B.L.O. Ateliers in Berlin Lichtenberg: Kultur vor dem Aus

90 Berliner Künstler*innen stehen seit 26. April ohne Arbeitsort da. Ist die Zukunft des Kreativstandorts noch zu retten?

  • Jule Meier
  • Lesedauer: 7 Min.
Kultur und Politik an einem Tisch: am 29. April u.a. mit Lichtenberger Bezirksstadträtin Camilla Schuler (Linke) und den Abgeordneten Tamara Lüdke (SPD) und Gesine Lötzsch (Linke)
Kultur und Politik an einem Tisch: am 29. April u.a. mit Lichtenberger Bezirksstadträtin Camilla Schuler (Linke) und den Abgeordneten Tamara Lüdke (SPD) und Gesine Lötzsch (Linke)

Kurz vor dem Tor vor den geschlossenen B.L.O. Ateliers im Berliner Bezirk Lichtenberg hält eine Fahrradfahrerin. Sie geht ein paar Schritte zurück, um ein halb herunterhängendes Plakat anzukleben, sodass es sich wieder lesen lässt: »Wir kämpfen für die B.L.O. Ateliers«, steht darauf geschrieben. »Hier finden Sie Presseberichte und aktuelle Informationen«, heißt es weiter mit Verweis auf einen QR-Code. In der Kaskelstraße 55, unweit vom S-Bahnhof Nöldnerplatz, werkelten 90 Künstler*innen zwanzig Jahre lang in einer einzigartigen Kulisse. Doch der Kreativstandort im Grünen ist seit dem 26. April Geschichte: Die Kulturschaffenden dürfen ihre Ateliers nicht mehr betreten. Der Grund: Der Eigentümer des Geländes, die DB Infrago AG (im Folgenden als DB abgekürzt), sieht die Sicherheit gefährdet. Für die Künstler*innen kam diese Mitteilung überraschend. Ihr Mietvertrag läuft eigentlich noch bis zum 31. Juli.

»Hier steckt überall viel Liebe drin«, sagt der Veranstaltungstechniker Philipp Preis, während er »nd« über das 12 000 Quadratmeter große Areal führt. Bis Ende April hatte Preis in den Ateliers einen Arbeitsort, um Holzkonstruktionen zu bauen. Dann kam die Hiobsbotschaft: Die DB sprach eine sofortige Nutzungsuntersagung für die Atelierräume aus. Das Dokument liegt »nd« vor. »Es besteht ein Gefahrenpotenzial für Leib und Leben der Nutzer und Besucher«, heißt es darin. Ein Gutachten zeige, dass es »große Abweichungen zu sicherheitsrelevanten Bestimmungen im Bereich der Elektroinstallation und des Brandschutzes« auf dem Gelände gebe. Darum sprach die DB auch ein sofortiges Betretungsverbot für die Atelierräume aus – mit Ausnahme der Schlosserei. »Für uns Nutzer*innen kommt dieses Agieren einer sofortigen Räumung gleich, die uns kalt erwischt und existentiell bedroht«, schreibt Lockkunst, der verwaltende Verein des Geländes, in einer Pressemitteilung am 30. April.

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»Im Lokschuppen saßen zum Beispiel Maskenbildner, die Berühmtheiten für Filmsets schminkten«, erzählt Preis. Der Name des Gebäudes verrät bereits die Geschichte des Ortes. B.L.O. steht für Betriebsbahnhof Lichtenberg Ost, der Ende des 19. Jahrhunderts entstand. Die Geschichte des Ortes hat der Verein auf seiner Website detailliert aufgearbeitet: Während des Zweiten Weltkriegs diente das Gelände der Versorgung der Ostfront, auch Züge für Transporte in östlich gelegene Konzentrationslager wurden hier bereitgestellt. In der Nachkriegszeit nutzte die DDR das durch die Bombardements der Alliierten zerstörte Bahnbetriebswerk notdürftig. 1999 wurde es komplett stillgelegt und die letzten Mitarbeiter*innen der DB verließen das Gelände.

Seit 2004 mietet der Verein Lockkunst das Areal der DB und verwaltet seither seine historischen Gebäude, vermietet sie an weitere Untermieter*innen und verantwortet die Instandhaltung. Bis vor einem Monat arbeiteten in der Starkstrommeisterei, im Übernachtungsgebäude, in der Kantine, im Verwaltungsgebäude sowie in der Schweißerei Bogenbauer*innen, Clowns, Möbelrestaurator*innen, Näher*innen, bildende Künstler*innen und Fotograf*innen. Bleiben können derzeit neben den Schlosser*innen nur tierische Bewohner. »Auf dieser Trockenwiese lebt die geschützte Zauneidechse«, sagt Preis und zeigt auf eine wilde Wiese neben einem liebevoll angelegten Garten. »Der Kiezgarten ist übrigens für alle zugänglich«, erklärt er. Wie auch der Rest des Geländes, an dem neben dem jährlichen Tag der offenen Tür monatlich etwa sechs Veranstaltungen stattfanden.

