikfabrik Granulat in den Extruder schüttete, um Leisten für Grußkartenregale zu produzieren. Einer von seinen ehemaligen Arbeitskollegen hat mich in den nächsten Walmart geführt, um mir diese Dinger zu zeigen – durchsichtige, handtellerbreite Plastikstreifen, hinter denen Geburtstags- oder Hochzeitskarten stecken, nicht gerade weltbewegende Objekte. Aber dieser Thomas Harvey besaß etwas, weswegen ihm die halbe Welt auf den Fersen war: das Hirn von Albert Einstein.

Ich bin die Learnard Avenue in Lawrence abgelaufen und habe Bewohner gefragt, ob sie sich an Burroughs erinnern. Die meisten hatten noch nie von ihm gehört. Und Harvey? 1955 war er Pathologe in Princeton und führte die Autopsie am toten Albert Einstein durch. Der ebenfalls anwesende Hausarzt hat sich die Augen gekrallt und Jahrzehnte später angeblich an Michael Jackson verkauft. Harvey entnahm das Gehirn, womit weder Einsteins Erben noch seine Nachlassverwalter einverstanden waren, trotzdem rückte der Pathologe das Denkorgan 42 Jahre lang nicht mehr heraus. Meist befand es sich in mit Formaldehyd gefüllten Marmeladegläsern, verräumt in Besenkammern, der Toilette oder unter Cidre-Schachteln. Harvey lebte damit in drei verschiedenen Ehen, die deswegen scheiterten, und an zahllosen, über die ganze Osthälfte der USA verstreuten Orten.

Als mir diese Geschichte zu Ohren kam, wusste ich sofort, dass ich darüber schreiben muss. Wie man als Schriftsteller zu seinem Thema kommt, mag zufällig, logisch oder irrational sein, manchmal ist der Stoff ein kosmisches Geschenk, hin und wieder aber auch eine Verhaftung, wird man doch für zwei, drei, fünf Jahre gefangengenommen. Es ist wie bei einem Bildhauer, der im unbehauenen Steinblock das Motiv nur undeutlich erahnt, aber weiß, dass viel enthalten ist, auch wenn sich das Wesentliche oft erst ganz zum Schluss zeigt.

Albert Einstein ist nicht nur der Wissenschaftsgott des zwanzigsten Jahrhunderts, sondern auch eine faszinierende Persönlichkeit. Dabei voller Widersprüche: entschiedener Pazifist, aber kurzzeitig Befürworter der Atombombe, Verfechter einer Weltregierung, moralische Instanz, aber auch ein lausiger Vater und emsiger Schürzenjäger. Über Einstein weiß man praktisch alles.

Thomas Harvey kennt dagegen niemand, dabei ist auch sein Leben gut dokumentiert. Ich habe versucht, es wahrhaftig zu erzählen, wobei beim Schreiben die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Man durchdringt sein Motiv, geht darin auf und irgendwann entsteht eine eigene Schreibwirklichkeit. Alleine die vielen Harveys: Lee Harvey Oswald, Harvey Keitel, Harvey Milk, Barclay James Harvest und »Mein Freund Harvey«, worin Elwood P. Dowd mit einem imaginären 2,10 Meter großen Hasen (Puka) befreundet ist.

Vielleicht liegt es an diesem wundervollen James-Stewart-Film, dass sich auch im Roman das Hirn zu Wort meldet und anfängt, mit Harvey zu sprechen. Der ist Mitglied der Gesellschaft der Freunde, also Quäker, und als solcher versucht er, dem Hirn Erlösung zu verschaffen. Es entspinnt sich eine Tour durch die diversen Glaubenssysteme. Harvey und das Hirn landen in Woodstock auf LSD, lernen eine RAF-Terroristin kennen, besuchen Einsteins letzte Geliebte, die Spionin Margarita Konenkova, in Moskau, machen Bekanntschaft mit der faszinierenden Welt der Schizophrenen, erleben beim Jazz in Kansas City wahrhaftes Glück, werden Teil einer hinduistischen Sekte und gelangen in einen Tempel der neuen Religion, eine New Yorker Kunstgalerie.

Schreiben erfordert Rückzug. Als Autor muss man in sich gehen, die Dinge destillieren, damit man zu einer Essenz gelangt. Für einige Kräuter muss aber sogar der introvertierteste Schreiber hinaus in die Welt. Ein Text wird wahrhaftiger, wenn die beschriebenen Orte gesehen und begriffen worden sind. Im Roman spielt etwa die Zehnte Straße in Manhattan eine Rolle. In meiner Vorstellung standen da Wolkenkratzer mit uniformierten Türstehern unter grünen Markisen. Tatsächlich gleicht die Gegend um den Washington Square Park mehr einem hippen Wohnviertel in Oldenburg oder Ottakring. Man kann sich Orte im Netz ansehen, mit Google-Maps herumwandern, aber die Realität ist meist ganz anders, weil die Stätten belebt sind, riechen, es Geräusche gibt, Wind und Wetter.

