Kein Spaziergang für Geisel

Auf seinem Besuch in der Lichtenberger Großsiedlung Fennpfuhl wird Bausenator Andreas Geisel (SPD) mit Wahlkampffragen konfrontiert

  • Patrick Volknant
  • Lesedauer: 4 Min.
Wollte eigentlich über Sicherheit und Sauberkeit reden: Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (zweiter v. r.)
Wollte eigentlich über Sicherheit und Sauberkeit reden: Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (zweiter v. r.)

»Es sind Zweifel zu spüren – aber eher von den Leuten, die vor den Häusern stehen, als von denjenigen, die da oben im elften Stock wohnen und herausgucken«, sagt Andreas Geisel (SPD), während er am Montag vor Plattenbauten des Lichtenberger Ortsteils Fennpfuhl steht. Der Senator für Stadtentwicklung ist hier, um sich ein Bild zu machen – ganz losgelöst vom Berliner Wahlkampf, wie er betont. Seit 2020 fährt das Land in 24 ausgewählten Gebieten ein Programm zur Stärkung Berliner Großsiedlungen. Rund 2,5 Millionen Euro sollen in dessen Rahmen in die Kieze geflossen sein, um dort für mehr Sauberkeit und erhöhtes Sicherheitsempfinden der Menschen zu sorgen. »Das ist privat natürlich viel Geld«, sagt Geisel. »Mit Blick auf den Haushalt ist da aber noch Luft nach oben.«

Auf dem Rundgang durch das in der DDR errichtete Wohngebiet Fennpfuhl soll der Stadtentwicklungssenator aufgeklärt werden: von örtlichen Initiativen, dem Bürgerverein, von Wohnungsbaugenossenschaften. Auch Bewohner*innen haben sich unter die Menschentraube gemischt. »Etwa die Hälfte der Menschen hat keine Probleme mit Sauberkeit«, fasst Iris Uhlenbruch von Think SI3 eine eigene Umfrage unter Fennpfuhler*innen zusammen. Der Thinktank wurde damit beauftragt, Lösungen im Kiez zu finden, insbesondere für den örtlichen Fennpfuhlpark. Neben Müll geht es um das soziale Miteinander, um alkoholisierte Pöbler*innen und aufmüpfige Jugendliche, um verunsicherte Renter*innen und Familien. »Gerade die Sicherheit ist ein ambivalenteres Thema«, sagt Uhlenbruch. »Besonders Frauen und von Diskriminierung betroffene Menschen fühlen sich unsicher.« Berichtet wird am Montag unter anderem, wie Geflüchtete einen Bogen um bestimmte Kneipen im Kiez schlagen.

Um für ein harmonisches Miteinander zu sorgen, drehen Tag für Tag sogenannte Parkläufer*innen ihre Runden durch den Fennpfuhlpark. Sie dienen, genauso wie die ebenfalls vom Thinktank organisierten »Hauslichter« in den Wohngebieten selbst, als Ansprechpartner*innen bei allerlei Problemen. »Wir drehen unsere Runden und schauen nach Abfällen«, erläutert Hauslicht Kevin Scheel seine Arbeit, bei der er mit dem Ordnungsamt und der Polizei in Kontakt steht. Von den Menschen im Ortsteil fühlt er sich akzeptiert: »Viele grüßen, bringen uns Geschenke oder Kaffee.« Auch Putzengel vom gemeinnützigen Rehabilitationszentrum Berlin-Ost (RBO) sind in Fennpfuhl unterwegs, die nicht nur für Sauberkeit sorgen wollen, sondern zugleich versuchen, Kontakt zu inaktiven Bewohner*innen herzustellen und sie vor die Tür zu locken.

Den Vorsitzenden des Fennpfuhler Bürgervereins, Rainer Bosse, stellt das alleine nicht zufrieden. »Es gibt Veränderungen zum Schlechten«, sagt er, berichtet von unzähligen Graffiti und illegal abgelegtem Sperrmüll. Er wünscht sich mehr Zusammenarbeit mit Schulen und Wohnungsunternehmen, um ein größeres Bewusstsein für Umwelt und Mitmenschen zu schaffen. Parkläufer*innen und Hauslichter seien schön und gut, doch: »Es gibt viele Dinge, die indoors passieren. Da sind Projekte auf der Straße nicht besonders hilfreich.«

Viele der Programme im Kiez seien außerdem zu kurzfristig angelegt, gingen gerade dann zu Ende, wenn die Helfer*innen sich eingearbeitet hätten. Beifall erhält Bosse für Kritik in Richtung Geisel: »Die Bürger wünschen sich eine Nachverdichtungsbremse, damit die grünen Höfe nicht zugepflastert werden.« Zudem erhielten neue Wohnungen im Kiez stets Vorzug vor dem Neubau einer Schule. »Das versteht hier niemand.«

Der Stadtentwicklungssenator rechtfertigt sich: Wegen der wachsenden Wohnungsnot sei man gezwungen, vermehrt auf landeseigene Grundstücke zuzugreifen. »Wir müssen uns überlegen, wie wir bauen«, sagt Geisel. »Die Antwort ist klar: höher und dichter als bisher.« Die Frage, ob Schul- oder Wohnungsbau werde für jeden Einzelfall abgewogen.

Auch zum Ende des Rundgangs gerät der Senator unter Druck, als plötzlich lilafarbene Flyer verteilt werden. Geisel verweist einmal mehr auf die Expert*innenkommission, die nach dem Volksentscheid »Deutsche Wohnen und Co enteignen« eingesetzt wurde. »Das geht vermutlich nicht mit dem Grundgesetz überein«, prognostiziert er.

»Das war heute eine bunte Mischung an Initiativen und Vereinen«, sagt Claudia Engelmann, queerpolitische Sprecherin der Linken im Abgeordnetenhaus, nach dem Rundgang zu »nd«. Ihr Wahlkreis liegt in Fennpfuhl. »Bei den Problemlagen, die die Menschen hier bewegen, wurde die Perspektive der Bürger*innen allerdings nicht ausreichend beleuchtet.« Auf dem 50-jährigen Fennpfuhl-Jubiläum im vergangenen Jahr habe sich der Senator trotz mehrfacher Einladung nicht blicken lassen. »Wenn man das hier jetzt drei Wochen vor der Wahl veranstaltet, ist auch klar, wo es hinführen soll.«

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