Grüner Wasserstoff aus Algerien: Aus dem Süden für den Süden

Deutschland will grünen Wasserstoff aus Algerien importieren – und zeigt Interesse an weiteren Geschäften

  • Claudia Altmann, Algier
  • Lesedauer: 4 Min.

Deutschland braucht grünen Wasserstoff. Algerien hat die Potentiale, diesen zu liefern. Um aus diesem Match einen konkreten Deal zu machen, ist Wirtschaftsminister Robert Habeck in dieser Woche in das nordafrikanische Land gereist. Sein Ziel, die algerischen Partner zu überzeugen, dass auch sie davon profitieren. Bei seinen Gesprächen mit den Ministern für Energie und Industrie und dem Staatspräsidenten lief er dabei offene Türen ein.

Sind bisher die Wasserstoff-Projekte im Norden angesiedelt – Norwegen, Dänemark, Großbritannien, Kanada – bewegt sich Deutschland jetzt auch in die andere Richtung. »Wir haben eine Verbrauchssituation im Südosten Deutschlands, die noch nicht befriedigend beantwortet ist und das bringt uns nach Algerien«, sagte Habeck. »Algerien ist für Deutschland und Europa ein Premiumpartner wegen der bestehenden Infrastruktur.« Aber das ist nicht der einzige Grund für das große Interesse. Das Land bietet ideale Bedingungen für die Produktion erneuerbarer Energien. Anderthalb Millionen Quadratkilometer Wüste mit guter Sonneneinstrahlung im Süden und hinzu noch exzellente Bedingungen auf den Hochplateaus und dem Saharaatlas im Norden bieten mit ihren riesigen Flächen hervorragende Potentiale. Das ist nicht neu. Aber bisherige Annäherungen wie etwa das Wüstenstromprojekt Desertec aus den 2000er Jahren haben sich am politischen Desinteresse Algiers die Zähne ausgebissen und sind gescheitert.

Das ist jetzt anders. Algerien, das als Afrikas größter Erdgasproduzent 95 Prozent der Exporteinnahmen aus diesem Sektor bezieht, hat die neuen Zeichen der Zeit erkannt. »Europa ist für uns der erste Energiepartner. Aber es will sein Modell des Energieverbrauchs ändern und orientiert sich in Richtung erneuerbare Energien«, sagt Abdelmadjid Attar, ehemaliger Generaldirektor der staatlichen Öl- und Gasfirma Sonatrach und ehemaliger Energieminister, dem »nd«. Sein Land wolle seinen Verbrauch reduzieren und seinem Energiemix grünen Wasserstoff hinzufügen. »Damit wird sich unsere Erdgasproduktion verringern.« Also sei die beste Lösung, ebenfalls ein Akteur der Energie von morgen zu sein. Mit Wasserstoff (H2) und Erdgas biete Algerien eine Flexibilität der Exporte von Energieressourcen entsprechend den jeweiligen geostrategischen Bedingungen. Hinzu käme, dass Algeriens Eigenverbrauch rasant ansteigt. »Wenn wir die Abhängigkeit von den Erdgas-Einnahmen durch die Entwicklung der Wirtschaft verringern, stehen uns mehr Ressourcen zur Verfügung, um die Energiesicherheit unseres Landes bis 2050 und darüber hinaus zu garantieren«, erklärt Attar. Die Energietransformation habe in Algerien Priorität und der Bau von Produktionseinheiten für Erneuerbare müsse unbedingt beschleunigt werden.

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Für eine Partnerschaft Deutschlands mit Algerien spricht nicht zuletzt auch die geografische Nähe. Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE gehört Algerien zu den Ländern, die am kosteneffizientesten Wasserstoff per Pipeline nach Europa liefern könnten. Inklusive Transport könnten in einer auf Wasserstoff umgerüsteten Erdgaspipeline niedrigere Bereitstellungskosten für gasförmigen Wasserstoff als in anderen Ländern entstehen. »Unter der Voraussetzung, dass erste Abschnitte dieser Pipeline-Infrastruktur bis 2030 gebaut werden, könnten ab dann große Mengen nachhaltig erzeugten Wasserstoffs auf eine sehr kosteneffiziente Weise nach Europa und damit auch Deutschland transportiert werden«, heißt es in der Studie.

Sowohl Deutschland als auch Algerien wissen, dass für beide die Zeit drängt und haben am vergangenen Donnerstag eine gemeinsame Wasserstoff-Taskforce gegründet. Sie soll die Rahmenbedingungen für Produktion, Speicherung und Transport von grünem Wasserstoff sowie dessen Derivaten fördern. Außerdem einigten sie sich darauf, eine von Deutschland finanzierte Wasserstoffpilotanlage an der algerischen Nordwestküste zu installieren. Der produzierte Wasserstoff soll dann künftig von Algerien über Tunesien, Italien und Österreich über die Pipeline »South-H2-Corridor« nach Deutschland transportiert werden. Dafür werden bereits bestehende Pipelines genutzt, die ausgebaut, verlängert und umgerüstet werden müssen. Bei den Begegnungen in Algier waren auch Vertreter der betreffenden anderen Länder sowie der Europäischen Union dabei. Geht es nach Algeriens Energieminister Mohamed Arkab, so soll diese Leitung im Abschnitt bis Italien durch eine zweite Direktleitung ergänzt werden.

In Habecks Begleitung waren in Algier auch Vertreter deutscher Unternehmen verschiedener Branchen des Energiesektors, die teils schon in Algerien präsent sind oder Interesse an Zusammenarbeit haben. Zu letzteren gehörte David Wedepohl vom Bundesverband Solarwirtschaft. »Es gibt hier den politischen Willen einmal für die eigene Energienutzung um Gas einzusparen, aber auch für die Herstellung von Wasserstoff für den Export in der Zukunft Solarenergie in großen Mengen zu erzeugen. Wir nehmen die Algerier beim Wort, dass sie diesen Bereich gerne ausbauen würden. Deutsche Unternehmen werden hier mit offenen Armen und großem Interesse empfangen«, sagte Wedekind dem »nd«.

Wirtschaftsminister Habeck sprach am Ende seines Besuchs in Algier von »außerordentlicher Offenherzigkeit« bei den algerischen Partnern, die »Lust auf mehr macht«. Schon im September wollen sich die fünf am »South-H2-Corridor« beteiligten Länder wiedertreffen.

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