Die Milde des sanften Elements

In der Hafenstadt Batumi wurden seit jeher Wein angebaut, Handel getrieben und Kriege geführt. Wer dort Russisch spricht, wird ausgeschimpft

  • Anne Hahn
  • Lesedauer: 3 Min.
Blick auf die georgische Hafenstadt Batumi am Schwarzen Meer.
Blick auf die georgische Hafenstadt Batumi am Schwarzen Meer.

Ich schwebe, jetzt tut mir nichts mehr weh. Auf dem Rücken liegend, treibe ich den Strand entlang. Das Meer liebt mich. Trägt, kühlt und heilt. Als mir die Tränen kommen, merke ich, wie der Schock sich allmählich löst. Ins Wasser rinnt und verschwindet.

Ende Juni 2023, wir sind eine Gruppe von Freunden, die zusammen nach Batumi ans Schwarze Meer gereist sind. Ein paar von uns joggen zum Botanischen Garten, besuchen Kirchen und Museen, eine römische Festung oder wandern zu wildromantischen Wasserfällen. Alle nehmen wir die Seilbahn den Hausberg hinauf, um auf die wundersame Hafenstadt Georgiens herabzuschauen. Bestaunen die Neubaugebirge, die nachts märchenhafte illuminierte Hotel-Casino-Silhouette, die kleinen Schiffe auf dem weiten Meer. Hier lag das Königreich Kolchis, baut man seit jeher Wein an, treibt Handel, führt Kriege. Heute steht Medea als Statue auf dem Europa-Platz und reckt das goldene Vlies in die Luft. Man sehnt sich nach Europa und Frieden.

»Mythos ist immer Erzählung, Legende, ihre besungene, gefilterte Wahrheit und ebenso ihre verzerrte, historisch vielfach entstellte Wahrheit, die Lüge«, schreibt Marleen Stoessel in ihrem Text »Mythos Georgien« (in: Nach Kolchis, Verbrecher Verlag 2021) und verweist auf das neun Meter hohe Kunstwerk Tamara Kvesitadzes, das an der Uferpromenade Batumis steht und aus schmalen Aluminiumringen zwei Figuren bildet. Sie bewegen sich allabendlich aufeinander zu, verschmelzen und entfernen sich wieder. Im Volksmund werden sie »Ali und Nino« genannt, nach einem Roman von Kurban Said, der die Geschichte einer Liebe zwischen der georgischen, europäisch-christlich erzogenen Nino und Ali, dem muslimischen Sohn aus vornehmem, aserbaidschanischem Haus, erzählt. Diese Liebe scheint kulturelle Kluften zu überbrücken und scheitert doch an ihnen, schreibt die Autorin.

Wir laufen jeder fast hundert Kilometer durch Batumi, werden beim Schwarzfahren erwischt (an Automaten können nur Eingeweihte Fahrkarten aufladen), auf Russisch angesprochen, fürs Russisch-Sprechen ausgeschimpft, angelacht und eingeladen, speisen fürstlich, schwitzen, sind nassgeregnet, trunken von Klima und Tschatscha. Nachts verliere ich auf der Suche nach dem Bad die Orientierung und stürze die Treppe der Ferienwohnung zum Untergeschoss hinab, knalle an die Wand und komme wie durch ein Wunder mit ein paar Prellungen davon. Tipple wie die kleine Seejungfrau zum Meer, die wunden Beine einzutauschen. Balanciere über Stege, halte die Luft an in muffligen Umkleidekabinen, stakse auf faustgroßen Kieseln zwischen weißen Plastikliegen, Schirmen und Getränkehändlern hindurch zur Meereskante, dem türkisblauen Anrollen entgegen. Lasse mich fallen. Nach einem Regentag ist das Meer schaumig, riecht nach Seife und Diesel, der Schmutz der Stadt treibt darin. Nur wenige Menschen baden, eine Oma schimpft vom Strand auf ihr planschendes Enkelkind ein. »Idi zuda«, weht es hinter mir her, als ich auf die Bojen zu schwimme, die den Badebereich von den stetig vorbeiflitzenden Motorbooten und Jetskis trennt. Ich sehe einem dunklen Greifvogel nach, der gen Land zieht. Ein Schwarzmilan? Ich ahne nicht, dass hier im Herbst Tausende von ihnen täglich vorüberziehen werden.

Ich schwimme längs der Küste Rücken und lasse mich zurücktreiben. Als ich die Augen öffne, schweben über mir Menschen, an einem Paraglider hängend, der von einem Motorboot gezogen wird. Sie winken, ich winke, nichts tut mir weh. Am Ufer steht mein Prinz neben meinem Badehandtuch und streckt mir Hände entgegen.

Über Wasser
Anne HahnFoto: privat

Anne Hahn ist Autorin von Romanen und Sachbüchern und schwimmt für »nd« durch die Gewässer der Welt.

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