Sie kämpfte mit Che Guevara: Tamara Bunke in Babelsberg

Die Kampfgefährtin des Revolutionärs Che Guevara lebte 1952 in der Karl-Liebknecht-Straße

  • Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Ein Enkel des antifaschistischen Widerstandskämpfers Heinrich Byl wohnt noch immer im Haus der Familie in der Karl-Liebknecht-Straße in Potsdam-Babelsberg. Bei ihm steht der schöne alte Schrank von Nadja Bunke – Mutter der Revolutionärin Tamara Bunke, die sich 1967 am Guerilla-Aufstandsversuch von Che Guevara in Bolivien beteiligt hat und dort erschossen wurde.

Tamara Bunke schlüpfte als Jugendliche im Herbst 1952 für einige Monate bei Familie Byl in Babelsberg unter, bevor sie mit ihren Eltern nach Eisenhüttenstadt zog. Über diese Lebensphase der später berühmt gewordenen Revolutionärin berichtet Christian Raschke am Mittwochabend nur ein Stück die Karl-Liebknecht-Straße hinunter im alten Rathaus Babelsberg, das heute als Kulturhaus dient.

Raschke ist Vereinsvorstand der Geschichtswerkstatt Rotes Nowawes und hat seinen Vortrag zusammen mit Frank Reich vorbereitet. Sie suchten vergeblich im Stadtarchiv und kaum erfolgreicher an anderen Stellen nach näheren Informationen, konnten aber nicht sehr viel über Tamara Bunke in Babelsberg herausfinden. Deshalb werde er weniger über Tamara Bunke und mehr über Heinrich Byl und sein Umfeld berichten, entschuldigt sich Raschke eingangs bei seinen Zuhörern. Es wird trotzdem ein interessanter Abend, nicht zuletzt, weil zwei Zeitzeugen im Publikum sitzen und sich zu Wort melden.

Da ist zum einen die geschiedene Frau eines Sohnes von Heinrich Byl. Sie kann für Raschke das Rätsel um ein Foto aus einem Buch über Tamara Bunke aufklären. Dieses zeigt Tamara Bunke laut Bildunterschrift als 18-Jährige bei einem Handstand im Schlosspark Babelsberg. Aber so alt war sie doch 1952 noch gar nicht. Die 86-jährige Ex-Frau von Heinrich Byls Sohn erläutert, sie habe Tamara Bunke persönlich nur zwei- oder dreimal gesehen und als selbstbewusst und sportlich in Erinnerung. Sie könne aber sagen, ihr Ex-Mann sei Hobbyfotograf gewesen, habe damals eine gute Kamera besessen und die ästhetisch anspruchsvolle Aufnahme 1955 oder 1956 gemacht, als Tamara Bunke schon längst ausgezogen, aber wieder einmal zu Besuch dagewesen sei. Beim Turnen im Schlosspark sei Tamara Bunke wirklich schon 18 Jahre alt gewesen. Und der schöne alte Schrank, das sei Nadja Bunkes Meisterstück als Innenarchitektin.

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Der deutsche Kommunist Erich Bunke und seine Frau Nadja, die aus Odessa stammte und jüdische Vorfahren hatte, flohen 1935 mit ihrem kleinen Sohn Olaf vor den Faschisten nach Argentinien. Heinrich Byl kannten sie aus der Widerstandsgruppe von Kurt Steffelbauer, der 1942 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde. Den Schrank konnten sie nicht mit in die Emigration nehmen. Daher ließen sie ihn bei Heinrich Byl. Tamara kam dann 1937 in Buenos Aires zur Welt. 1952 kehrte die vierköpfige Familie nach Deutschland zurück – in die DDR.

Erich Bunke war Lehrer. Heinrich Byl war auch Lehrer. Byl hatte seine Frau Wally im Arbeiter-Abstinenten-Bund kennengelernt, sie heirateten 1927. Im Jahr darauf trat er von der SPD in die KPD über. Sein Schwiegervater Hans Ulrich wohnte in der Gartenstraße und arbeitete als Maschinenmeister und Drucker bei der KPD-Zeitung »Rote Fahne« in Berlin.

Gut bekannt, ja befreundet mit der Familie Bunke war Horst Jäkel, der am Mittwochabend kurz und prägnant darüber berichtet. Einst machte Jäkel mit Olaf Bunke Abitur, und mit dessen Schwester Tamara stand er im Briefwechsel. Die Originale sind ihm leider abhandengekommen, aber Mutter Nadja Bunke habe Kopien aufbewahrt.

»Erich Bunke war mein Lehrer und nicht nur das. Erich war für mich ein Vorbild«, erzählt Jäkel. »Ich möchte behaupten, meine politische Einstellung verdanke ich vor allem dieser Familie.« Der 88-Jährige erinnert daran, dass Che Guevara 1967 in der DDR wegen seiner abenteuerlichen Rebellion in Bolivien durchaus kritisch gesehen wurde – trotz aller Sympahien für seinen alten Kampfgefährten Fidel Castro und für Kuba. Der gebürtige Argentinier Che Guevara hatte maßgeblich dazu beigetragen, die Insel von Diktator Fulgencio Batista zu befreien und war dort Industrieminister gewesen.

Horst Jäkel erläutert: »Wir haben ja in der DDR gesagt: Wir exportieren keine Revolution.« Genau das jedoch hatten Che Guevara und Tamara Bunke in Bolivien versucht. Jäkel betont, die Familie Bunke habe für Frieden, Sozialismus, Gerechtigkeit und Umweltschutz gekämpft, und ruft dazu auf, es ihnen gleichzutun.

Noch bis zum 22. Dezember wird im Treffpunkt Freizeit, Am Neuen Garten 64 in Potsdam eine Tamara-Bunke-Ausstellung gezeigt: montags bis freitags von 8 bis 21 Uhr und samstags und sonntags von 12 bis 18 Uhr. Sie soll bisher gut besucht sein. Es ist die Ausstellung, die vorher schon in Eisenhüttenstadt, Frankfurt (Oder) und anderswo in Ostdeutschland zu sehen war.

Es sei die erfolgreichste Ausstellung der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft, sagt Professor Oliver Rump, der sie mit seinen Studenten erstellt hat. Erstmals im Westen werde sie nächstes Jahr in Hannover präsentiert, zuvor aber erst noch in Berlin-Wedding.

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