Häusliche Gewalt: Medizinische Beweisaufnahme in der Charité

Bund und Land zu Besuch in der Gewaltschutzambulanz in Moabit

  • Lola Zeller
  • Lesedauer: 4 Min.

»Viele kommen hierher und sind unter Schock und merken dann nicht, wie schlimm ihre Verletzungen sind. Dann können wir direkt weiter zur medizinischen Behandlung hier in der Charité vermitteln«, sagt Saskia Etzold. Sie ist Oberärztin an der Charité und Abteilungsleiterin der Gewaltschutzambulanz, die sich im Gesundheits- und Sozialzentrum Moabit in der Birkenstraße befindet. Sie stellt ihre Einrichtung vor hohem politischem Publikum vor: Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) und Berlins Justizsenatorin Felor Badenberg (parteilos, für CDU) sind zu Besuch. Sie haben vor allem das Thema häusliche Gewalt im Kopf, das seit der kürzlichen Veröffentlichung der deutlich angestiegenen bundesweiten Fallzahlen viel debattiert wird.

»Die Zahlen zeigen, wie dringend notwendig die Angebote hier sind«, sagt Badenberg zu Etzold. In der Gewaltschutzambulanz der Charité können sich Menschen, die körperliche Gewalt erfahren haben, kostenlos gerichtsmedizinisch untersuchen lassen. So können Beweise gesichert werden, die in einem Gerichtsverfahren relevant werden können. Die Betroffenen müssen dafür keine Anzeige bei der Polizei stellen, aber erhalten so die Möglichkeit, dies auch noch längere Zeit nach der Gewalterfahrung zu machen.

»Auch die Opferhilfe ist direkt hier im Haus und kann dazugezogen werden«, sagt Etzold. Über die Hälfte der Aufsuchenden der Gewaltschutzambulanz würden das psychosoziale Angebot im Anschluss an die Untersuchung nutzen. Die Oberärztin beschreibt, wie wichtig das niedrigschwellige Angebotist. So habe man zum Beispiel zu Beginn der Ambulanz damit gerechnet, nach Terminvereinbarung zu untersuchen. »In den ersten Jahren haben wir die Erfahrung gemacht, dass nur knapp die Hälfte in einer solchen Ausnahmesituation in der Lage ist, einen Termin zu vereinbaren. Die anderen stehen direkt vor der Tür.« Diese Menschen sollen nicht abgewiesen werden und so hat die Einrichtung sich darauf eingestellt, auch ohne Termine zu untersuchen.

Die Arbeit in der Gewaltschutzambulanz zeigt, welche Unterstützung Betroffene brauchen. Ein mobiler Dienst beispielsweise fährt auch Krankenhäuser, Frauenhäuser, Zufluchtswohnungen oder den Arbeitsplatz an, um die Verletzungen dort zu untersuchen. Für die Dokumentation der Verletzungen als Beweismittel ist es notwendig, sich schnellstmöglich an die Gerichtsmediziner*innen zu wenden. Um DNA-Spuren festzustellen, dürfen nicht mehr als 72 Stunden vergangen sein. Verletzungen können schnell verheilen und dann nicht mehr fachgerecht zugeordnet werden. Bei sexualisierter Gewalt gebe es sowieso kaum sichtbare Verletzungen, sagt die Medizinerin.

»Im vergangenen Jahr hatten wir 1900 Kontakte, aber darunter nur 600 Untersuchungen. Die meisten kommen zu spät für die Verletzungen und brauchen therapeutische Angebote, in die wir dann vermitteln«, sagt Etzold. Auch deshalb sei es so wichtig, dass niedrigschwellige Angebote und ein stabiles Netzwerk von Unterstützungseinrichtungen an die Gewaltschutzambulanz angebunden sind: »Die meisten Betroffenen von häuslicher Gewalt erzählen, dass sie schon mehrfach Gewalt erfahren haben, bis sie den Schritt hierher gehen.«

Unter den Betroffenen, die in der Ambulanz untersucht werden, seien ein knappes Drittel Kinder, denen körperliche Gewalt zugefügt wurde. Dann müssen entweder beide Elternteile der Untersuchung zustimmen oder die Stellen, in deren Obhut sich die Kinder befinden. Die Gewaltschutzambulanz wird von der Berliner Justizverwaltung seit 2014 finanziert. Damals habe man mit 150 000 Euro angefangen und nur 200 Untersuchungen durchgeführt. Im aktuellen Haushaltsentwurf seien »weit über eine Million« Euro für die Gewaltschutzambulanz vorgesehen, sagt Badenberg.

Medizinerin Saskia Etzold ist es wichtig, dass das Problem der häuslichen Gewalt und die Unterstützung von Betroffenen mehr öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Sie sagt, sie sei deswegen dankbar für den Besuch von Bundesinnenministerin und Justizsenatorin, die von Kamerateams und Journalist*innen begleitet werden. Nancy Faeser lobt die Arbeit der Gewaltschutzambulanz sehr. »Das wünsche ich mir überall«, sagt sie. Häusliche Gewalt sei keine Privatsache, sondern ein gesellschaftliches Problem.

Neben Präventionsarbeit schon ab der Kita und opfernaher Hilfestellung spricht sie sich für die »ganze Härte des Rechtsstaats« gegenüber Gewalttäter*innen aus. Das unterstützt auch Badenberg: »Es geht hier nicht nur um die Dokumentation der Gewalttaten, sondern es geht darum, die Täter stellen zu können.« Ein Mittel, welches sie als Schutz für Betroffene darstellt, sei die Präventivhaft. Diese müsse ausgeweitet werden, damit Betroffene mehr Zeit hätten, sich um Maßnahmen wie eine gerichtsmedizinische Behandlung zu kümmern.

Dass dafür aber erst einmal Polizist*innen die Gewalterfahrungen Betroffener ernst nehmen müssten, sei eine Angelegenheit, die ressortübergreifend im Rahmen eines Aktionsplans unter Einbeziehung verschiedener beteiligter Berufsgruppen angegangen werde, sagt Badenberg. Auch auf rechtlicher Ebene gebe es Handlungsbedarf: »Was müssen wir gesetzlich ändern, um Betroffene besser zu unterstützen? Die Beweispflicht ist da ein Problem«, so die Justizsenatorin.

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