»Die Soli-Veranstaltung für spanische Rapper, die von Repression betroffen sind, mussten wir spontan absagen«, sagt der Projektkoordinator von Lockkunst, Matthias Elfmann, zu »nd«. Geplant war diese für den 27. April, einen Tag nachdem der Verein das Schreiben der DB bekommen hatte, die Räume nicht zu betreten. Bis zum Sommer standen noch knapp dreißig andere Veranstaltungen im Kalender – alle nun gestrichen. Ein Residenzprojekt für Künstler*innen im Exil namens »Hier & Jetzt: Connections« (HUJ:C), das in den B.L.O. Ateliers ansässig ist, musste sein gesamtes Jahresprogramm absagen. »Die erste Residenz hätte am 30. April beginnen sollen. Dies bedeutet für das Projekt und die Künstler*innen, dass wir ihnen entgegen der Zusage derzeit keinen Arbeitsraum geben können«, sagen Christa Fülbier und Irina Novarese von HUJ:C zu »nd«. Seit 2017 organisierten sie in den Ateliers zahlreiche Veranstaltungen für die Öffentlichkeit. »Der Ort ist ein wesentlicher Kern und Treffpunkt des Künstler*innen-Netzwerks, das mittlerweile aus Menschen aus circa 22 verschiedenen Ländern besteht«, erzählen Fülbier und Novarese. Sie seien nun auf der Suche nach Ersatzräumen, was sich kurzfristig schwierig gestalte.

»Uns war schon immer klar gewesen, dass es hier Handlungsbedarf gibt, dass Kabel abgeschnitten aus der Wand hingen – wie bei der Übergabe des Geländes vor zwanzig Jahren«, erzählt Elfmann, Projektkoordinator für den Verein Lockkunst. Sowohl Elfmann als auch Preis machen im Gespräch mit »nd« klar, dass sie das Gutachten der Bahn zur Elektroprüfung nicht infrage stellen. Laut Elfmann gebe es eindeutig Investitionsstau, dem sich der Verein angenommen hätte, wenn klar gewesen wäre, dass der Mietvertrag verlängert wird. In der Vergangenheit gab es mit der DB stets einen lösungsorientierten Ansatz bei Problemen. »Wir verstehen nicht, warum jetzt nicht?«, fragt Elfmann. Vor dem 26. April habe die Bahn noch von »kurz- oder mittelfristigen Verlängerungsmöglichkeiten« des Mietvertrags gesprochen, sagt der Projektkoordinator. Solche Verlängerungen habe es bereits zweimal gegeben. In Sicherheit wähnten sich die Künstler*innen zudem, da der Vorstand der DB AG Sigrid Nikutta laut Aussagen des Vereins im Sommer 2022 angekündigt habe, »die Bahn werde in den nächsten zwanzig Jahren nix auf dem Gelände machen«.

Ein Sprecher der DB erklärt »nd«, dass mit dem zusätzlichen Verkehr auf der Schiene der Bedarf an zusätzlichen Abstellflächen wachse und die DB deshalb aktuell ihren Bedarf an Flächen im gesamten Stadtgebiet prüfe. »Mittelfristig könnte das Gelände wieder für den Eisenbahnbetrieb genutzt werden«, sagt er. Der Bahnsprecher erzählt auch, dass sich Vertretende der B.L.O. Ateliers und der DB in einem persönlichen Gespräch beraten haben, ob und wie der Künstlerbetrieb »zumindest teilweise wieder aufgenommen werden könnte«. Die Gesprächsatmosphäre beschreibt er als konstruktiv und zielführend. Ein kontinuierlicher und kurz getakteter Austausch sei bis zum 31. Juli vereinbart worden. »Parallel beraten sich die Parteien über die Bedingungen einer möglichen befristeten Vertragsverlängerung.«

Sowohl auf Kommunal- als auch Landesebene sprechen sich Politiker*innen für den Erhalt der B.L.O. Ateliers aus. In einem gemeinsamen und beschlossenen Antrag der Fraktionen der Linken, Grünen und SPD an die Bezirksverordnetenversammlung Lichtenberg wird das Bezirksamt aufgefordert, den Fortbestand der B.L.O. Ateliers langfristig zu sichern. Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Martin Schäfer (CDU) meldete sich bereits am 2. Mai in einer Pressemitteilung in Erwartung einer Lösung, »wie wir die erst kürzlich stattgefundenen erfolgversprechenden Verhandlungen zwischen Bezirk, dem Senat und der Deutschen Bahn zum Erhalt der B.L.O. Ateliers wieder aufnehmen und zu einem für alle Seiten zufriedenstellenden Ergebnis bringen können«.

Einen Appell zum Erhalt der B.L.O. Ateliers an die DB gab es bereits am 1. Februar aus dem Abgeordnetenhaus. Auf dem »nd« vorliegenden Papier unterschrieben der parlamentarische Staatssekretär Michael Kellner (Grüne), die Abgeordneten des Bundestags Katrin Budde (SPD), Stefan Gelbhaar (Grüne), Anikó Glogowski-Merten (FDP), Erhard Grundl (Grüne), Thomas Hacker (FDP), Helge Lindh (SPD) und Michael Sacher (Grüne). Sowie die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus Bettina Jarasch. Außerdem waren zu Pressekonferenzen in den letzten Wochen unter anderem die Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch (Linke) und der Abgeordnete Christian Goiny (CDU) auf dem Gelände und sprachen sich für den Erhalt der Ateliers aus.

Da der Bund als einziger Anteilseigner der DB für das Lichtenberger Gelände zuständig ist, hat Kultursenator Joe Chialo (CDU) nun auch das Bundesverkehrsministerium kontaktiert. Laut Aussagen des Vereins habe der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) der DB außerdem ein Vattenfall-Gelände als Ausweichort für den Eisenbahnbetrieb angeboten.

Die Künstler*innen sammeln zur Rettung ihrer Arbeitsplätze 25 000 Unterschriften. 80 Prozent des Ziels haben sie bereits erreicht. Eine selbst aufgenommene Podcast-Serie porträtiert den Kampf um den Erhalt der Kunst- und Handwerksräume. Am 8. Juni findet der Tag der offenen Tür statt – diesmal mit verschlossen Türen. Vom Zusammenkommen lassen sich die bisherigen Betreiber*innen dennoch nicht abhalten. »Jetzt erst recht«, steht in großen Buchstaben auf dem Werbeplakat geschrieben.

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