Drag ist kein Verbrechen

Drag-Lesungen für Kinder werden vermehrt zum Ziel von Rechten. Bisher überwiegt der Widerstand der Zivilgesellschaft

  • Kirsten Achtelik
  • Lesedauer: 4 Min.
Die AfD versucht in München, sich an die Spitze der queerfeindlichen Kräfte zu setzen.
Die AfD versucht in München, sich an die Spitze der queerfeindlichen Kräfte zu setzen.

Wie in Wien, so in München: Rechte Gruppen in deutschsprachigen Ländern haben Draglesungen für Kinder als Feindbild ausgemacht und versuchen diese zu verhindern. Ganz vorne mit dabei war in dieser Woche in München die AfD.

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Mitte April hatten in Wien unter anderem Rechtsextreme anlässlich der Kinderbuchlesung einer Dragqueen zu Protesten aufgerufen. Der Wiener FPÖ-Chef Dominik Nepp hatte gefordert, die Dragqueen-Lesung abzusagen, da »eine inakzeptable Frühsexualisierung von Kleinkindern« stattfinde. Die Lesung in der Türkis-Rosa-Lila-Villa, einem queeren Veranstaltungs- und Beratungsort in Wien konnte trotzdem stattfinden, eine Demonstration von Vertreter*innen der FPÖ, Identitären um Martin Sellner und Personen aus dem Hooligan-Umfeld wurde von queeren und linken Gegendemonstrant*innen unter dem Motto »Drag is not a crime« übertönt.

In München wollten am vergangenen Dienstag die Dragqueen Vicky Voyage und der Dragking Eric BigClit Kindern ab vier Jahren Geschichten und Bilderbücher vorlesen. Die 13-jährige Julana wollte aus ihrem Buch »Endlich ich! Mein Weg vom Jungen zum Mädchen« vorlesen.

Gegen diese Lesung in der Stadtbibliothek im Münchner Stadtteil Bogenhausen hatte die AfD mit einem Plakat mobilisiert, auf dem eine Dragqueen aus dem Hintergrund die Hände krallengleich nach einem kleinen, verschüchtert dasitzenden Kind ausstreckt, dazu die Parole: »Hände weg von unseren Kindern!« und »Genderpropaganda verbieten!« Auch Vertreter*innen der Reichsbürger- und Querdenker-Bewegung hatten zu Protesten aufgerufen.

Bereits Anfang Mai hatte die CSU-Fraktion im Bezirksausschuss München-Bogenhausen gefordert, die Veranstaltung zu verbieten, der Generalsekretär der Partei, Martin Huber, sprach von »woker Frühsexualisierung«. Bayerns Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident Huber Aiwanger von den Freien Wählern beschuldigte die Veranstalter*innen der »Kindswohlgefährdung« und nannte die Lesung einen »Fall fürs Jugendamt«.

Dragqueens sind meist Männer, die sich auf eine übertriebene Art weiblich konnotiert schminken und kleiden, Dragkings sind meist Frauen, die mit Kleidung und Schminke als männlich geltende Attribute überbetonen. Auf Draglesungen geht es meist darum, dass es okay ist, wenn Menschen verschieden sind. Sexualität oder geschlechtliche Identität können dabei auch erwähnt werden, sind bei solchen Lesungen für Kinder aber nicht zentral.

Doch was tatsächlich auf solchen Lesungen passiert, scheint die Gegner*innen kaum zu interessieren. Und auch nicht der Schutz von Kindern und Jugendlichen: Wegen der Anfeindungen und »aus Angst vor Gewalt« sagte die 13-jährige trans Autorin ihre Teilnahme an der Lesung ihres eigenen Buches ab – die Familie war zuvor telefonisch bedroht worden.

Am Dienstag gelang es einer Gruppe der »Identitären Bayern« und der »Burschenschaft Danubia« in die Bibliothek einzudringen. Bevor sie den Saal der Draglesung erreichten, konnten sie jedoch von Mitarbeiter*innen der Bibliothek aufgehalten werden, bis die Polizei dazukam.

Wie in Wien so waren auch in München die Unterstützer*innen der Lesung deutlich in der Überzahl. Bei der Kundgebung unter dem Motto »München ist bunt« war hier unter Regenbogenfahnen die Parole »schützt die Kinder vor der AfD«.

Rechte Strömungen haben in dem Themenkomplex Drag, transgender und geschlechtliche Identitäten ein Querschnittsthema gefunden, auf das sich von gemäßigt bis extrem rechts verschiedene Fraktionen einigen können und das auch international anschlussfähig ist. Seit Jahren warnen Aktivist*innen und Forschende davor, dass sich verschiedene rechte Akteure über Antifeminismus und Antigenderismus verbünden könnten. Selbst wenn nicht viele Leute auf die Gegendemonstrationen kommen, nimmt die Gewalt gegen nicht geschlechtskonform aussehende Menschen zu. Ein Blick in die USA verheißt nichts Gutes: Viele Bundesstaaten haben Gesetze gegen trans Personen verabschiedet oder arbeiten daran, ihnen die Teilnahme an Sport, die Benutzung von Toiletten oder den Zugang zu Medikamenten zu verwehren.

Erst am vergangenen Samstag erhielt der ehemalige US-Präsident Donald Trump für sein Versprechen, den »Genderwahnsinn« einzuschränken, auf einer Parteiversammlung in North Carolina donnernden Applaus. Das Thema begeistere die Leute mehr als das Versprechen von Steuersenkungen, kommentierte er die Reaktionen, dabei habe vor fünf Jahren niemand gewusst, was transgender überhaupt sei.

Die Innenministerkonferenz hat am Freitag beschlossen, die Bekämpfung von homo- und transfeindlicher Gewalt zu verbessern. Bundesinnenministerin Nancy Faeser bezeichnete die Zunahme queerfeindlicher Straftaten als »erschreckend«. Allein im vergangenen Jahr habe die Polizei mehr als 1 400 solcher Straftaten registriert, die Dunkelziffer sei weiterhin hoch. Nun soll die Aus- und Fortbildung der Polizei verbessert und spezialisierte Präventionsmaßnahmen eingeführt werden.

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