»Berlin-Beschimpfung«: Organisierte Unzuständigkeit

Die »Berlin-Beschimpfung« von Björn Kuhligk ist ein brauchbares Therapieangebot

In Berlin geht alles drüber und drunter – und das ist auch gut so.
In Berlin geht alles drüber und drunter – und das ist auch gut so.

Es gibt wahrlich genügend Gründe, Berlin zu beschimpfen und ebenso garstig zu der Stadt zu sein, wie sie umgekehrt zu ihren Bewohnern ist. Oder fällt jemandem noch eine andere Metropole ein, deren Verwaltung die von ihr zu Verwaltenden regelrecht zu verachten scheint, ihnen zumindest Steine in den Weg legt, wo sie nur kann? Die ihren Alteingesessenen Sätze vor die Füße wirft wie jenen, es gäbe kein Recht auf das Wohnen in der Innenstadt? Nun gut, den letzten Satz haben bestimmt vor längerer Zeit so oder ähnlich auch schon die Ureinwohner von Paris, London, Madrid und anderswo gehört. Bezüglich der Mietenexplosion ist Berlin ja tatsächlich ein Nachzügler im Verbund der europäischen Großstädte; länger als andere galt die Stadt als Paradies für Mieter, inzwischen ist Wien die letzte Bastion gegen das übergriffige Finanzkapital. Berlin hingegen hat in den letzten zwanzig Jahren falsch gemacht, was nur falsch zu machen war, zumindest aus Mietersicht. Ein Gefühl der Fremdheit macht sich breit, wenn der hier Geborene registrieren muss, dass er in seiner Stadt höchstens noch geduldet ist und die eigene Existenz am seidenen Faden des alten Mietvertrags hängt.

Es ist wahrlich nicht mehr einfach heutzutage, Berlin zu lieben. Einer, dem das ähnlich geht, ist der Berliner Autor Björn Kuhligk. Sein Hadern mit der Kaputtheit dieser Stadt hat er in einem Essay verarbeitet, dem er den wunderbar schlichten und direkten Titel »Berlin-Beschimpfung« gab. Dabei scheint es geboten, darauf hinzuweisen, dass Kuhligk in Berlin geboren ist. Wie, dürfen etwa nur original Eingeborene ihre Stadt beschimpfen? Das sicher nicht, aber es erhöht doch gewaltig die Glaubwürdigkeit, wenn man lebenslanges Leiden an seiner Heimatstadt nachweisen kann, im Gegensatz zu all denen, für die Berlin lediglich ein temporärer Durchlauferhitzer für die Karriere ist, bevor sie nach einigen Jahren wieder in die Provinz zurückkehren, wo sie anstrengungslos und ohne lange Wartezeit ihren Wohnsitz an- oder ummelden können.

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In Berlin ist das nicht ganz so unkompliziert, wie jeder Bürger und jede Bürgerin, ausnahmsweise ohne Unterschied des Standes und Einkommens, erfahren muss. Kuhligk: »Sie können sich natürlich auf dem … Onlineportal der Stadt Berlin die Zeit vertreiben und immer wieder denken, ist ja irre, dass alle, wirklich alle Termine für diese und die nächste Jahreszeit bereits vergeben sind. Sie können versuchen, mit dem Telefon einen Kontakt herzustellen. Sollte einer dieser Wege zu einem Ergebnis führen, haben Sie nun in fünf Monaten einen Termin in Lichtenberg, wenn Sie in Schöneberg wohnen, oder in Britz, wenn Sie in Pankow wohnen.« Daraus schließt der Autor, das alles gehöre womöglich zu einer Art Stadtmarketing, das darauf abziele, die Bezirke, die man noch nicht kenne, kennenzulernen.

In dieser Tonlage unternimmt Kuhligk einen satirischen Rundumschlag und lässt kaum einen der wunden Punkte aus, die den Bewohnern der Stadt der »organisierten Unzuständigkeit« auf den Nägeln brennen. Die Übertreibung ist hierbei Konzept, und überhaupt: »Über diese Stadt kann man alles sagen und es stimmt alles. Berlin ist Projektionsfläche, Abfalleimer, Laissez-faire und Partyhimmel. Berlin ist Verheißung, Schockmoment, Normalität, Gewohnheit, Überraschung.« Kuhligks Text reiht sich ein in eine lange Traditionslinie, denn zu allen Zeiten haben sich Schriftsteller dem Sticheln gegen die Großkotzigkeit und Selbstüberhebung der Möchtegern-Weltstadt hingegeben. Stellvertretend sei Tucholsky genannt, der schon 1919 die Trägheit der Berliner Verwaltung beklagte: »Früher war Berlin einmal ein gut funktionierender Apparat. Eine ausgezeichnet angefertigte Wachspuppe, die selbsttätig Arme und Beine bewegte, wenn man zehn Pfennig oben hineinwarf. Heute kann man viele Zehnpfennigstücke hineinwerfen, die Puppe bewegt sich kaum – der Apparat ist eingerostet und arbeitet nur noch träge und langsam.«

