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Thyssenkrupp: Aufklärung zum Tod eines Leiharbeiters gefordert

Protest bei Hauptversammlung: Konzern verweigert Hinterbliebenen des 2022 ums Leben gekommenen Refat Süleyman Hilfe

  • David Bieber, Bochum
  • Lesedauer: 5 Min.
Aktive von den Kritischen Aktionären und Angehörige des verstorbenen Leiharbeiters Refat Süleyman protestierten am Freitag vor der Hauptversammlung von Thyssenkrupp im Bochumer Ruhr-Congress.
Aktive von den Kritischen Aktionären und Angehörige des verstorbenen Leiharbeiters Refat Süleyman protestierten am Freitag vor der Hauptversammlung von Thyssenkrupp im Bochumer Ruhr-Congress.

Vor knapp 40 Jahren nahm der Journalist Günter Wallraff die Identität des türkischen Leiharbeiters Ali S. an und recherchierte in dieser Rolle monatelang beim Stahlkonzern Thyssen in Duisburg. Seine Erkenntnisse über die miserablen Arbeitsbedingungen der türkischen Leiharbeiter des Konzerns schrieb er in dem Bestseller »Ganz unten« auf. Seither hat sich viel verbessert in der deutschen Stahlindustrie und auch bei Thyssen, das heute Thyssenkrupp Steel (TKS) heißt.

Im Umgang mit migrantischen Arbeitern scheint dennoch bis heute nicht alles in Ordnung zu sein. Das zeigt der Fall von Refat Süleyman, der am 14. Oktober 2022 auf dem Betriebsgelände von TKS in Duisburg auf bislang ungeklärte Weise ums Leben kam und dessen Angehörige und Unterstützer am Freitag bei der TKS-Hauptversammlung in Bochum Aufklärung und Gerechtigkeit forderten.

Der türkischstämmige Bulgare war in einem Subunternehmen als Leiharbeiter angestellt. Wie »Ali S.« trug er die Schlacke ab und reinigte Anlagen. An jenem Herbsttag verschwand der 26-Jährige. Drei Tage später wurde sein Leichnam bei Reinigungsarbeiten in einer Schlammgrube entdeckt. Der zweifache Vater sei qualvoll erstickt, ergab die polizeiliche Ermittlung, die die türkisch-bulgarische Community in Duisburg vehement eingefordert hatte.

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Angehörige und Unterstützer zogen im vergangenen Jahr durch Duisburg und zur Duisburger Staatsanwaltschaft und forderten Gerechtigkeit und Aufklärung. Bislang werde noch ermittelt, heißt es von dort.

Auf eine Reaktion seitens TKS warte die Familie Süleymans bislang vergebens, obwohl das Unternehmen diese immer angekündigt habe, sagt Philipp Lottholz vom Verein Stolipinovo gegenüber »nd« am Rande der Hauptversammlung. Der Verein setzt sich für Migranten in Duisburg ein. Er habe aus gut informierten Kreisen gehört, dass TKS sich nicht melde, weil dies als Schuldeingeständnis interpretiert werden könnte, erklärt Lottholz.

Von der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) wird der Unfall bislang nicht als Arbeitsunfall eingestuft. Folglich gibt es auch kein Sterbegeld seitens der Genossenschaft und auch keine Kompensationszahlung von TKS. Während der Hauptversammlung teilte TKS mit, man habe sofort mit der »Partnerfirma« Kontakt aufgenommen und Unterstützung durch den TKS-Sozialservice angeboten. Das Hilfsangebot sei auch gegenüber der bulgarischen Botschafterin erneuert worden, als diese TKS besuchte.

Der Dachverband Kritische Aktionäre ermöglichte es Süleymans Ehefrau und dem Duisburger Aktivisten Ibo Özcan, auf der Hauptversammlung zu sprechen. Özcan, dessen Vater auch bei TKS am Hochofen malocht hatte und »durch mangelhafte Sicherheitsmaßnahmen später Lungenkrebs bekam und deshalb starb«, wie sein Sohn sagt, forderte endlich Aufklärung und eine angemessene Reaktion von TKS. Aktivist Lottholz berichtet, der Witwe gehe es finanziell schlecht. Sie habe »einen Mini-Job und weiß mit zwei kleinen Kindern nicht, wie sie über die Runden soll. Sie ist auf Hilfe angewiesen. Einzig die Community hilft ihr.« Diese Unterstützung forderten Lottholz und Özcan vom TKS-Vorstand ein.

