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Vor dem Friseur

Beim Friseur wird die Wahrheit als Erstes frisiert

  • Alexander Estis
  • Lesedauer: 5 Min.
All diese Geschichten fangen schon vor dem Friseur an, und daher kommt man nie hin. Und auch die Geschichten selbst kommen nie hin, weshalb sie auch einen solchen Bart haben.
All diese Geschichten fangen schon vor dem Friseur an, und daher kommt man nie hin. Und auch die Geschichten selbst kommen nie hin, weshalb sie auch einen solchen Bart haben.
Ezzes von Estis

Alexander Estis, freischaffender Jude ohne festen Wohnsitz, schreibt in dieser Kolumne so viel Schmonzes, dass Ihnen die Pejes wachsen.

Beim Friseur hört man allerlei Geschichten. Was man nicht alles für Geschichten hört beim Friseur – und über wen alles und in welch unterschiedlichen Tonlagen und Empörungsstärken und Wahrheitsgraden! Denn beim Friseur wird die Wahrheit als Erstes frisiert. So oder so, diese Geschichten würde ich euch trotzdem gern erzählen. Aber bevor man sie hören kann, muss man mindestens überhaupt erst einmal zum Friseur gekommen sein. Und bevor man zum Friseur kommt, muss man dazu gezwungen worden sein. Und bevor man dazu gezwungen worden sein kann, fangen die Geschichten schon an.

»Schalom, Mojsche! Mit Verlaub, du musst dir die Haare schneiden lassen!« – »Aber ich bin gar nicht Mojsche!« – »Siehst du, so weit ist es schon gekommen, dass du dich selbst nicht wiederkennst!«

Oder: »Schalom, Mojsche! Du musst dir die Haare schneiden lassen, sonst siehst du bald aus wie ein Afghanischer Windhund mit Schläfenlocken!« – »Aber ich bin gar nicht Mojsche, sondern Schmuel!« – »Nu, dann sag Mojsche, er solle sich die Haare schneiden lassen, sonst sieht er bald aus wie ein Schmuel!«

Oder: »Schalom, Mojsche! Du bist gar nicht wiederzuerkennen! Du musst dir dringend die Haare schneiden lassen!« – »Aber ich bin doch nicht Mojsche, ich bin Schmuel!« – »Siehst du, schon jetzt bist du gar nicht mehr Mojsche, sondern Schmuel – und wer wirst du erst sein, wenn du dir die Haare weiterhin wachsen lässt?«

Nun muss man – wozu auch immer – wissen, was man von Schmuel erzählt. Schmuel hatte es, muss man wissen, so schwer und er arbeitete so hart und er lebte so arm, dass er seit mindestens kaum weniger als sehr vielen Jahren nicht mehr beim Friseur war, und das nicht etwa, weil der Friseur ihn immer zu Hause besucht hätte – denn das tat er nicht nur nicht immer, sondern sogar nie. Nein, nie kam ein Friseur, sondern es war eine Friseurin, aber auch die kam nicht, um ihm die Haare zu schneiden, auch wenn es heißt: Alles, was männlich ist, soll beschnitten werden.

So oder so, das war in der Vergangenheit, in der Zukunft aber passierte das Folgende: Nachdem Schmuel viele Jahre nicht beim Friseur gewesen und indessen zwar nicht weniger arm, dafür auch noch alt geworden war, sodass selbst die Friseurin nicht mehr zu ihm kam, danach und womöglich sogar gerade deswegen begannen ihm die Haare vom Kopf abzufallen wie die Nudeln aus einem Topf voller Lokschensupp, den Tante Riwa umgeworfen hat, einzig und allein damit es einen guten Vergleich gibt. Aus Schmuels Haaren aber konnte Tante Riwa keine Lokschensupp kochen, konnte Chawa, des Schneiders Mordechai Frau, keine halbe Socke stricken, und selbst die Raben konnten sich daraus kein Nest flechten mit ihren Schnäbeln, weil sie so endlos lang geworden waren, und zwar nicht die Schnäbel, sondern die Haare.

Dabei wäre es wohl geblieben, wenn es nicht noch eine fernere Zukunft gegeben hätte oder zumindest hätte geben können. Dann nämlich kam ein Bote herab vom Himmel, vom Friseur aller Friseure, vom ersten und letzten, der uns erst alles wachsen lässt, wo vorher kaum etwas war, und uns dann kaum etwas lässt, wo vorher alles wuchs, von ihm also kam ein Bote und holte Schmuels Haare in den Himmel und hängte an jedes einzelne davon eine Goldmünze als Lohn für sein hartes Leben. Nun wurde allen klar: Hätte Schmuel seine Haare schneiden lassen, hätte er die Münzen nicht nur nicht kriegen, sondern nicht einmal sehen können. So aber, dank der unglaublichen Länge seiner Haare, konnte er sie immerhin sehen, wenn auch trotzdem nicht kriegen.

Die meisten Menschen haben allerdings ohnehin lieber frisierte Haare als Visionen, auch wenn das eine weder das andere ausschließt noch keins davon. Denn der Friseur kann vielleicht den Kopf in Ordnung bringen, aber nicht die Gedanken, und in der Regel tut er zumindest mit den Gedanken das Gegenteil, nicht selten aber auch mit dem Kopf.

»Mojsche, du musst dir die Haare schneiden lassen!« – »Beseder, in Ordnung, dann gehe ich zum Katz und lasse mir die Haare schneiden.« – »Auf gar keinen Fall gehst du zum Katz! Der Katz ist ein so hundsmiserabler Friseur, dass er ein besserer Schneider wäre! Der schneidet dir die Haare so weg, dass man denkt, du hättest eine Glatze und darauf eine Kippa.«

»Gut, dann gehe ich zum Grinberg und lasse mir dort die Haare schneiden.« – »Oj, oj, zum Grinberg, du tust mir weh! Der Grinberg wäre ein besserer Bauer als er ein Friseur ist, und selbst dann wäre er noch immer ein schlechterer Bauer als jeder andere! Denn er macht, dass dein Kopf am Ende aussieht wie ein gemähtes Feld, aber ein schlecht gemähtes, auf dem Unkraut wuchert!«

»Dann gehe ich eben zum Levi.« – »Oj gwolt, bist du denn vollkommen meschugge? Der wäre sogar noch ein besserer Fleischer als ein Friseur! Er schneidet dir nicht nur die Pejes weg, sondern die Pejes mit den Ohren dazu, und dann noch die Arme und Beine!«

»Zu wem soll ich denn bitte sonst gehen?« – »Nu, geh zu Mordechai Rubin!« – »Red keinen Kohl! Mordechai ist doch gar kein Friseur, Mordechai ist ein Schneider!« – »Eben! Aber er ist ein so hundsmiserabler Schneider, dass er schon wieder ein besserer Friseur ist!«

All diese Geschichten fangen schon vor dem Friseur an, und daher kommt man nie hin. Und auch die Geschichten selbst kommen nie hin, weshalb sie auch einen solchen Bart haben.

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