»Die Inkommensurablen«: Per Breakbeat in den Untergrund

Das Wiener Volkstheater bringt Raphaela Edelbauers »Die Inkommensurablen« auf die Bühne

  • Nikolaus Kohlberger
  • Lesedauer: 4 Min.
Ans Retro-Gerät gefesselt: Die Spieler*innen bedienen brav den Projektor. Geschichte gehört in den Hintergrund.
Ans Retro-Gerät gefesselt: Die Spieler*innen bedienen brav den Projektor. Geschichte gehört in den Hintergrund.

Die »Inkommensurablen« von Raphaela Edelbauer ist eine lose, bisweilen turbulente Szenenfolge über die letzten Stunden der Menschheit vor der allgemeinen Mobilmachung Ende Juli 1914 in Wien. Damit landete sie auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2023. Das Künstlerkollektiv Sputnic hat in der Regie von Nils Voges aus dem Roman ein »Live Animation Cinema« gemacht. Es bietet darin ein Potpourri voll Wiener Schmankerl aus dem Fin de Siècle.

Das Watschenkonzert, die Psychoanalyse, Sozialreportagen von Max Winter, der als ulkig reaktionär aus der Zeit gefallen dargestellte Kaiserhof, die Subkultur der Metropole und die soziale Situation in den Elendsquartieren sind einige Zutaten dieses Kulturgeschichtekonfekts. Live zum Einsatz kommen bildgebende Tricktische. Per Overheadprojektion landet die im Graphic-Novel-Erklärstil der Bundeszentrale für politische Bildung gezeichnete Historie des K.-u.-k.-Untergangsgrollens auf einer beweglichen Kulisse aus Lamellenvorhängen. Vor allem die emsige Gebundenheit aller vier Darsteller*innen an die Handprojektoren verhindert einen abendfüllenden Zusammenhang.

Der belesene Bauernknecht Hans Ranftler (Hardy Emilian Jürgens) strandet auf der Suche nach der offensichtlich auch bis in Alpentäler inserierenden Psychoanalytikerin Helene Cheresch (Gerti Drassl) am Wiener Südbahnhof. Dort wird er sogleich in den taumelnden Sog der sich bei der Rossauer Kaserne meldenden jungen Männer eingereiht. Hans besitzt eine Art vorauslauschende Begabung: Häufig weiß er gedanklich Sätze, noch bevor diese irgendwo ausgesprochen werden. Zum Ende der Geschichte wähnt er sich derart begabt zu einer historischen Aufgabe verpflichtet: Er will dieses Spezialhörvermögen kriegsgewichtig dem K.-u.-k.-Militär zur fernhörenden Ausspähung bereitstellen.

Doch zunächst lernt er die anderen Patient*innen seiner Therapeutin kennen: Klara Nemec ist eine junge queere Frau aus ärmlicher Vorstadtfamilie, Sozialistin mit Mathematikbegabung (Anna Rieser). Und dann gibt es noch den einrückenden adeligen Offizier, Bratschisten und Schönberg-Fan Adam Jesenky (Fabian Reichenbach). Klara, so erfährt der Tiroler Pferdegeselle, ist der Mittelpunkt eines Traumclusters, in dem Nacht für Nacht Hunderte Analysand*innen vom selben Dorf träumen, wie Mücken vom mysteriösen Leuchten eines Lusters unstillbar angezogen werden. Zu dritt ziehen sie nun durch Wien.

Diese symbolistische Rahmenhandlung und die verkomplizierte Figurenkonstellation haben nun leider nach einem Teaser über das psychoanalytische Wien nur lose mit den folgenden Szenen zu tun. Auch die Romangrundlage will sehr viel, beschreibt kleine Wiener Spezialitäten punktgenau, vermittelt aber wenig mehr als ein Sammelstickeralbum über die Jahrhundertwende.

Die drei jungen Leute besuchen eine Konzertprobe des zweiten Streichquartetts von Arnold Schönberg. Während einer Pause kommt es zu einer Diskussion der nationalen Frage im Ensemble und darüber zur Schlägerei. Versehrt trudelt die Truppe im Palais Jesenky ein, von dessen architektonischen Ausmaßen und Pomp der Pferdegeselle überwältigt ist. Adam nimmt ein heilendes Bad.

Beim Abendessen zum Anlass der ersehnten Kriegsertüchtigung des Sprösslings, treffen sie neben Adams autoritärem Papa auch auf den Krisenstab der Militärkanzlei, der im Armlehnstuhl wohlgenährt über nun kommende zivile Opfer sinniert. Klara versucht als Zaungästin dieser Lagebesprechung friedensbewegt auf diese hochdekorierte Riege von Kriegstreibern einzuwirken, erntet militantes Unverständnis – das Trio wird empört aus dem Speisesaal gebeten.

Es geht im avantgardistischen Café Meininger mit Hochprozentigem weiter. Klara vergnügt sich mit einer Freundin; per Scherenschnitt wird ein Blowjob an die Wand gespielt, den der unerfahrene Hans schamhaft unterbricht. Die drei werden in den Technoclub Trabant gespült. Zu lauten Beats und mit Lichterketten kostümiert, erzeugt eine weiß-bläulich schimmernde Atmosphäre unter dem sagenumwobenen Luster hier das richtige Ambiente für einen Herointrip des Dreigespanns.

Nach durchfeierter Nacht stehen Klara am nächsten Morgen auch noch ein Besuch bei ihrer grauenhaften Mutter in der Vorstadt und das Rigorosum zur Erlangung der Doktorwürde im Universitätsgebäude an der Ringstraße bevor – die Prüfung wird aber durch deutschnationale Störenfriede gestürmt. Zum plötzlichen Ende stolpert Hans aufgescheucht vom untergründig brodelnden Wien wieder auf die Couch der Cheresch, die ihm sanft andeutend eine Psychose erklärt.

Dieser animierte Abend projiziert einen Folienreigen typischer Wiener Spezereien und kümmert sich wenig um seine Spieler*innen, schwappt zwischen disparaten Ansätzen hin und her. Die Soundkulisse der Stadt wird jedoch durch die Komposition aus allerlei Geräuschen und Musiken von Fiete Wachholtz wundersam eingefangen, und vor allem die tontechnische Surround-Sound-Einrichtung durch Stefan Feheregyhazy zeigt die multimedialen Möglichkeiten des Theaters.

Nächste Vorstellungen: 21.12., 14.1., 31.1.

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