Frankreich: Protest gegen »völlig unzeitgemäße« Autobahn

Großdemonstration in Frankreich wegen Umweltfrevels an Wald und Ackerboden

  • Ralf Klingsieck
  • Lesedauer: 3 Min.

Mehr als 10 000 Menschen aus ganz Frankreich demonstrierten am Wochenende auf der Baustelle der geplanten Autobahn A69 Toulouse-Castres. »Diese Autobahn ist völlig unzeitgemäß«, ist Aktivist Thomas Brail überzeugt. »Sie schadet der Umwelt und ist selbst wirtschaftlich unvernünftig und unnötig.«

Brail gründete 2019 einen Verein zum Schutz der Bäume, der sich den Kampf gegen den Bau der A69 zum Ziel gesetzt hat. Im September machte der 48-Jährige Schlagzeilen, als er in Paris zehn Tage lang auf einer Platane vor dem Umweltministerium kampierte, bis ihn die Polizei mit Gewalt herunterholte, und er daraufhin in einen 31-tägigen Hungerstreik trat. Mitglieder der Initiative behinderten immer wieder mit Camps im Wald und mit Baumbesetzungen die Bauarbeiten.

An der Demonstration am Wochenende nahmen auch viele Familien mit ihren Kindern teil, beispielsweise aus dem Dorf Saint-Germain-des-Prés, das von der geplanten Autobahn in zwei Hälften geteilt werden soll. Dabei waren auch zahlreiche Bauern samt Traktoren, die gegen die Enteignung und Zweckentfremdung von Ackerboden für den Autobahnbau protestierten. Trotz eines großen Polizeiaufgebotes besetzten einige Aktivisten einen Bauernhof, dessen Bewohner enteignet und vertrieben worden waren. Bei der Besetzung des Geländes eines Betonmischwerkes wurden drei Lastwagen in Brand gesteckt, was die Organisatoren der Demonstration scharf verurteilten – sie hatten friedliche Aktionen angekündigt.

Die Umweltvereinigungen hoffen weiter, dass sie die Autobahn noch verhindern können. Dabei sind die Bauarbeiten bereits weit fortgeschritten, und es wurden Schneisen durch die Wälder geschlagen und das Gelände planiert. Schon 40 Prozent der geplanten Mittel sind »verbaut«. Die 53 Kilometer lange A69, deren Planung mehr als 30 Jahre zurückreicht, soll eine Nationalstraße entlasten. Die Konzession wurde vor Jahren an die Gesellschaft Atosca vergeben, die den Betrieb 2025 aufnehmen soll und eine Nutzungsgebühr kassieren wird. Sie stemmt den größten Teil der Baukosten von 450 Millionen Euro.

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Thomas Brail und einige Mitstreiter wurden vor einigen Tagen von Carole Delga, der sozialistischen Präsidentin der Region Okzitanien, zu einem Gespräch empfangen. Dabei konnten sie sich auf eine Umfrage unter Bewohnern der betroffenen Departements stützen, in der sich 61 Prozent der Befragten gegen den Autobahnbau aussprachen und 81 Prozent ein Referendum über das Projekt befürworteten. Delga hingegen berief sich auf eine ältere Umfrage im Auftrag der Autobahngesellschaft, die 75 Prozent Zustimmung auswies. Befürworter sind indes vor allem kleine und mittlere Unternehmen, die sich bessere Bedingungen für die Belieferung von Großunternehmen in Toulouse wie vor allem der Airbus-Werke versprechen. Um die Gegner zu besänftigen, versprach die Regionspräsidentin, einen Express-Liniendienst mit Elektrobussen zwischen Castres und Toulouse einzurichten, um möglichst viele Autofahrten und damit verbundene Emissionen zu vermeiden.

Verkehrsminister Clément Beaune hingegen verweigert bisher ein Gespräch mit den Autobahngegnern. Er ließ lediglich seinen Bürochef ausrichten, dass alle anderen Projekte für Autobahnbauten »auf Eis gelegt« seien und noch einmal auf ihren wirtschaftlichen Sinn und die ökologischen Konsequenzen geprüft werden sollen. Bei der A69 hingegen sei dies wiederholt geschehen. Beaune verweist auf »ökologische Kompensationen« für die baubedingten Eingriffe in die Natur. Beispielsweise sollen für mehrere Feuchtgebiete, die trockengelegt werden müssen, andernorts neue angelegt und für jeden abgeholzten Baum fünf neue gepflanzt werden. Dem halten die Umweltschützer entgegen, dass bereits 260 große Bäume gefällt wurden, die mehr als 200 Jahre alt waren und für das Gleichgewicht im Wald über viele Jahre fehlen werden. Für Brail ist dies alles »nichts weiter als Greenwashing«.

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