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Mit Musik gegen die A100

Markgrafendamm wird am 2. September durch Protest gegen den Weiterbau der Autobahn 100 blockiert

Beim Soundcheck sollen alle einmal irgendwas ins Mikrofon sprechen, damit der Techniker den Ton und die Lautstärke individuell anpassen kann. Das klassische »Eins, zwei, drei« ist Abouto Blanko zu langweilig. Als wäre er nicht im Garten eines Klubs, sondern am Karussell eines Jahrmarkts, ruft er zur allgemeinen Erheiterung: »Letzte Saison im ›About blank‹. Letzte Runde, einsteigen, anschnallen!« Dabei stimmt irgendwie alles und nichts.

Schon der Name des Mannes ist nicht der richtige. Abouto Blanko ist ein kollektives Pseudonym für alle, die sich für den Klub »About blank« engagieren. Blanko kann die Pressesprecherin sein oder der Türsteher. Es stimmt auch nicht, dass die letzte Saison unmittelbar bevorsteht. Würde die Berliner Stadtautobahn A100 tatsächlich wie befürchtet um ihren 17. Bauabschnitt von Treptow nach Lichtenberg verlängert, müsste der Klub zwar weichen. Aber ehe es soweit ist, würden noch Jahre vergehen.

Alles andere stimmt. Die Befürchtung, dass Orte für die Kultur unter Beton begraben werden, ist real – weil das Bundesverkehrsministerium von Volker Wissing (FDP) am umstrittenen Weiterbau der A100 festhält. Auf Landesebene konnten sich die Koalitionspartner CDU und SPD nicht über den 17. Bauabschnitt verständigen. Im Koalitionsvertrag steht deshalb lediglich: »Den Bau des bereits weitgehend fertiggestellten 16. Bauabschnitts der A100 von Neukölln
nach Treptow wollen wir abschließen.« Die CDU fabuliert jedoch von einer »Klimaautobahn« mit einem parallel zum 17. Bauabschnitt geführten Radschnellweg und von Alternativen für die Klubkultur, die nicht ihrer Existenzgrundlage beraubt werden dürfe.

»Der Weiterbau der A100 ist Verkehrspolitik von vorgestern«, beschwert sich Björn Obmann vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). »Platz schaffen für Menschen und nicht für Autos, für Blechkisten, egal ob diese mit einem Elektromotor fahren oder nicht«, das wäre nach Ansicht von Obmann heute angezeigt. Allein schon die Planung, noch nicht einmal die Realisierung des 17. Bauabschnitts, würde ihm zufolge Unsummen verschlingen, als gäbe es in Berlin weder Klimakrise noch Wohnraummangel. »Darum werden wir diese milliardenteure Stadtverwüstung verhindern«, verspricht Obmann.

Am 2. September wolle man den Markgrafendamm zur verkehrsberuhigten Zone machen, kündigt Samira Gandour von der Bewegung »Fridays für Future« an. Dann werden unter dem Motto »A100 wegbassen« zwischen Elsenbrücke und Ostkreuz sieben Bühnen aufgebaut. Gespräche und Musik sind versprochen, 10 000 bis 20 000 Teilnehmer der Protestaktion bei der Polizei angemeldet. So viele werden auch kommen, wenn das Wetter mitspiele, hofft Christian Mast vom Verein »Geradedenken«. In den Corona-Jahren stemmten sich die Mitstreiter gegen Verschwörungsmythen, jetzt suchen sie für den Verein neue Betätigungsfelder. 2023 noch eine Autobahn bauen zu wollen, sei wie ein Luxus-Penthouse gegen den Wohnungsmangel errichten oder ein Hustenbonbon gegen das Coronavirus zu schlucken, sagt Mast. Er spricht bezogen auf die A100 von Fantasien der 80er Jahre.

Laut Darya Sotoodeh von »Fridays for Future« sind es sogar Träumereien der 50er Jahre. Damals wurden die ersten Überlegungen für einen Innenstadtring angestellt und 1956 erfolgte der erste Spatenstich für eine Schnellstraße zwischen Kurfürsten- und Hohenzollerndamm. In Ostberlin hatte der Westberliner Senat seinerzeit nichts zu melden, ließ aber in den folgenden Jahrzehnten ein Halbrund so anlegen, dass nach der ersehnten Wiedervereinigung ein Ringschluss möglich wäre.

»Berlin muss den Öffentlichen Personennahverkehr massiv ausbauen statt die A100«, fordert Darya Sotoodeh. Sie warnt: »Wichtige Orte, die Menschen zusammenbringen, wie das ›About blank‹, werden bedroht.«

Betroffen sind auch der Klub »Else«, das Kino »Zukunft«, der Jugendklub »E-Lok« und andere – insgesamt über 20 kulturelle und soziale Einrichtungen. Viele von ihnen würden ohne die Pläne, hier eine Autobahn entlangzuführen, gar nicht existieren, räumt Abouto Blanko ein. Absurd, aber wahr. Jetzt, wo der Soundcheck beendet ist, wird Blanko ernst. Die Subkultur konnte hier blühen, weil sich private Investoren nicht für ein Gelände ohne langfristige Perspektive der Vermarktung interessieren. Würde der 17. Bauabschnitt endgültig abgesagt, würden die Kulturstandorte ins Fadenkreuz der Immobilienbranche geraten. Das wäre die nächste Bedrohung, gegen die man kämpfen müsste. Nicht jeder habe das Glück, wie das »About blank« auf einer Fläche zu stehen, die dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg gehöre. Der Bezirk habe dem Technoklub bereits zugesichert, bleiben zu dürfen, wenn die A100 ihre Arme nicht bis zum Ostkreuz ausstreckt. Es ist ein Klub, in dem nicht nur getanzt wird. Die Besucher setzten sich auch mit gesellschaftlichen Problemen auseinander. Das hängt hier zusammen und ist eigentlich unverzichtbar. Man wolle es sich auf der Trasse der A100 gemütlich machen und sich dem 17. Bauabschnitt unüberwindlich in den Weg legen, sagt Blanko. »Wir verstehen uns als klubkulturelle Barrikade gegen den fossilen Kapitalismus, der ursächlich ist für die Klimakatastrophe.«

»Musik ist 1000-mal schöner als Motorenlärm«, findet Briti Beneke von der Bürgerinitiative A100. Die Initiative heißt nicht etwa »A100 stoppen«, wie die Moderatorin Ghandour beim Pressetermin versehentlich sagt. Das stimmt nicht. »Ohne stoppen, nur A100«, korrigiert Beneke. Aber es läuft doch aufs Verhindern hinaus. Die Bürgerinitiative fordert einen Baustopp und eine Überarbeitung des Bundesverkehrswegeplans.

Die Berliner Clubkommission, der Fahrradclub ADFC, der Verkehrsclub VCD, die Grüne Liga und viele andere gehören zu den Unterstützern der Protestaktion am 2. September. Von 14 bis 22 Uhr wird der Markgrafendamm dafür blockiert – nicht durch überraschendes Festkleben auf der Fahrbahn, sondern durch eine ordnungsgemäß bei der Polizei angemeldete Kundgebung. Zusätzlich gibt es noch eine Fahrraddemonstration, die um 14 Uhr am Bundesverkehrsministerium startet und an der Autobahn GmbH, am Roten Rathaus und an der Senatsverkehrsverwaltung Station macht, bevor sie zu den anderen auf dem Markgrafendamm stößt.

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