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Wolfgang Fritz Haug: »›Das Argument‹ ist im Angebot«

Der Philosoph Wolfgang Fritz Haug über die Geschichte, das mögliche Ende und die erhoffte Erneuerung von »Das Argument«. Erster Teil eines Gesprächs

  • Interview: Max Freitag
  • Lesedauer: 7 Min.
»Das Argument« entstand in der frühen Phase der Repolitisierung der BRD-Gesellschaft nach dem Nationalsozialismus
»Das Argument« entstand in der frühen Phase der Repolitisierung der BRD-Gesellschaft nach dem Nationalsozialismus

»Das Argument« wurde 1959 an der Freien Universität Berlin gegründet. Sie waren Mitbegründer und selbst erst 23 Jahre alt. Wie ist es dazu gekommen?

Gegründet wurde es eigentlich nicht. Es ist entstanden. Der Anlass war die »Kampf dem Atomtod«-Bewegung, gegründet von Gewerkschaften, der SPD und von Künstlern, Intellektuellen, Kirchenvertretern und weiteren. Später wurde ich dann auf dem Ostermarsch aktiv. Eines Tages nahm mich meine Lehrerin am Philosophie-Institut der FU, Margherita von Brentano, zur Seite und sagte: »Wolf, kommen Sie doch mal mit.« Sie brachte mich zu einer Sitzung der Studentengruppe gegen Atomrüstung. Ulrike Meinhof ließ wissen, dass sie die von ihr im Namen der Gruppe herausgegebene Flugblattreihe »Argumente« nicht weitermachen könne. Auf die Frage, ob jemand die Aufgabe übernehmen könne, meldete sich niemand. Nach einer Weile brütenden Schweigens hob sich mein Zeigefinger.

Bei Ihrem ersten Meeting?

Ja, und damit war ich in der Pflicht. Es galt, unterdrückte Nachrichten über den Fallout von Atomwaffentests zu veröffentlichen. Hierzu bildete sich eine kleine Gruppe. Das erste derartige Flugblatt wurde am 2. Mai 1959 vor der FU-Mensa verteilt. Dieses und folgende Blätter enthielten Beiträge von Günther Anders, der den Kampf gegen Nuklearwaffen zu seinem philosophischen Hauptthema gemacht hatte. »Das Argument« 15, vom März 1960, war dann die erste Ausgabe im Heftformat. Sie richtete sich gegen die Folterpraxis der französischen Armee gegen den antikolonialen Aufstand in Algerien. Die Einleitung schrieb der berühmte Theologe Helmut Gollwitzer, der die Zeitschrift bis zu seinem Tode begleitete. Vieles, das ich dem geforderten Staccato opfern muss, ist zugewandert. Reinhard Streckers Ausstellung »Ungesühnte Nazijustiz« in Westberlin siedelte sich an. Nach weltweiten Nazischmierereien fanden wir uns in der Organisation eines Kongresses zur Überwindung des Antisemitismus. Und jetzt gab es keinen Halt mehr. Wir bildeten einen Beirat, es war eine Zeitschrift geboren. Ihr Motto erhielt sie von Margherita von Brentano, die auch einen Kreis jüngerer Lehrkräfte an der Universität aufbaute. Dazu gehörten etwa die nachmalig berühmten Philosophen Michael Theunissen und Klaus Heinrich, letzterer zugleich Religionswissenschaftler. Dann zog sie mich hinzu.

So viel zur Frage der Gründung. Es entstand etwas, das offenbar an der Zeit war. Es war ein gleichsam zufallendes Werden, das mich erzog. Mein Mitbringsel war dieser Zeigefinger, der sich gehoben hat und der für eine gewisse Präsenz steht. Die ist nötig, damit man das Mögliche erkennt.

Interview

Wolfgang Fritz Haug, geboren 1936 in Esslingen am Neckar, war von 1979 bis zu seiner Emeritierung 2001 Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin sowie Gastprofessor an verschiedenen anderen Universitäten und Kunsthochschulen. Er gründete 1959 die Zeitschrift »Das Argument« und zunächst in Gestalt eines Selbstverlags das, woraus sich der Argument-Verlag entwickelt hat.

»Das Argument« erreichte eine Spitzenauflage von knapp 25 000 Exemplaren. Welchen Problemstellungen hat sich Zeitschrift gewidmet, dass es so kommen konnte?

»Das Argument« wurde Theoriezeitschrift. Inzwischen hatten wir den Argument-Klub gegründet, dem zeitweise auch Rudi Dutschke angehörte. Wir hatten die Themen, die jetzt die Themen der Studentenbewegung wurden. Ich glaube nicht, dass eins fehlte. Es kam zu einem Aufsprung – nicht bloß zu einem Aufstieg – der Zeitschrift. Uns wuchsen Kapazitäten zu. Es war der Verdienst der Zeitschrift, überhaupt Faschismusdiskussionen zu führen und Faschismustheorien aufzuarbeiten. Bis heute arbeiten wir noch daran. Eine wichtige Frage, die wir aufgebracht haben, war die Frage nach dem Zusammenhang von »Sexualität und Herrschaft«. Diese Wortverbindung zu einem Frage-Begriff hat enorme Wirkungen gezeigt, gerade in der Herausbildung der Studentenbewegung der sechziger Jahre. Der Protest von Frauen gab der Formel ein konkretes Gesicht. Die Frauen durften vielleicht Kaffee kochen oder Flugblätter abziehen, aber die Männer beherrschten das Verfahren. Es gab also Aufstände, nicht nur innerhalb der Studentenbewegung, sondern zugleich in Gewerkschaften und linken Parteien, in verschiedenen Ländern. Das kam jetzt über Frigga Haug im »Argument« herein. Elemente einer sozialistischen neuen Frauenbewegung entstanden mit der »Pelagea« als eigener Zeitschrift. Im »Argument« gründete Frigga eine autonome Frauenredaktion. Fast ein halbes Jahrhundert später, 2015 in Berlin, hat Frigga mit anderen zusammen eine marxistisch-feministische Internationale ins Leben gerufen.

