Die Zerstörung hat System

Das Kunsthaus Dahlem in Berlin bringt die Textilkünstlerinnen Sofie Dawo und Haleh Redjaian mit der ZERO-Bewegung in Verbindung

Sofie Dawo in der Galerie Elitzer, Saarbrücken 1964
Sofie Dawo in der Galerie Elitzer, Saarbrücken 1964

Es gibt wohl keine Spielart der Bildenden Kunst, die ab dem 20. Jahrhundert so sehr von weiblichen Protagonistinnen dominiert war wie die Textilkunst. Natürlich war das keineswegs Zufall: Aufgrund der traditionellen Rollenzuweisung an die Frau, den Haushalt zu besorgen – also auch für das Nähen, Stricken und Stopfen zuständig zu sein – ergab sich für Frauen zwangsläufig eine größere Nähe zu textilen Materialien und den dazugehörigen Techniken. Zudem war die Beschäftigung mit Stoffen und Garnen auch in Künstlerkreisen weiblich besetzt; künstlerisch ambitionierte Frauen hatten es zu Anfang des Jahrhunderts zuweilen schwer, an den Kunsthochschulen in anderen Fächern unterrichtet zu werden.

Nicht zuletzt war die Beschäftigung mit Textilien für viele Künstlerinnen aber sicher auch attraktiv, weil sie die Möglichkeit bot, an ebenjener Rollenzuweisung provokativ zu rütteln – so tat es etwa Rosemarie Trockel (*1952), als sie in den 80er Jahren Playboy-Bunnys und andere Symbole in »Wollbilder« weben ließ – oder das Universum der Häuslichkeit auf unheimliche Weise zu verfremden, wie etwa Louise Bourgeois (1911–2010) mit ihren an Knochen aufgehängten Nachthemden und seltsam geformten Stoffpuppen.

In den letzten Jahren schienen die »Grandes Dames« der Textilkunst gefragt zu sein: Auf der Venedig-Biennale 2017 etwa konnte man sich eine Landschaft aus gigantischen gewebten Kugeln von Sheila Hicks anschauen; letztes Jahr widmete die Berliner Galerie Meyer Riegger der US-Amerikanerin eine Einzelausstellung, die erste in Deutschland nach 50 Jahren. Und die Ausstellung »The Woven Child«, die das bis dato vernachlässigte textile Werk von Louise Bourgeois in den Fokus rückte, war sowohl in Berlin als auch in London zu sehen.

Das Kunsthaus Dahlem, das gerade das Werk der Textilkünstlerin Sofie Dawo (1926–2010) zeigt, liegt also gewissermaßen im Trend. Kuratorin Petra Gördüren hat es sich zur Aufgabe gemacht, Dawo, die zu Lebzeiten eher unbekannt war und hauptsächlich im regionalen Kontext des Saarlands ausstellte, posthum mit der ZERO-Bewegung und der Konkreten Kunst zu assoziieren – weswegen neben Dawos Werk ausgewählte Arbeiten aus den 60er und 70er Jahren von Heinz Mack, Günther Uecker, Erwin Thorn, Nanda Vigo und anderen Vertretern der genannten Stilrichtungen zu sehen sind. Diese Künstlerinnen und Künstler arbeiteten mit anderen Materialien als Dawo, doch wenn man etwa verschieden übereinander geschichtete und das Licht reflektierende Glasplatten von Nanda Vigo oder eine »Brennzeichnung« von Erwin Thorn betrachtet – der Künstler brannte serienmäßig durch perforierte Gitter Rasterstrukturen aufs Papier – erschließt sich einem sofort ein ästhetischer Zusammenhang.

Denn statt um eine Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau wie etwa bei Trockel oder Bourgeois ging es Dawo – wie auch der ZERO-Bewegung – hauptsächlich um das Material an sich, um ein grundsätzlicheres Ausloten von Form- und Gestaltungsprinzipien. An der Staatlichen Schule für Kunst und Handwerk in Saarbrücken hatte sie die ans Bauhaus angelehnte Grundlehre durchlaufen, die dazu anleitete, »die Elemente des Sichtbaren und ihre Beziehungen im systematischen Zusammenhang aufzuzeigen«. Wie hängen Licht und Schatten, Sichtbares und Unsichtbares, Konstruktion und Zerstörung zusammen? Dawo bearbeitete diese Fragen mit textilen Mitteln. Besonders Zerstörung als gestalterisches Prinzip spielte für sie eine große Rolle: Systematisch entfernte sie etwa bei Teppichen Fäden und ließ so das eigentlich verborgene Grundgewebe auf verschiedene Weise zum Vorschein treten. In anderen Arbeiten ließ sie Fäden unverarbeitet aus Teppichen heraushängen oder webte Fadenbündel in sie ein und schuf so plastische, in den Raum greifende Gebilde.  

Eine weitere Künstlerin, die in der Schau mit Dawo zusammengebracht wird, die jedoch einer anderen Generation als alle anderen angehört, ist die 1971 in Frankfurt am Main geborene Haleh Redjaian. Auch sie beschäftigt sich wie Dawo mit Teppichen und Fäden. Von fragiler Schönheit sind die mitten im Raum aufgestellten Installationen aus Metallrahmen, an denen Redjaian dünnes Garn in unterschiedlichen Farben aufgespannt hat – es ergeben sich verschiedene dreidimensionale Formen. Über die Künstlerin kann man lesen, dass sie die geometrische Tradition der westlichen Moderne mit persischer Ornamentik verbinde. Es sind wohl jene interkulturellen Ansätze, die dafür sorgen, dass Textilkunst weiterhin ein Thema bleiben wird – auch wenn der Alltag der meisten Frauen in den westlichen Dienstleistungsgesellschaften nicht mehr viel mit Nähen, Stricken und Stopfen zu tun hat.

»Vom Faden zur Form. Sofie Dawos Textilkunst zwischen ZERO und Konkretion«, bis zum 20. Mai, Kunsthaus Dahlem, Berlin

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