Rolle der Medien: Wahrheit und Propaganda im Nahost-Krieg

Joel Schmidt über die Bedeutung journalistischen Handwerks in Zeiten des Krieges

  • Joel Schmidt
  • Lesedauer: 3 Min.

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Eine Binsenweisheit, schon abertausende Male in Tastaturen getippt, auf Zeitungspapier gedruckt, in Mikrofone gesprochen – und dennoch muss anscheinend immer wieder aufs Neue daran erinnert werden. Ein trauriges Beispiel stellt der mutmaßliche Raketeneinschlag auf das Gelände des Al-Ahli-Krankenhaus in Gaza-Stadt am Dienstagabend dar. Schon kurze Zeit nach dem Ereignis überschlugen sich Meldungen über das Ausmaß der Zerstörung, verheerende Opferzahlen machten genauso schnell die Runde wie eindeutige Schuldzuweisungen. Beruhend auf Angaben der Hamas verbreitete sich die Nachricht, Israel sei für den Angriff verantwortlich, wie ein Lauffeuer in den Sozialen Medien und trieb vielerorts Menschen auf die Straßen. Um ihrer Trauer und Verzweiflung Luft zu machen. Aber auch ihrem Hass.

Nun ist es eine Sache, dass Soziale Medien ihre eigene Funktionsweise haben. Stark emotionalisierende Inhalte werden vom Algorithmus bevorzugt ausgespielt, die schiere Informationsflut in den Netzwerken erschwert Nutzer*innen die Verifizierung von Nachrichten, von gezielten Desinformationskampagnen und Fake-News ganz zu schweigen. Ebenso wie von der Tatsache, dass viele Menschen eher dazu neigen, Meldungen Glauben zu schenken, die sie in ihrem Blick auf die Welt bestätigen.

Zuverlässigkeit von Informationen

Doch dass in diesem Fall auch große Medienhäuser die Angaben ungeprüft übernahmen, stellt eine neue Qualität dar. Anders als in den Sozialen Medien gilt im Journalismus das Zwei-Quellen-Prinzip. Meldungen werden nur veröffentlicht, sofern mindestens zwei unabhängige Quellen auf die Richtigkeit und Zuverlässigkeit einer Information hindeuten. Dass bei den Verlautbarungen einer Terrororganisation wie der Hamas berechtigter Zweifel an der Glaubwürdigkeit angezeigt ist, sollte keine*r ernstzunehmenden Journalist*in erklärt werden müssen. Ebenso wenig, dass auch Angaben von Armeesprecher*innen einer kritischen Überprüfung bedürfen.

In Bertolt Brechts Theaterstück »Das Leben des Galilei« heißt es: »Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!« Den unabhängigen Untersuchungen verschiedener internationaler Medien zufolge verdichten sich die Hinweise darauf, dass es eine fehlgeleitete palästinensische Rakete gewesen sei, die auf dem Gelände des Al-Ahli-Krankenhaus explodierte. Auch die Zahl der Opfer soll weitaus geringer sein als zunächst angegeben.

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Letzteres ist eine gute Nachricht. Nur macht sie für viele Nutzer*innen Sozialer Medien keinen Unterschied. Für Hamas und den Islamischen Dschihad schon gar nicht. Beruht ihre Propaganda doch auf dem Erzeugen größtmöglicher Empörung, ihre militärische Taktik auf dem Missbrauch der Zivilbevölkerung als menschliche Schutzschilde und ihr politisches Ziel auf der Auslöschung des jüdischen Staates. Gemeinsam mit anderen faschistischen Ideologien frönen sie einem Todeskult, in welchem dem Leben des Einzelnen kein besonderer Wert beigemessen wird. Dem lässt sich nur eins entgegenhalten: L'Chaim.

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