Die Intimität des Widerstands

Ein Hohelied auf Antifaschismus. Der neue Film von Andreas Dresen: »In Liebe, Eure Hilde«

  • Gunnar Decker
  • Lesedauer: 6 Min.
Kurz nur währte das Glück zu dritt. Wenige Minuten ...
Kurz nur währte das Glück zu dritt. Wenige Minuten ...

Der Wind rauscht durch das Schilf am See, durch die Blätter am Baum. Das ist der Grundton dieses Films: Das Leben ist schön, trotz aller Schrecken. Auch Hilde Coppi schaut immer wieder sehnsüchtig den Wolken am Himmel nach, zuletzt bei ihren kurzen Spaziergängen auf dem Gefängnishof. Das einfache Leben ist es, das hier gewaltsam zerstört wird.  

Nein, Andreas Dresen will mit seinem Film über Hilde Coppi (Drehbuch: Laila Stieler) keine Heldengeschichte erzählen. Er will aber auch kein Porträt der weitverzweigten und politisch offenbar keineswegs homogen-kommunistischen Widerstandsorganisation »Rote Kapelle« zeichnen, die in Stephan Hermlins quasiliterarischem Gründungsdokument der DDR von 1951 »Die erste Reihe« erstaunlicherweise nicht vorkommt. Hermlin versammelt darin die Geschichten von jungen Menschen, die im Widerstand gegen Hitler ermordet wurden – von Lilo Herrmann (auch sie gerade Mutter geworden und hingerichtet) bis Werner Seelenbinder. Das sollte das moralische Fundament sein, auf dem die DDR gebaut wird. Eines mit Rissen, wie sich zeigen sollte.

Dass Kommunisten in kommunistischen Regimen verfolgt und ermordet werden konnten, war eine schockierende Erfahrung für jene, die gegen den Faschismus gekämpft hatten. Unwillkürlich fragt man sich da, ob man dieser schwierigen Geschichte wie Dresen mit dem Willen zum einfachen Leben und der großen Liebe als Erklärung beikommen kann, oder ob das nicht naiv scheint. Sagen wir es so: Dresen ist so naiv wie ein Künstler es sein sollte, der von Menschen erzählen und nicht Ideologie betreiben (oder diese kritisieren) will. Er findet auch gute Gründe dafür, das hier Erzählte sehr nah an die Gegenwart heranzuholen, ohne es geschichtlich in jeder Szene genau zu verorten. Genauso gute Gründe gäbe es allerdings auch dafür, den geschichtlichen Kontext deutlicher zu machen. Denn Geschichte ist kein Ort der Einfühlung, sondern des präzisen Urteils.         

Wir sehen hier – in Rückblenden – junge Leute, die tanzen, schwimmen, sich lieben, Wein trinken und Radio Moskau hören. Ein Funkgerät gibt es auch, ein sowjetischer Agent hat es gebracht. Hans Coppi soll darauf Funksprüche nach Moskau schicken. Doch erst einmal muss er das Morsealphabet lernen. Und Hilde hilft ihm dabei. So wird »In Liebe, Eure Hilde« eine Geschichte über die Liebe in Zeiten des Faschismus. Eine geradezu heutige Szenerie, wie einige Kritiker schon erleichtert vermerkten: mehr assoziierter »Aufstand der Anständigen« als an Moskau orientierte politische Untergrundorganisation samt geschichtlichen Implikationen wie Hitler-Stalin-Pakt und Denunziation eigener Genossen.

Wäre das zu viel für einen einzigen Film – oder eher eine Überforderung des Zeitgeistes? Es gibt bereits herausragende Filme wie die Defa-Produktion »Die Verlobte« von 1980 in der Regie von Günter Reisch (zusammen mit Günther Rücker). Jutta Wachowiak zeigte als Hauptdarstellerin bestürzend große Schauspielkunst, aber auch Regie und Kamera wagten formale Zuspitzungen, die bei Dresen völlig fehlen. Oder Ulrich Weiß mit »Dein unbekannter Bruder«, Defa 1982, über einen Verräter in einer kommunistischen Untergrundzelle. Das verletzte Tabus. »So waren wir nicht«, lautete prompt das Urteil von Politbüromitglied Hermann Axen, der damit den Film (samt hochbegabtem Regisseur) erledigte.