Dass es kein Arbeitsunfall gewesen ist, sei für niemanden in der Community und in der Familie Süleyman vorstellbar, sagen Lottholz und Özcan. Ein Dossier in der »Zeit« von August 2023 hatte aus dem Stand der Polizeiermittlungen zitiert. Demnach war das Fehlen eines Geländers im Schlammbecken, in dem Süleyman den Erstickungstod fand, eine »eklatante Verletzung gegen Arbeitssicherheitsvorschriften«, die seinen Tod mindestens begünstigt habe. Konkret soll ein Gitter an der Schlammgrube demontiert gewesen sein.

TKS bleibt bislang dennoch dabei, dass es kein Arbeitsunfall war. Auf nd-Anfrage teilte der Konzern mit: »Unsere eigenen wie die Untersuchungen der Bezirksregierung zu dem Vorfall haben bisher keine Befunde ergeben.« Beim Unglücksort handele es sich nicht um einen »öffentlich« zugänglichen Bereich. »Die Absetzbecken sind und waren nicht ungesichert, sondern mit umlaufenden Geländern versehen. Zwischen den einzelnen Becken befinden sich ebenfalls Geländer. Von diesen Zwischengeländern war zum Zeitpunkt des Auffindens eines beschädigt«, heißt es in der Mitteilung an »nd«.

Dies ist aber für TKS »kein konkreter Anlass«, davon auszugehen, dass dies »wesentlich mit dem Ereignis zusammenhängt«. Denn um an diesen Ort zu gelangen, müsse zunächst ein »umlaufendes Geländer passiert werden«. Dafür bestand laut TKS bei der zu verrichtenden Reinigung kein Auftrag. Kurzum: TKS, das an den Duisburger Standorten durchschnittlich etwa 3000 Leiharbeiter verschiedener »Partnerfirmen« beschäftigt, wiegelt ab.

Auch wenn die genauen Umstände des Todes von Süleyman nicht endgültig aufgeklärt sind, besteht für Lottholz und Özcan kein Zweifel daran, dass die schlechten Arbeitsbedingungen in den zahlreichen Subunternehmen von TKS massive Risiken und oft Schäden für Gesundheit und Sicherheit bedeuten. 2023 starben konzernweit drei Leiharbeiter, berichtete die »Westdeutsche Allgemeine« unter Berufung auf TKS. Ein Jahr zuvor soll es fünf tödliche Unfälle gegeben haben.

»Wir fordern daher einen angemessenen Umgang mit Tod und Unfällen sowie Verbesserung der Arbeitsbedingungen«, sagte Özcan auf der Aktionärsversammlung. »Angehörige anderer tödlich verunfallter Arbeiter konnten bis zuletzt keine Einigung mit TKS bezüglich Entschädigungsansprüchen erzielen und müssen diese aktuell vor Gericht erstreiten«, erklärte er weiter. Viele Familien seien mittlerweile entkräftet und desillusioniert.

Die Kritischen Aktionäre prangerten zur Hauptversammlung überdies zahlreiche weitere Missstände im Konzern an: Intransparenz bei Rüstungsexporten, Dividenden-Ausschüttungen trotz staatlicher Hilfen bei der Transformation der Produktion zu »grünem« Stahl, Rückschritte beim Klimaschutz.

Vor der Hauptversammlung demonstrierten zudem rund 250 Thyssenkrupp-Beschäftigte für eine stärkere Beteiligung der Arbeitnehmerseite an der künftigen Ausrichtung des Konzerns. Zu der Kundgebung hatte die IG Metall aufgerufen. Im Fokus der Demo stand Konzernchef Miguel López. Die Gewerkschaft wirft ihm vor, die Mitbestimmung zu umgehen und intransparent zu agieren. In einem an die Aktionäre gerichteten Flugblatt heißt es: »Wir fordern eine aktive Beteiligung der Belegschaft an allen strategischen Prozessen auf Augenhöhe. Wir sind keine Verhinderer. Wir kämpfen für den Konzern und den Erhalt von Arbeitsplätzen.«

Es war die erste Aktionärsversammlung mit López, der seit Juni 2023 an der Spitze des Konzerns steht. Er bekräftigte auf der Versammlung seine Entschlossenheit, dafür zu sorgen, dass das Unternehmen wieder »in die Spur« komme. Man wolle und müsse den Anteilseignern »in Zukunft wieder mehr bieten als eine minimale Rendite und einen unbefriedigenden Aktienkurs«. Im Geschäftsjahr 2022/23 hatte der Konzern einen Verlust von rund zwei Milliarden Euro eingefahren.

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