Wie ging es in der Frühzeit weiter?

Ein weiterer Gipfel der Arbeit des »Argument«-Kreises im Bündnis mit Gewerkschaftern und kritischen Intellektuellen war die Gründung der Berliner Volksuniversität 1980, unterteilt in sieben autonome Ressorts. Auch der Untergang ist interessant. Daraus haben wir gelernt und 1996 das Berliner Institut für Kritische Theorie gegründet. Zu dem Zeitpunkt erschien bereits der siebente Band der kritischen Gesamtausgabe von Antonio Gramscis »Gefängnisheften« auf Deutsch. Deren wissenschaftliche Möglichkeit ergab sich aus dem »Fall der Mauer«. Ohne den Leipziger Romanisten Klaus Bochmann hätten wir uns nicht an dieses Projekt herangetraut. Demselben geschichtlichen Zusammenhang entsprang, wiederum aus dem Umkreis des »Argument«, ein weiteres Projekt, das »Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus« (HKWM). Dessen Vorgeschichte datiert aufs 100. Todesjahr von Marx, 1983, gerade als ich ein Forschungssemester bei Georges Labica an der Universität Paris VIII in Vincennes verbrachte. Von dort kehrte ich mit einem Vertrag zurück, sein »Dictionnaire critique du marxisme« im Argument-Verlag herauszugeben. Mit dem Untergang der DDR wurde klar, dass ein »Geschichtsbruch« (Glotz) sondergleichen passiert war. Wir antworteten darauf mit der Umgründung des Projekts von Ergänzungsbänden zum »Kritischen Wörterbuch des Marxismus« zum HKWM.

Ich bringe »Das Argument« immer in Verbindung mit Gramsci und seiner Philosophie der Praxis, oder genauer, Labriolas und Gramscis »Philosophie der Praxis«. Welche Bedeutung haben diese beiden Denker für die Zeitschrift und für den Marxismus?

Wenn du dir mal vorstellst, was das heißt, eine kritische Ausgabe von den »Gefängnisheften« von Gramsci zu machen, dann wird dir klar: Das ist schweineviel Arbeit, zehn Jahre Arbeit, aber wunderbare Arbeit. Es gab auch eine sehr interessante Frage, die ich mir gestellt und schriftlich beantwortet habe, über die »Thesen über Feuerbach«. Die haben bei den Italienern Labriola und seinem postumen Schüler Gramsci den Funken der geschichtsmaterialistischen Philosophie der Praxis springen lassen. Zuerst bei Labriola, dem letzten orthodoxen Marxianer, wie Karl Korsch gesagt hat, und eine Generation später bei Gramsci. Das heißt aber nicht, dass man Marx in die zweite Reihe stellt. Die Gretchenfrage an uns Heutige lautet: Vertragen sich die Feuerbachthesen und die Philosophie der Praxis mit Marx’ Kritik der politischen Ökonomie? Kann man die eigentlich von den Feuerbachthesen her lesen? Ja, das kann, muss man sogar. Der Begründung habe ich den Abschlussband meiner »Kapital«-Trilogie gewidmet: »Das ›Kapital‹ lesen – Aber wie?« Wenn man den Bezug auf die gesellschaftliche Praxis kappt, kapiert man nichts. Denn dann kommt ein Ökonomismus heraus, der die Kritik der politischen Ökonomie ins Fatalistische kippt und die Herausbildung der Handlungsfähigkeit geschichtlicher Akteure mit Null multipliziert.

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In seiner jetzigen Form steht »Das Argument« vor dem Aus. Was ist die Situation und wie sieht es für die Zukunft aus?

Sehr oft findet man dieselben Personen in unterschiedlichen Projekten und in tragenden Funktionen. Erfahrungen, die man gemeinsam gemacht hat, eine Solidarität, die auch Divergenzen übersteht, solches ist unverzichtbar. Aber genau daraus resultiert eine auf Dauer untragbare Überlast. Es wurde uns klar, dass wir uns zwischen dem HKWM und dem »Argument« entscheiden müssen. Und das HKWM erschien uns wichtiger, weil dessen Wirkung sich von den Rändern der Geschichte ins Globale ausgedehnt hat. Das darf man nicht preisgeben. Jetzt ist die Preisfrage, wer sonst die Zeitschrift weiterführen kann. Finden wir aus der nächsten Generation Leute, die schon so weit qualifiziert sind und auch den Mumm haben, ein solches Projekt zu übernehmen? Dann können sie es machen. Da gibt es nun tatsächlich Hoffnung. Wir werden auf jeden Fall den Rezensionsteil der Zeitschrift fortführen. Als ich jüngst endlich die Zeit fand, im vorläufig letzterschienenen Heft 342, »Dekoloniales Denken und marxistische Theorie«, den Rezensionsteil am Stück zu lesen, blutete mir das Herz bei dem Gedanken, dass dieses vorzügliche Stück theoretischer Kultur verschwinden würde. Ein Funke Hoffnung ist da, er glüht noch. Es gibt befähigte Interessenten der nächsten, ja sogar übernächsten Generation. So viel zur »Argument«-Geschichte. Sie ist noch offen. »Das Argument« ist im Angebot.

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