Schlechte Konjunkturaussichten

Gewerkschaftsnahes Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung erwartet schrumpfende Wirtschaft

Stillstehende Bauprojekte sind das derzeit sichtbarste Zeichen der schlechten Wirtschaftslage.
Stillstehende Bauprojekte sind das derzeit sichtbarste Zeichen der schlechten Wirtschaftslage.

»Die wirtschaftlichen Aussichten sind schlecht«, warnte Sebastian Dullien, Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), am Dienstag auf der Pressekonferenz zur neuen Konjunkturprognose. Während die Wirtschaft in Deutschland dieses Jahr bereits um 0,5 Prozent schrumpfen werde, ist das Rezessionsrisiko mit rund 74 Prozent auch darüber hinaus weiterhin erheblich.

Dabei seien die Ursachen der Rezession nicht in erster Linie für Deutschland spezifisch, hob Dullien hervor. Sie resultierten vielmehr aus dem Energiepreisschock und der damit verbundenen hohen Inflation infolge des russischen Angriffskrieges in der Ukraine, die Deutschland besonders hart getroffen habe. Durch die russische Invasion sei eine Wachstumslücke für die deutsche Wirtschaft von rund vier Prozent entstanden, erklärte Dullien. An den strukturellen Bedingungen für das Wachstum habe sich wenig geändert, und darum warnte er vor dem Narrativ von Deutschland als krankem Mann Europas, das vor zwei Jahrzehnten die Hartz-Gesetze begleitete. »Die Probleme sind ganz andere als vor 20 Jahren«, unterstrich er.

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Neben der Inflation und der restriktiven Geldpolitik seitens der Zentralbanken werden im Jahr 2024 eine strengere Finanzpolitik in den Euroländern nach dem Auslaufen der Unterstützungsmaßnahmen während der Corona-Pandemie und der Energiekrise die Wirtschaft weiter ausbremsen. Dies würde zusammengenommen auch im kommenden Jahr in Deutschland für stagnierende Exporte, geringe Investitionstätigkeiten und damit für ein schwaches Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,7 Prozent sorgen.

Dass es überhaupt zu einem Wachstum komme, sei in erster Linie durch den voraussichtlich steigenden Konsum privater Haushalte bedingt. Zwar sind die Verbraucherpreise in Deutschland dieses Jahr im Durchschnitt um sechs Prozent angestiegen und sorgten damit für einen Reallohnverlust, doch die Inflationsrate soll sich den Berechnungen des IMK zufolge wieder der Zielrate der Europäischen Zentralbank (EZB) von zwei Prozent annähern. In Kombination mit Lohnsteigerungen aufgrund des anhaltend knappen Arbeitsmarktes sei in Deutschland damit von einer größeren Kaufkraft und von einer stärkeren Binnennachfrage auszugehen.

Auch kämen die öffentlichen Investitionen etwas in Fahrt. Konkret nennen die Forscher*innen des IMK die zusätzlichen Ausgaben der Bundesregierung im Rahmen des Sondervermögens für die Bundeswehr. Während die Rüstungsindustrie dieses Jahr mit weiteren Ausgaben in Höhe von vier Milliarden Euro rechnen kann, dürften das im folgenden Jahr sogar sechs Milliarden extra sein, sagte Katja Rietzler, Expertin für Fiskalpolitik, Haushalt und staatliche Investitionen am IMK, auf nd-Nachfrage.

Für eine Gegenbewegung zur schlechten wirtschaftlichen Dynamik sorgten zudem Ausrüstungsinvestitionen insbesondere in Maschinen und Geräte für die ökologische Transformation. Doch da die Exportaussichten trüb seien und sich mittelfristige Investitionskredite für Unternehmen durch die Zinspolitik der Zentralbanken um knapp vier Prozent verteuert hätten, würden weitere Investitionen aufgeschoben, warnte Silke Tober, geldpolitische Expertin am IMK.

Vor diesem Hintergrund fordern die Ökonom*innen von der Regierung eine kontrazyklische Wirtschaftspolitik etwa durch Investitionen oder zeitlich befristete Subventionen wie einen Brückenstrompreis für Industrie und Mittelstand. Dass die Bundesregierung mit Finanzminister Christian Lindner (FDP) an der Schuldenbremse festhält, sei ideologisch motiviert, kritisierte IMK-Direktor Dullien.

Auch solle die EZB ihre restriktive Zins- und Geldpolitik zumindest pausieren lassen, um die Effekte der letzten Zinserhöhungen abzuwarten, wie Ökonomin Tober betonte. »Die Zinspolitik wirkt erst mit einer Verzögerung von etwa 1,5 Jahren«, erklärte sie. Schon jetzt bestehe ein hohes Risiko für eine Finanzkrise. Laut IMK-Konjunkturampel ist das Risiko aktuell in etwa so hoch wie zuletzt vor der Finanzkrise 2008. Die Gefahr sei bedingt durch drohende Bewertungsverluste in Bankenbilanzen und bei Unternehmen, die Anleihen halten, erklärte die geldpolitische Expertin auf nd-Nachfrage. Das größte Problem stelle aktuell der Bausektor dar, wo die drastischen Preiskorrekturen den Stress an den Finanzmärkten verschärfen könnten.

Die drohende Rezession in Deutschland und das Risiko einer Finanzkrise sind aus Sicht der IMK-Forscher*innen eingebettet in einen insgesamt stagnierenden Weltmarkt. Für dieses und das kommende Jahr rechnen die Konjunkturforscher*innen mit einem schwachen globalen Wachstum von nur 2,7 Prozent. Im Jahr 2022 waren das noch 3,4 Prozent.

Mit Blick auf China und die USA gehen die Ökonom*innen etwa davon aus, dass das Wachstum im kommenden Jahr weiter an Schwung verliert. Für China rechnen sie damit, dass sich das Wachstum um 0,6 auf 4,1 Prozent verlangsamt. Hinzu komme, dass sich der Konsum dort nur sehr moderat entwickle und die Folgen der Krise in der Immobilienbranche schwer abzuschätzen seien. In den USA würden staatliche Anreize für Investitionen die Konjunktur zunächst kurzfristig am Laufen halten, sodass von einer »dynamischen Zunahme der Wirtschaftstätigkeit« auszugehen sei. Doch auch dort müsse man 2024 mit einem schwachen Wachstum von nur 0,8 Prozent rechnen. Ein besonderes Risiko gehe dabei von einer zunehmenden Fragmentierung des Welthandels aus: »Weitere gegenseitige Handelsbeschränkungen zwischen den USA und China erscheinen wahrscheinlich«, prognostizieren die Wissenschaftler*innen in ihrer aktuellen Analyse.

Auch das Wirtschaftsministerium erklärt die schlechten Aussichten mit der »weltwirtschaftlich schwierigen Lage, die Deutschland als Exportnation besonders trifft«, wie es auf nd-Anfrage heißt. Sie wolle darum mit Subventionen wie einem Brückenstrompreis die Industrie unterstützen. Allerdings rechnet sie anders als das IMK mit einer konjunkturellen Erholung bereits zum Jahreswechsel.

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