Jüdische Geschichte: Vertraute Verbindungen

Freundschaft war eine bedeutende Lebensform im deutschen Judentum und zugleich der letzte Rettungsanker für viele Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus. Der Historiker Philipp Lenhard hat ihre Kulturgeschichte rekonstruiert

  • Momme Schwarz
  • Lesedauer: 6 Min.
Eine lebenslange Freundschaft: Max Horkheimer (links) und Friedrich Pollock (rechts)
Eine lebenslange Freundschaft: Max Horkheimer (links) und Friedrich Pollock (rechts)

Im Verlauf der 1910er Jahre setzten der junge Max Horkheimer (1895–1973) und sein Intimus Friedrich Pollock (1894–1970) einen halbernsten Freundschaftsvertrag auf. Darin definierte der spätere Leiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung zusammen mit dem künftigen Nationalökonom das Wesen ihrer Beziehung: als einen humanistischen Gegenentwurf zu der als kalt und ungerecht empfundenen bürgerlichen Gesellschaft. Ohne Angst vor Zurückweisung, sondern im aufrichtigen und kritischen Dialog, sollte in ihrer Verbindung die Möglichkeit einer anderen, besseren Welt zum Vorschein kommen.

Gemeinsam erkundeten sie deshalb sozialkritische Ideen, Theorien und Debatten, denen sie das Potential zuschrieben, die Grundlagen der bestehenden Ordnung zu hinterfragen und ermutigten einander, bestehenden Paradigmen zu misstrauen und neue Wege des Denkens zu erkunden. Zugleich staffierten sie ihren alltäglichen Umgang mit einem detaillierten Regelwerk aus, hoben die besondere Geltung ihrer Vertrautheit gegenüber anderen Beziehungen hervor und gaben einander das Wort, der Freundschaft bis zum Ende ihrer Tage die Treue zu halten.

So eigenwillig die Verbindung zwischen Horkheimer und Pollock auch gewesen sein mag, es finden sich darin wesentliche zeitliche, räumliche und soziokulturelle Merkmale eingeschrieben, die die Freundschaften deutscher Jüdinnen und Juden am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägten. Um diese Prägungen herauszustellen hat der Historiker Philipp Lenhard jüngst eine Studie zur Kulturgeschichte der Freundschaft im deutschen Judentum vorgelegt. Er will damit auch die Fragen erörtern, wie sich Freundschaft als soziale Verkehrsform innerhalb der deutschen Judenheit entwickelte, wie und ob sie als Katalysator von Modernisierung wirken konnte und mit welchen inneren und äußeren Widersprüchen sie sich konfrontiert sah.

Halt in unsicheren Zeiten

Zum Ausgangspunkt der Untersuchung nimmt Lenhard die tiefgreifenden Veränderungen der wilhelminischen Ära zwischen 1890 und 1914. Mit der voranschreitenden Industrialisierung zerstoben religiöse und soziale Traditionen, Autoritäten und Hierarchien wurden durch gesellschaftliche Modernisierung herausgefordert. Für die Einzelne eröffnete dies die Möglichkeit, neue Formen des zwischenmenschlichen Umgangs zu erproben, Beziehungen nun verstärkt aus individuellem Interesse, nicht aufgrund von bislang geltenden milieuspezifischen Konventionen einzugehen.

Lenhard beschreibt, wie sich die deutsche Judenheit in diesen Transformationsprozessen zugleich mit innerjüdischen, das religiöse Selbstverständnis betreffenden Konflikten um Reform- und Säkularisierungsbestrebungen sowie mit Fragen der Zugehörigkeit konfrontiert sah, die im Dualismus von Assimilation und Zionismus aufgingen. Namentlich die jüngere, um die Jahrhundertwende geborene Generation war bestrebt, die vorherrschenden, als anachronistisch und unfrei verpönten Traditionsbestände von Eltern und Familie durch eigene, als zeitgemäß definierte Lebensentwürfe zu ersetzen. Dies artikulierte sich vielfach in einer Abkehr vom religiösen Ritus, zuweilen in einer Begeisterung für den Aufbau eines jüdischen Staates in Palästina oder den Sozialismus. Nicht zuletzt sorgte das Erstarken der antisemitischen Bewegung mit neuen Formen von Bedrohung und Diskriminierung für Verunsicherung und zwang Einzelne ebenso wie die Gesamtheit zu einer Positionierung.

Freundschaft, wenn auch bisher von der Forschung kaum berücksichtigt, kam in dieser turbulenten Zeit als emotionaler Fluchtpunkt und Ort intellektueller Verständigung zentrale Bedeutung zu. Um die Vielschichtigkeit gelebter jüdischer Freundschaften zu dokumentieren, fächert der momentan an der UC Berkeley lehrende Autor Lenhard in dem Buch »Wahlverwandtschaften« seinen Gegenstand in zwölf, meist in sich geschlossene, Kapitel auf. Darin illustriert er unter anderem anhand von Theodor Lessing (1872–1933), Oskar Goldberg (1885–1953), Otto Weiniger (1880–1903), Walter Benjamin (1892–1940), Margarete Susman (1872–1966), Leo Strauss (1899–1973), Karl Löwith (1897–1973) und Hannah Arendt (1906–1975) das fruchtbare Wechselspiel zwischen der politischen, philosophischen, ästhetischen oder künstlerischen Neigung des Einzelnen und der von ihr praktizierten Freundschaft.