Ich bin ein Reisephobiker, muss mich zu jedem Aufbruch zwingen, bin dann aber immer überwältigt von den Eindrücken. Trotzdem war es unmöglich, alle Schauplätze des Romans aufzusuchen. Eine geplante Lesereise nach Moskau fiel dem Krieg zum Opfer. Das Burghölzli, die Psychiatrische Klinik bei Zürich, wo Einsteins Sohn Eduard untergebracht war, habe ich ebenso ausgelassen wie das serbische Novi Sad, wo Mileva Maric Einsteins Kind, das Lieserl, zur Welt brachte. Dafür konnte ich das Sommerhaus am Caputher See in Brandenburg bestaunen, ebenso Einsteins Haus in der Mercer Street in Princeton, von wo es nicht weit ist bis zum Institute for Advanced Study, durch dessen Park der Physiker gern mit Kurt Gödel spaziert ist. Nicht weit entfernt ist das Versammlungshaus der Quäker, das Harvey wöchentlich aufsuchte. Das Spital, in dem Einstein gestorben ist, musste einem Wohnblock weichen, dafür gibt es noch die Villa, in der Harvey damals lebte.

Im Gegensatz zu Historikern darf ich mich treiben lassen und auf das reagieren, was mir zufließt. Kunst verleiht den Dingen Bedeutung, feiert das Leben und ehrt den Menschen, auch einen stillen, unscheinbaren wie Thomas Harvey, der nur eine Mission hatte, das Hirn von Albert Einstein. Das Leben dieses Pathologen berührt die großen Menschheitsfragen über Physik, Wahrheiten und Glaubenssysteme. Ich bin nicht kirchlich religiös, aber spirituell, weshalb ich dem in einem Buch über den Atheismus gefundenen Postulat zustimme, dass eine Menschheit ohne Glauben verloren ist. Fragt sich nur, woran glauben? Wissenschaft? Kirchen? Sport? Die Kunst? Vielleicht sollte man es wie Auguste Renoir halten: Die Bestimmung des Menschen ist es zu leben, und seine erste Pflicht heißt, das Leben zu achten.

In Algerien und Sri Lanka hatte ich Begegnungen, die mich staunen ließen. In die nordafrikanische Wüste wollte ich, weil alle Menschen, die davon erzählten, glänzende Augen hatten. Keine meiner Erwartungen wurde erfüllt. Von wegen unvergleichlicher Sternenhimmel, es war bewölkt. Selbst in der Sahara gibt es Gentlemen, die mit Pickups über Dünen rasen. Letztlich hat sich diese Reise bloß in vier, fünf Buchseiten niedergeschlagen, aber die Begegnung mit der Wüste war essenziell.

Sri Lanka bot Buddhismus und Hinduismus. Ich bin nachts auf einen heiligen Berg gewandert, den Sri Pada mit seinen fünftausend Stufen, wo an Wochenenden bis zu zehntausend Pilger unterwegs sind. Manche laufen, andere schnaufen. Viele Händler, massig Kitsch und buddhistische Mönche, die gesegnete Schnüre um Handgelenke binden, aber genau notieren, wie viel man spendet. In der Sahara lernte ich Nomaden kennen und in Sri Lanka Tuk-Tuk-Fahrer, Leute, die kaum mehr besitzen als die Kleidung auf der Haut, aber das Leben vielleicht besser verstehen als wir, die wir einer zwanzigsten Hose oder einem sechsten Auto hinterherjagen.

Die letzte Reise aber ging nach Lawrence, Kansas, wohin sich Burroughs zurückgezogen hatte, und die seltsame Geschichte des Pathologen, der 42 Jahre lang mit Einsteins Hirn lebte, zu Ende ging. Zurück in Österreich erzählte ich davon einem Chirurgen, der meinte, dass früher die »Kronen Zeitung« der Hirnersatz der Österreicher gewesen sei. In Spitälern war es Usus, Tote zu sezieren, auch Hirne wurden untersucht. Weil ein zerschnittenes Denkorgan nicht mehr in den Schädel passt, gaben es die Pathologen in den offenen Bauchraum. Damit der Kopf nicht hohl blieb, wurde er ausgestopft, meist mit der »Kronen Zeitung«. Daher war die »Kronen Zeitung« der Hirnersatz der Österreicher.

Thomas Harvey nahm Holzwolle, das Hirn aber gab er nicht mehr her. Als Achtzigjähriger sah er aus wie Marlon Brando, arbeitete in einer Fabrik und hatte sein Leben einer Leidenschaft geopfert. Seine Quäkerfreunde in Lawrence haben mir geschildert, was für ein netter Kerl er gewesen ist.

Franzobel: Einsteins Gehirn. Zsolnay Verlag, 544 S., geb. 28 €.

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