Südkoreas Signal an den Bruder im Norden

Südkorea beruft Hardliner Kim Young-ho zu neuem Wiedervereinigungsminister

  • Felix Lill
  • Lesedauer: 4 Min.

Man könnte denken, Südkoreas Wiedervereinigungsministerium habe eine klare Aufgabe: »In den 60er Jahren«, heißt es auf der eigenen Website, »nahmen in Südkorea das öffentliche Interesse und Diskussionen über Themen rund um Wiedervereinigung zu.« So schlussfolgerte die Regierung, es gebe die »Notwendigkeit, der Öffentlichkeit zuzuhören und eine konsistente Wiedervereinigungspolitik in einem institutionellen Rahmen zu etablieren.« Seit 1969 sei dieses Ministerium genau dafür verantwortlich: »Alle Themen rund um interkoreanische Beziehungen und Wiedervereinigung.«

Seit ein paar Tagen gibt es heftige Diskussionen um ebendieses Ministerium. Der konservative Präsident Yoon Suk-yeol erklärte Ende vergangener Woche, dass das Haus fortan von einem Mann geführt werden soll, den kritische Stimmen für eine schwierige Besetzung halten. Kim Young-ho heißt er, ist 63 Jahre alt. Kim Young-ho ist nicht gerade der typische Kandidat, um das südkoreanische Ministerium für Wiedervereinigung anzuführen. Einerseits ist er ein Outsider: Der Mann lehrt bisher als Politikprofessor an der Sungshin Women’s University in Seoul. Er hat seine Karriere also nicht in dem Haus gemacht, dessen Geschäfte er bald leiten dürfte. Andererseits ist da aber noch ein bedeutenderer Grund, warum Kim Young-ho wohl besonders kritisch beobachtet wird, wenn er bald einen der wichtigsten Posten des Landes übernehmen soll.

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Seit Südkoreas konservativer Präsident Yoon Suk-yeol Ende vergangener Woche erklärte, Kim Young-ho in seine Regierung zu holen, wird der Politologe von Medien geradezu durchleuchtet. Denn jenes Ministerium, das er fortan leiten soll, hat den Auftrag, die Beziehungen zu Nordkorea zu fördern. Genau diese Aufgabe macht Kim Young-ho zu einer kontroversen Personalie: Der 63-Jährige ist nämlich schon länger dafür bekannt, nicht gerade den freundlichen Austausch mit dem Norden zu suchen. Eher im Gegenteil. Die linksliberale Zeitung »Hankyoreh« beschrieb Kims Einstellung gegenüber dem Norden diese Tage als »feindlich«, die führende Nachrichtenagentur Yonhap als »hardline«. Die konservative Zeitung »Joonang Ilbo« beobachtet bei Kim »kritische Positionen« gegenüber dem Norden. So hat Kim in Gastbeiträgen und auf seinem Youtube-Kanal unter anderem für den Sturz des nordkoreanischen Regimes plädiert. Außerdem hat er gefordert, Südkorea solle sich mit Atomwaffen ausstatten, um seine Stellung gegenüber dem über die vergangenen Jahre zusehends hochgerüsteten Nordkorea zu stärken.

Zwar sind solche Einstellungen immer wieder in Südkorea zu vernehmen. Allerdings hat bisher gerade das Ministerium für Wiedervereinigung – praktisch als dessen Daseinsgrund – eher den Austausch gesucht. Mit Kim Young-ho dürfte es hier einen klaren Bruch geben. So schrieb Kim im Jahr 2019 in einem Artikel auf der Plattform »Penn Mike«: »Der Weg zur Wiedervereinigung wird sich erst öffnen, wenn die politischen Systeme von Süd- und Nordkorea eins werden, das Regime Kim Jong-un gestürzt und Nordkorea liberalisiert ist.«

Die Haltung gegenüber dem Norden ist die wohl bedeutendste politische Trennlinie im Land: Während die Konservativen – die derzeit an der Regierung sind – sich eher in Abschreckung üben, suchen die Liberalen tendenziell trotz allem den Austausch. Und das Thema ist heikel: Als der dreijährige Korea-Krieg 1953 endete, wurde nur ein Waffenstillstand unterzeichnet, einen Friedensvertrag gibt es bis heute nicht. Formal befinden sich die beiden Staaten bis heute im Kriegszustand.

Auf liberaler Seite fürchtet man, mit einem Minister namens Kim Young-ho würde nur Öl ins Feuer gegossen. Dabei wird Kim kaum jemand absprechen, dass er sich mit Nordkorea gründlich auskennt. Nach seinem Studium in Diplomatie an der Eliteschmiede Seoul National University promovierte Kim an der US-amerikanischen University of Virginia mit einer Arbeit über den Korea-Krieg. Was in seinen Augen eine Annäherung verbietet, ist die Menschenrechtslage im Norden.

Der südkoreanische Regierungschef Yoon Suk-yeol scheint die Sicht von Kim Young-ho zu teilen. Im Wahlkampf vor eineinhalb Jahren hatte Yoon angekündigt, er werde Kim Jong-un, dem Regierungschef von Nordkorea, »Manieren beibringen«. Kurz nach Amtsantritt im Mai 2022 machte Yoon dem Norden dann zwar Angebote für ökonomische Unterstützung, wenn dieser im Gegenzug die nukleare Abrüstung zusichere. Nachdem Nordkorea dies aber ignoriert hatte, begann Yoon sich wieder um eine kompromisslosere Rhetorik zu bemühen.

Bei einem Staatsbesuch in Washington D. C. erklärte Yoon Ende April, dass die verbündeten USA und Südkorea auf einen möglichen Atomangriff Nordkoreas »schnell, überwältigend und entschlossen antworten und dabei die ganze Stärke des Bündnisses einschließlich US-Atomwaffen einsetzen« würden. Entsprechend bemerkte der Präsident Südkoreas am Sonntag, als er zu seiner Nominierung für das Wiedervereinigungsministerium befragt wurde, dass dieses Haus nicht mehr wie eine Unterstützungsagentur für den Norden agieren dürfe. Dazu passt Kim Young-ho dann doch.

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