Otto Weiniger nahm sich im Alter von 23 Jahren das Leben und erlangte vor allem durch sein Hauptwerk »Geschlecht und Charakter« (1903) Bekanntheit, in dem er eine ausgeprägte Abneigung gegenüber allem Jüdischen und Weiblichen artikulierte. Er begriff seine intensiven Freundschaften als Fundament seines Daseins, als existentielle Komponente fernab von bloßem Zeitvertreib und oberflächlichem Geplauder. In dem eindringlichen Briefwechsel mit seinem Freund Artur Gerber verarbeitete und offenbarte er seine unterdrückten homosexuellen Gefühle und Sehnsüchte; nicht wenige identifizierten diese als Ursache für die in seinem Werk formulierten Feindseligkeiten.

Ideal oder Zweckgemeinschaft?

Lenhard begrenzt seine Darstellung von jüdischer Freundschaft allerdings nicht auf den intimen Austausch zweier Seelen im Ringen umeinander oder das Verstehen der Welt. Im Bestreben, Allgemeineres über die Selbstverständnisse und Orientierungsbemühungen deutscher Juden auszusagen, wendet er sich unter der Überschrift »Bruderschaft, Jüngerkreis und Freundschaftszirkel« verschiedenen Zusammenschlüssen wie etwa dem Kreis um den nicht-jüdischen Dichter Stefan George zu. Dieser zog als loser, zivilisationskritisch und antimodernistisch ausgerichteter Zirkel von Künstlern und Intellektuellen neben Edgar Salin (1892–1974) und Ernst Kantorowicz (1895–1963) eine Reihe weiterer Juden in seinen Bann. Diese zeigten sich fasziniert vom Ideal der Gemeinschaft, der emphatischen Betonung der spirituellen und emotionalen Bindung der Mitglieder untereinander sowie der geistigen Führung Georges.

Fraglich bleibt an dieser Stelle, wie sehr die Anhänger dieses aber auch der Zirkel um Oskar Goldberg und Nehemia Anton Nobel (1871–1922) tatsächlich partizipierten, um jüdische Freundschaften zu schließen. Es steht zu vermuten, dass es sich – ähnlich wie in den politischen Zusammenschlüssen sozialistischer oder kommunistischer Parteien, deren zahlreiche jüdische Protagonisten samt ihrer Freundschaften im Buch leider unerwähnt bleiben – vor allem um eine Zweckgemeinschaft handelte, die sich unter dem Banner des gemeinsamen Interesses versammelte. Mit Blick auf den Titel »Wahlverwandtschaften« bleibt jedoch festzuhalten, dass viele der vorgestellten Personen in einem vornehmlich jüdischen Freundeskreis verkehrten, ohne dieser Tatsache Aufmerksamkeit zu schenken. »Eines Tages begann mir aufzufallen, daß in unser Haus ausschließlich Juden zu Besuch und freundschaftlichem Verkehr kamen und daß meine Eltern ausschließlich zu Juden zu Besuch gingen«, erinnert sich stellvertretend für viele seiner Zeitgenossen Gerschom Scholem.

Letzter Rettungsanker

Wie das gesamte jüdische Leben erfuhr auch die Freundschaft der Juden untereinander und zu nicht-jüdischen Deutschen durch die Machtübertragung an die Nazis eine erhebliche Zäsur. Für Juden entwickelte sich die soziale Verbindung zu ihresgleichen zum Rettungsanker, zum letzten Strohhalm in einer Welt, in der ansonsten alle Gewissheiten sukzessive verlustig gingen. Unter der Überschrift »Freundschaft in finsteren Zeiten« hebt Lenhard am Ende seines lesenswerten Buches hervor, wie sehr jüdische Menschen mit voranschreitender Zeit auf freundschaftliche Verbindungen in Europa und der Welt angewiesen waren. In vielen Fällen konnten diese Bande sie vor dem sicheren Tod bewahren.

Andererseits schied die Zäsur von 1933 in Hinblick auf die nicht-jüdischen Freunde die Spreu vom Weizen. Der erwähnte Karl Löwith etwa musste erkennen, dass Martin Heidegger, bei dem er sich 1928 in Marburg habilitiert hatte, ihn und andere seiner Schüler wegen ihrer jüdischen Herkunft schasste. Karl Wolfskehl erlebte, dass vermeintliche Freunde aus dem George-Kreis seine Zwangsemeritierung 1934 und Vertreibung aus Deutschland 1938 tatenlos geschehen ließen.

Die Erfahrung antisemitischer Stigmatisierung vor und nach 1933 ist es auch, die Lenhard im Fazit als Merkmal einer genuin jüdischen Freundschaftserfahrung hervorhebt. Sie trug dazu bei, dass sich Juden (un-)bewusst vielfach in einem ausschließlich jüdischen Umfeld bewegten, in welchem sie keine Diskriminierung zu fürchten, sich nicht als Juden zu erklären hatten. Darüber hinaus teilten viele von ihnen eine bürgerliche Herkunft mit gemeinsamen Wert- und Moralvorstellungen, gleichen Traditionen und Erwartungen, was eine Form von Zugehörigkeit schuf, die, wie im Fall von Horkheimer und Pollock, zu einer lebenslangen Freundschaft führen sollte.

Philipp Lenhard: Wahlverwandtschaften. Kulturgeschichte der Freundschaft im deutschen Judentum, 1888–1938. Mohr Siebeck, 357 S., geb., 84 €.

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