Aufforstung ist keine einfache Lösung

In Afrika sind Savannen durch groß angelegte Baumpflanzungen gefährdet

  • Wolfgang Pomrehn
  • Lesedauer: 4 Min.

Baum ist nicht gleich Baum und Wald nicht gleich Wald. Aufforstung kann eine Maßnahme gegen den Klimawandel sein, allerdings nur, wenn sie richtig angewandt wird. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie, die kürzlich im Fachblatt »Science« erschienen ist und sich mit diversen Aufforstungsprojekten in Afrika beschäftigte. Die meisten davon werden im Rahmen der Initiative African Forest Landscape Restoration durchgeführt, mit der sich nach unterschiedlichen Angaben 34 oder 35 Länder verpflichtet haben, für die Wiederherstellung von Wald auf einer Fläche zu sorgen, die knapp viermal so groß wie Deutschland ist.

Aufgrund von Satellitendaten schließen die Autorinnen, dass in 52 Prozent aller untersuchten Fälle die Bäume in Savannen und Graslandschaften gepflanzt werden und damit die dortigen Ökosysteme nachteilig verändern. Diese Flächen würden oft fälschlich als Wald deklariert. Zudem handele es sich bei 60 Prozent der gepflanzten Bäume um nicht heimische Arten. Unklar sei allerdings das Ausmaß des Problems vor Ort, zumal die Auflösung der Satellitendaten nicht allzu fein ist und die Klassifizierung der Ökoregionen »nicht punktgenau«, wie Anja Ramming von der TU München anmerkt, die nicht an der Studie beteiligt war.

Einen ganz anderen Ansatz als die direkte Aufforstung verfolgt ein schon in den 80er Jahren im Niger gestartetes Projekt, das die örtlichen Bauern einbezieht. Der später mit dem sogenannten Alternativen Nobelpreis ausgezeichnete Initiator Tony Rinaudo hatte seinerzeit erkannt, dass man mit herkömmlichen Baumpflanzungen in der Sahelzone nicht weit kommt. Außerdem nahm er wahr, dass die oft noch zu sehenden Büsche aus alten Baumwurzeln wuchsen. Also ermutigte er Bauern, die Büsche wieder zu Bäumen heranwachsen zu lassen, wie unter anderem die britische Zeitung »The Guardian« berichtet. Zudem wurden um die Stämme Mulden angelegt, in denen sich Regenwasser sammeln konnte. In diesen und den Schatten der Bäume nutzend, konnten die Bauern ihre Erträge spürbar erhöhen und hatten damit eine alte Anbaumethode wiederentdeckt. Die europäischen Kolonialherren hatten diese einst mit Baumsteuern unterdrückt, sodass sie schließlich in Vergessenheit geriet. Heute wird diese Praktik in Niger und benachbarten Ländern auf sechs Millionen Hektar genutzt und hat den Baumbestand erheblich erhöht.

Vegetation erwärmt sich stärker

Derweil kam eine weitere, mit ganz anderen Methoden durchgeführte Untersuchung ebenfalls zu dem Schluss, dass der positive Effekt von Bewaldungsmaßnahmen überschätzt wird. Der Grund: Wichtige Klimaeffekte der neuen Wälder bleiben unberücksichtigt, wie es in einer letzte Woche gleichfalls in »Science« veröffentlichten Studie heißt. Für diese haben die Autorinnen und Autoren die Auswirkungen neuer Wälder mit einem sogenannten Erdsystemmodell untersucht. Bei einem solchen handelt es sich um ein ganzes System mathematischer Gleichungen, das nicht nur die Atmosphäre, sondern auch Ozeane, Landoberflächen, Biosphäre und Eis sowie deren jeweilige Interaktionen miteinander abbildet.

Ein leistungsstarker Großcomputer rechnet mit diesem Modell durch, wie sich die verschiedenen Faktoren wie Klima, Ozeanströmungen und anderes entwickeln, wenn Randbedingungen geändert werden. Damit kann man zum Beispiel berücksichtigen, dass die Vegetation in der Regel deutlich dunkler als entblößter Untergrund ist. Nimmt sie zu, wird weniger Sonnenlicht reflektiert, mithin mehr Energie im Erdsystem gespeichert. Aufforstung entzieht also der Atmosphäre CO2 und mindert die Erwärmung ein wenig, zugleich befördert sie diese aber auch ein bisschen. Mit den Berechnungen konnten diese Effekte nun gegeneinander abgewogen werden.

Bäume verändern die Luftchemie

Ein anderes Beispiel für den Einfluss des Waldes auf das Klima, auf das in der vorliegenden Studie ein besonderes Augenmerk gelegt wurde, sind die Emissionen der Bäume. Diese stoßen, um Feinde abzuwehren, um miteinander zu kommunizieren, das Wachstum zu stimulieren und zu anderen Zwecken flüchtige organische Verbindungen aus. Diese verändern die Luftchemie und sorgen für mehr Methan und Ozon, beides sehr potente Treibhausgase. Außerdem tragen sie zur Bildung kleiner schwebender Festkörper bei, sogenannte Aerosole, die einerseits als Kondensationskerne dienen und damit den Niederschlag fördern und andererseits Sonnenlicht reflektieren. Bleiben all diese zum Teil entgegengesetzt wirkenden Effekte unberücksichtigt, wird der positive Einfluss der Aufforstung auf das Klima um etwa ein Drittel überschätzt, so das Fazit der Studie.

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