Bei all dem heiteren Berlin-Bashing und dem lustvollen Gerede vom »failed state« bleibt dem wahren Berliner das Lachen allerdings im Halse stecken, denn dieser muss mit der ziemlich konkreten und das Leben ungemein erschwerenden Dysfunktionalität des Berliner Alltags irgendwie umgehen. Das Provisorische, Unfertige oder bereits wieder Kaputte ist zum Markenzeichen der wachsenden und beständig an sich selbst und seiner Verwaltung scheiternden Stadt geworden, wobei selbst die Improvisation mit bisweilen lächerlich bürokratischer Gründlichkeit betrieben wird. Die Stadt schämt sich ihres verwahrlosten Erscheinungsbildes nicht einmal mehr und scheint sich selbst aufgegeben zu haben. Das Versprechen der Urbanität, das immer noch seine Anziehungskraft ausübt, ist für viele zum Fluch geworden, vor allem für Normalverdiener. Der große (Bevölkerungs-)Austausch, von dem die Neue Rechte immer faselt – in Berlin ist er tatsächlich Realität, aber anders, als die Rechtspopulisten meinen. Eigenbedarf ist das Schreckenswort der Gegenwart, und wer seine Wohnung verliert, ist raus aus dem Spiel. Die Abgrenzung der neuen urbanen Bourgeoisie vom Pöbel erfolgt dabei auf denkbar einfachste Weise, nämlich über den Quadratmeterpreis der für die meisten unerschwinglich gewordenen Stadtwohnungen.

In solche analytischen Tiefen dringt Kuhligk nicht vor, muss er auch nicht, das ist nicht Anliegen des Textes. Seine Sache ist vielmehr die pointierte Beschreibung dessen, was ist, und das macht er sehr gekonnt. Der Stadtumbau der letzten dreißig Jahre ist für ihn ein weiteres trauriges Kapitel auf Berlins Weg zur Metropolenwerdung. Statt lebendiger Stadtquartiere seien allzu oft zugige Einöden entstanden: »Fickzellen mit Fernwärme: womit der Dramatiker Heiner Müller die Plattenbauten der DDR … meinte, scheint bei dem Anblick der nördlich des Hauptbahnhofs entstandenen ›Europa-City‹ nicht an Gültigkeit verloren zu haben«, polemisiert Kuhligk, und weiter: »Ein Gebäude so ähnlich und so hässlich wie das andere. Es bedarf einer gewissen Leistung, so viele Wohnungen zu bauen und die komplette Gegend leer aussehen zu lassen, und ganz sicher sieht es in den Köpfen der Menschen, die sich das ausgedacht haben, ähnlich aus.« Wer wollte da widersprechen, gleich denkt der Leser auch an den Mercedes-Platz (oder heißt der inzwischen wie die benachbarte Mehrzweckhalle auch »Uber-Platz«?) im neuen Mediaspree-Quartier, wo der Wind kalt um die Ecken pfeift und der trotz nagelneuer Gebäude eine (Wohlstands-)Verwahrlosung ausstrahlt, die den Passanten schaudern lässt. Nicht nur dort glänzt Berlin speckig und schämt sich seiner eigenen Schäbigkeit längst nicht mehr. Im Gegenteil versucht die Stadt, ihre Verlorenheit und Ungestalt als Vorzüge der Metropole zu verkaufen. Die Visionen scheinen jedoch aufgebraucht, eine wechselnde Schar hilfloser und/oder unfähiger Politiker behauptet eine Gestaltungsmacht, die jedoch längst bei anonymen Investoren liegt, die sich einen Deut um die Lebensqualität in der Stadt scheren, solange die Rendite stimmt. Übrig bleiben noch mehr der verwaisten (Dauer-)Baustellen auf Berlins Straßen.

Auch wenn der Autor dieser Zeilen – selbst Eingeborener – jetzt ein bisschen in Rage geraten ist und dieser Text einen gewissen pessimistischen Überbau erhalten hat, handelt es sich bei Kuhligks Berlin-Beschimpfung um eine vergnüglich zu lesende Schmähschrift, die beim Lesen zu beständigem Kopfnicken einlädt – ja genau, so isses. Am Ende ist das Buch – wie könnte es anders sein – natürlich im Grunde eine Liebeserklärung an Berlin, auch wenn diese Liebe im Alltag dann doch nie erwidert wird. Aber wo sollte der wahre Berliner es sonst aushalten als in Berlin? Das sieht letztlich auch Kuhligk so: »Klar, Hamburg ist versnobt, in München sprechen sie Dialekt, in Köln verkleiden sich Menschen, Frankfurt ist hässlich, in Leipzig sprechen sie Dialekt, in Dresden wurde erst die Eierschecke und dann Pegida erfunden. Und in Berlin ist das alles irgendwie in Potenz vorhanden.«

Das Buch wäre indes nur halb so gelungen ohne die großartigen Grafiken von Jakob Hinrichs, die den Text begleiten. Mit geradezu dadaistischen Wort-Text-Collagen orientiert sich der Berliner Künstler an Vorbildern wie George Grosz und/oder der Neuen Sachlichkeit. Seine elaborierten und humorvollen Grafiken und die exzellente Gestaltung machen das Buch zu einem visuellen Augenschmaus, weshalb es auch gleich nach Erscheinen auf der Longlist für »Die schönsten deutschen Bücher« der Stiftung Buchkunst gelandet ist. Wenn Sie demnächst also wieder einmal unter der Ignoranz des Berliner Behördenirrsinns leiden oder an der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung verzweifeln, ist das handliche Büchlein ein brauchbares Therapieangebot.

Björn Kuhligk: Berlin-Beschimpfung. Illustrationen Jakob Hinrichs. Favoritenpresse, 64 S., geb., 16 €.

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