Nein, in diese Abgründe steigt Dresen hier nicht hinab – Harro Schulze-Boysen etwa wird als Uniformträger zur Randfigur, von der es immerhin heißt, er lese Lenin im Original. Hier kreist alles um Hilde Coppi, die sich aus Liebe zu ihrem Mann Hans an der Widerstandsarbeit beteiligte. So sagt sie es jedenfalls vor Gericht, das sie zum Tode verurteilt. Das wird auch nicht weiter hinterfragt. Ihr Vergehen: das Verteilen von Flugblättern und Abhören von Nachrichten von Radio Moskau.

Bis unmittelbar vor ihrer Hinrichtung hatte Hilde Coppi noch ihren im Gefängnis geborenen Sohn Hans gestillt, der inzwischen 81 Jahre alt ist und – aus dem Off – das Schlusswort im Film bekommt. Darin erfahren wir dann, dass nur ein einziger Funkspruch aus Berlin in Moskau angekommen war: Grüße an die Genossen!

Die enge, kalte und schmutzige Gefängniszelle wird zum Verwandlungspunkt in ein starkes Kammerspiel. Vielleicht etwas zu bunt und zu fröhlich geratene Rückblenden kontrastieren die sich aufbauende Hermetik der einsamen Zellenexistenz immer wieder. Denn nur ein glücklicher Sommer war dem jungen Ehepaar vergönnt. Mitten beim Erdbeerenpflücken steht die Gestapo im Garten vor Hilde, ein höflicher Mensch lässt sie den Koffer packen und erinnert sie auch daran, warme Sache mitzunehmen. Wie lange werde es dauern? Das hänge von ihr ab, lautet die Antwort.

Die Mordmaschinerie arbeitet bereits. Die Verwandlung von Menschen in zugerichtete Objekte gehört dazu. Dresen verzichtet jedoch auf jede Dämonisierung der Täter, die alle auch unter anderen politischen Bedingungen ihren »Dienst« ebenso gewissenhaft erfüllt hätten – und dies auch taten. Die Kommunisten der »Roten Kapelle« blieben nach dem Krieg im Westen noch lange Verräter.   

Liv Lisa Fries als Hilde Coppi trägt die Gefängnisszenen auf eindrucksvolle Weise. Sie setzt sich dem Gefühl der Ohnmacht aus. Die Geburt des Kindes unter entsetzlichen Bedingungen, die Trennung von Hans, die Angst vor dem Tod – all das spielt sie sehr eindringlich ganz ohne falsche Töne. Dresen zeigt mit Hilde Coppi, wie nah uns Menschen wie sie doch sind. Klingt gut, aber scheint künstlerisch problematisch. Macht das gewollt Einfache den Film vorsätzlich klein? Teils, teils. Man ist richtig erschrocken, wenn Alexander Scheer als schweigsamer Gefängnispfarrer Harald Poelchau (auch dieser ein Widerständler) bei Hilde Coppi vor ihrer Hinrichtung auftaucht – plötzlich ist da eine Distanz gebietende Aura, die sonst keiner der Schauspieler hier, auch Johannes Hegemann als Hans Coppi nicht, um sich herum schafft.

Filmische Wucht erlangt »In Liebe, Eure Hilde« so nur selten. Aber dafür entsteht eine Reihe eindringlich-minimalistischer Szenen. So die letzte vor der Hinrichtungskammer in Plötzensee. Mit Hilde Coppi werden am 5. August 1943 zwölf andere Frauen aus der »Roten Kapelle« im – exakt geplanten – Abstand von vier Minuten guillotiniert.

Ein Passionsbild: Wie sie da Schlange stehen, mit geschorenen Nacken in grauen Kitteln, still warten, dass sich die Tür öffnet und ihr Name aufgerufen wird. Wie sie dann hineingehen und für immer verschwinden. Nein, falsch, es bleibt etwas von ihnen: jene Geschichte, die Dresen hier erzählt.      

»In Liebe, Eure Hilde«: Deutschkand 2024, Regie: Andreas Dresen. Mit Liv Lisa Fries, Johannes Hegemann, Lisa Wagner, Alexander Scheer. Termine: 20.2., Kino Toni, 17.30 Uhr, 25.2. Zoo Palast 1, 12.30 Uhr

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