Die Berge, die Flüsse, der Wald

Die Journalistin Susanne Wiborg ergründet in ihrem Sachbuch »Der glückliche Horizont«, »was uns Landschaft bedeutet«.

  • Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.
Vom unscheinbaren Aschenputtel deutscher Landschaften zum Tourismusmagneten: die Heide
Vom unscheinbaren Aschenputtel deutscher Landschaften zum Tourismusmagneten: die Heide

Viele dürfen es erfahren – gerade jetzt, wenn das Wetter ins Freie lockt. »Schön hier«, sagt man dann vielleicht im Angesicht des Meeres, im Wald oder einfach nur auf einer Wiese. Und das liegt nicht nur an der Landschaft selbst, sondern auch an uns, die wir uns auf sie eingelassen haben. Denn das gelingt nicht immer. Selbst bei einem Spaziergang über Feld und Flur geistern Probleme durch den Kopf, Konflikte gar, und wir hätten beinahe ein schlechtes Gewissen, uns von ihnen frei zu machen. Denn vielleicht, vielleicht kommt gar in freier Natur die Lösung. Meist leider nicht. Wir haben uns nur den Blick verstellt.

Ob man durch Lektüre aufnahmefähiger werden kann? Ohne Zweifel. Susanne Wiborg nimmt uns mit auf einen Spaziergang, um uns Vertrautes wieder ganz neu erscheinen zu lassen. Und dabei holt sie sich »Helfer« zur Seite, Künstlerinnen und Künstler, die auf poetische Weise von ihren Naturerlebnissen erzählen. Wie viele literarische Texte sie für dieses Buch gelesen hat! Mit Carl Zuckmayer begibt sie sich in die Schweizer Alpen, sieht den Himmel »in einem tiefen, fast violett getönten Dunkelblau, während es auf den Schneefirnen noch blitzte und wetterte vom Widerstrahl der schon gesunkenen Sonne. Die Luft war von Heu durchsüßt und von einer prickelnden, eisgeborenen Reinheit.« Die atmen wir jetzt, wenn wir lesen. Vorstellung wird entfacht mittels poetischer Sprache.

Und es kommt uns auch zugute, etwas über die Alpen zu erfahren, die ihr heutiges Gesicht den Eiszeiten verdanken und schon so oft gerühmt wurden, aber auch Furcht einflößen können. »Berge sind Meister der psychologischen Kriegsführung, jederzeit in der Lage, die ihnen ausgelieferten Menschen nachhaltig zu zermürben«, heißt es an einer Stelle. So mag es den einen zu Edelweiß und Enzian ziehen, ja gar zum Kräftemessen beim Bezwingen eines Gipfels, während andere sich an den sommerlichen Bergweiden erfreuen, wie Klaus Mann sie beschrieb: »das tiefe Grün des saftig wuchernden Grases, das flammende Gold der Butterblumen, der reiche Purpur des Mohns …«

Wie schade eigentlich, dass die Blumen und Kräuter weitgehend von unseren chemisch behandelten Feldern verschwunden sind. Die Feldmark: wie oft ist sie bedichtet worden. Und erst die Flüsse, die Heide, das Moor. Sie existieren für sich, genügen sich selbst. Wiborg aber sucht, wie der Titel sagt, nach den Bedeutungen, die wir ihnen geben. Eine »symbolische Landschaft« nennt sie den Fluss, weil er, als »ein dauernder Gestaltwandler«, zwischen verschiedenen Regionen Verbindung stiftet. Und wie ist wohl der kargen Heide, »einst unscheinbares Aschenputtel deutscher Landschaften«, die Karriere als Tourismusmagnet gelungen? Dichter wie Hermann Löns und Rainer Maria Rilke mögen dazu beigetragen haben.

Auch Landschaften brauchen Werbung. Was wäre denn das Moor ohne Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes, der mit Dr. Watson dem Hund von Baskerville auf der Spur ist, oder ohne Dorothy L. Sayers Gentleman-Detektiv Lord Peter Wimsey, der nachts vom Weg abkommt und von seinem Diener gerettet wird. »Oh schaurig ist’s, übers Moor zu gehen«, heißt es bei Annette von Droste-Hülshoff. Aber darin besteht ja gerade die Faszination. Mensch und Moor nennt die Autorin eine »jahrtausendealte Hassliebe«, zitiert Georg Trakl, Hermann Allmers, Rilke, aber auch das berühmte Lied von den »Moorsoldaten« aus dem KZ Börgermoor, wo übrigens auch der DDR-Regisseur und Schauspieler Wolfgang Langhoff interniert war. Man staunt wirklich, wie unglaublich weitgreifend die literarischen Reminiszenzen der Autorin sind. 34 engbedruckte Seiten umfasst das Quellenverzeichnis, das einen Überblick gibt, wie Landschaft sich in der Kunst widergespiegelt hat.

Nicht nur mit Theodor Storm, auch mit Erich Kästner, Heinrich Heine und Thomas Mann stehen wir am Meer. Und während wir über eine Wiese gehen, die Wiborg eine »fröhliche Landschaft« nennt, hören wir Oscar Wilde nörgeln: »Natur ist so unbequem. Der Rasen ist hart, uneben und feucht, und zudem wimmelt es von grässlichen schwarzen Insekten.«

»Seelenlandschaft Wald« – da stimme ich mit der Autorin überein. »Der Wald steht schwarz und schweiget«, heißt es in Matthias Claudius’ »Abendlied«, und dabei birgt er ein geheimes Leben, gerade in der Nacht. Von den römischen Legionen über »Hänsel und Gretel«, Thoreaus »Walden« bis zur heutigen Forstwirtschaft – Susanne Wiborg spannt einen weiten Bogen. Und das Waldsterben, es wird nicht vergessen, wie überhaupt die Bedrohtheit unserer natürlichen Umwelt immer im Hintergrund ist. Um das indes wirklich zu erspüren, brauchen wir den »glücklichen Horizont«, das Empfinden dafür, was uns Landschaft bedeutet. Tief durchatmen im Wald, Alltagshektik hinter sich lassen. Die hohen Bäume werden uns überleben und fühlen sich warm an, wenn man sich an ihre Rinde schmiegt.

Susanne Wiborg: Der glückliche Horizont. Was uns Landschaft bedeutet. Verlag Antje Kunstmann, 360 S., geb., 25 €.

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