Leinöl für die Landpartie

Brandenburger Agrarbetriebe öffnen am Wochenende ihre Türen für Besucher

Gisela Christl steht in sorbischer Arbeitstracht in einem blühenden Ölleinfeld der Agrargenossenschaft Unterspreewald.
Gisela Christl steht in sorbischer Arbeitstracht in einem blühenden Ölleinfeld der Agrargenossenschaft Unterspreewald.

Schon an der ersten Brandenburger Landpartie im Jahr 1994 beteiligte sich die Agrargenossenschaft Unterspreewald. Es gab eine Führung mit 14 Teilnehmern – und das war es damals dann auch schon. Inzwischen kommen zur Landpartie regelmäßig zwischen 2000 bis 3000 Gäste nach Dürrenhofe, wo auf einer Bühne bis zwei Uhr in der Nacht unter anderem Blasmusik gespielt wird. Die Agrargenossenschaft denkt sich mittlerweile, wenn sie zu viel Werbung dafür macht, wird sie »irgendwann vielleicht noch von einer Lawine überrollt«, wie Geschäftsführer Uwe Schieban am Montag schmunzelnd anmerkt.

Doch am kommenden Samstag wird die Agrargenossenschaft Unterspreewald mehr Aufmerksamkeit erhalten als je zuvor, denn bei ihr eröffnet um 9.30 Uhr Agrarminister Axel Vogel (Grüne) die 29. Brandenburger Landpartie. Landesweit 140 Landwirtschaftsbetriebe beteiligen sich am 8. und 9. Juni an der Landpartie. Bei 58 Betrieben können die Besucher Felder begehen oder sich nach Art der Gläsernen Waldimkerei von Neuhof bei Zehdenick zeigen lassen, wie Honig und andere Lebensmittel produziert werden. 72 Gastgeber bieten Stallrundgänge oder eine Tierschau an, 41 von ihnen führen Landtechnik vor und lassen beispielsweise Kinder im Traktor und im Mähdrescher mitfahren. Bei 121 weiteren Gastgebern gibt es etwas zu futtern – oder feiner ausgedrückt, wie es Dorothee Berger von der Marketingorganisation Pro Agro tut: Es gibt Kulinarisches.

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Auf keinen Fall zu hoch gegriffen ist die Bezeichnung »Kulinarisches« für die Küche der Agrargenossenschaft Unterspreewald. Denn deren Küchenchef Torsten Walter ist ein Spitzenkoch, dessen Kreationen früher im Schlosshotel Lübbenau serviert wurden. Weil die Arbeitszeiten familienfreundlicher sind und er so mehr von seinem Sohn hat, wechselte Walter zur Agrargenossenschaft. Die besteht schon seit 1965 und hat vor 25 Jahren einen Hofladen eröffnet, der damals 80 000 Euro Umsatz im Jahr machte. Inzwischen sind es 1,5 Millionen Euro. Dabei zählt Dürrenhofe lediglich 340 Einwohner.

»Kein Mensch muss dorthin«, sagt Geschäftsführer Schieban. Allerdings könne man die Kunden anlocken – manchmal auch verlocken. Einst wollten alle nur die beliebte Kartoffelsorte »Adretta«. Doch ein Verkäufer verschenkte die Sorte »Laura« zum Probieren. Inzwischen läuft diese Sorte ausgezeichnet. Insgesamt 400 Tonnen Kartoffeln pro Jahr vermarktet die Agrargenossenschaft direkt, ohne den Umweg über Zwischenhändler und Ladenketten. Sie liefert andererseits aber auch 5,5 Millionen Kilogramm Milch an einen bekannten Molkerei-Riesen.

»Nicht alles geht per Direktvermarktung«, sagt Schieban. Allein als Lieferant wäre die Genossenschaft allerdings aufgeschmissen, denn mit den Preisen auf dem Weltmarkt kann sie nicht konkurrieren. Sie muss über die Qualität kommen und die Kunden überzeugen, zu regionalen Lebensmitteln zu greifen. Teilweise seien sogar Biolebensmittel aus dem Ausland billiger, berichtet Schieban. Ihre Umweltbilanz sei allerdings schlechter, wenn der lange Transportweg eingerechnet werde.

5200 Hektar bewirtschaftet die Genossenschaft. Um sie herum ist eine Gruppe von acht Unternehmen aufgestellt, zu denen mehrere GmbH und eine Aktiengesellschaft gehören. Schieban ist deshalb mal als Geschäftsführer und mal als Vorstandsvorsitzender korrekt angesprochen. Die Krisen der Landwirtschaft gehen an ihm nicht vorbei. Nicht umsonst protestierten die Bauern im Winter mit ihren Traktoren immer wieder gegen die von Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) geplante Streichung der Subventionen für Agrardiesel.

Schieban sieht die Schwierigkeiten aber auch als Anlass, neue Lösungen auszutüfteln. Er zitiert den Schauspieler Arnold Schwarzenegger: »Es ist noch kein Erfolg herbeigejammert worden.« So wagte Schieban das Experiment, für ein Kilogramm sehr frühe neue Kartoffeln, die bereits jetzt verzehrt werden können, neun Euro zu verlangen. Seine Kollegen glaubten, kein Verbraucher würde so viel bezahlen. Aber sie irrten sich. Im Unterspreewald sind sie breit aufgestellt, bauen Spargel genauso an wie Roggen, aus dem Schnaps gebrannt wird, füllen Spreewaldgurken in Gläser, pressen Leinöl, handeln sogar mit Landmaschinen. Das Land Brandenburg stellt Schiebans Betrieb am Montag in seiner Berliner Vertretung als Vielkönner vor. Das erinnert nicht von ungefähr an den Begriff Alleskönner.

Doch mancher Agrarbetrieb hat es schwer, mit seinen Erzeugnissen in die Regale der Geschäfte in der Hauptstadt zu kommen. Der Verband Pro Agro kann dabei helfen. Wer es wirklich wolle, dem könne der Kontakt vermittelt werden, versichert Vizechefin Berger. Mit den notwendigen Zertifizierungen seien einige Hürden zu überwinden. Dann könne es klein anfangen mit den Läden um die Ecke und größer werden.

Wertschöpfungsketten wieder zu schmieden, die nach der Wende rissen, hat sich Axel Vogel vorgenommen, als er 2019 Agrarminister wurde. Nach der Landtagswahl im September wird er aufhören, wenn ein Nachfolger ernannt ist. Auf einige Erfolge kann Vogel verweisen. Es bleibt jedoch viel zu tun. »Das Interesse an regionalen Produkten ist weiterhin groß, Angebot und Nachfrage klaffen in Supermärkten und Kantinen aber noch auseinander«, sagt Vogel. Eine Aufgabe wird sein, die Gästezahlen der Landpartie wieder auf das alte Niveau anzuheben. Sie waren während der Corona-Pandemie von 100 000 auf 70 000 gefallen.

Das Programm der Landpartie steht im Internet unter der Adresse: brandenburger-landpartie.de.

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