Längere Wege für Schwangere

Selbst Mediziner befürchten, dass die Geburtshilfe in Thürigen bald nicht mehr zur Grundversorgung gehört

  • Sebastian Haak
  • Lesedauer: 3 Min.
Dieser Schriftzug könnte in Thüringens Krankenhäusern immer seltener werden.
Dieser Schriftzug könnte in Thüringens Krankenhäusern immer seltener werden.

Die Versorgung von Schwangeren in Thüringen wird sich nach der Einschätzung von Medizinern in den nächsten Jahren auf noch weniger Krankenhäuser konzentrieren als bislang. Es werde in Zukunft nicht mehr an allen Kliniken im Freistaat eine moderne, professionelle Geburtshilfe geben können, erklärte der Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Helios Klinikum in Erfurt, Gert Naumann, in der letzten Woche in Erfurt. Er ist auch Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. »Das werden wir nicht mehr schaffen, das muss man klar sagen.«

Schon wegen des großen Personalmangels in der Medizin werde es zu einer Zentralisierung kommen müssen. Außerdem sei die Geburtshilfe heute ein sehr spezialisierte medizinische Teildisziplin. Es werde nicht jedem Kreiskrankenhaus gelingen, das nötige Personal zu finden, sagte Naumann. Er schätze, dass von den derzeit 19 Klinikstandorten in Thüringen, die über eine Geburtshilfe verfügen, noch etwa 12 bis 13 übrig bleiben könnten. »Geburtshilfe ist kein Teil der Grundversorgung«, sagte Naumann.

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Noch nicht ganz akzeptieren will das die Vorsitzende der Landeskrankenhausgesellschaft Thüringen, Gundula Werner. Sie betonte, das Ziel ihres Verbandes sei, möglichst alle Klinikstandorte, die noch über eine Geburtshilfe verfügen, zu erhalten.

Ähnlich äußerte sich auch Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke): »Was wir auch nicht wollen ist, dass Schwangere ewig lang mit einem Krankenwagen durch die Gegend gefahren werden.« Allerdings sei schon jetzt klar, dass es für die Betreuung von Schwangeren und für den Betrieb von Kreißsälen in Thüringen andere Konzepte brauche als in der Vergangenheit.

Mediziner Naumann hält dieses Hoffen auf den Erhalt aller Klinikstandorte mit Geburtshilfe nicht für besonders aussichtsreich. Auch er wolle die Geburtshilfe an so vielen Standorten wie möglich retten, ist aber pessimistisch: »Wir werden nicht gefragt werden.« Auch die zurückgehenden Kinderzahlen seien in Indikator dafür, dass in Thüringen demnächst weniger Geburtskliniken gebraucht würden als derzeit. Schon aus wirtschaftlichen Gründen heraus müsse an jedem dieser Standorte eine Mindestanzahl von Kindern zur Welt kommen, was allerdings unmöglich sei, wenn in viele Familien nur noch ein Kind geboren werde.

Nach Angaben des Landesamtes für Statistik waren in Thüringen im vergangenen Jahr nur noch etwa 13 000 Kinder geboren worden – das sind so wenige wie seit dreißig Jahren nicht mehr. Zuletzt hatte die Geburtenzahl die Marke von 13 000 Jungen und Mädchen im Jahr 1994 unterschritten. Zwischen 2012 und 2022 hatte die Geburtenzahl in Thüringen zwischen pro Jahr etwa 18 500 und 14 100 gelegen. Zum Vergleich: In den 1980er Jahren waren auf dem Gebiet des heutigen Thüringen pro Jahr noch zwischen etwa 31 600 und 40 000 Kinder geboren worden.

In den vergangenen Jahren sind bereits mehrere Thüringer Geburtsstationen geschlossen worden, unter anderem die in Schleiz, Schmalkalden und Hildburghausen. Auch über die Versorgung von sehr kleinen Frühchen am SRH-Zentralklinikum in Suhl war monatelang gestritten worden; zumindest sie scheint bis auf Weiteres gesichert.

Ein Konzept, das für die Geburtshilfe in Thüringen in den nächsten Jahr vermutlich wichtig werden könnte, ist der sogenannte Hebammen-geleitete Kreißsaal. Dort finden Geburten unter Federführung von Hebammen statt, während Ärzte immer in unmittelbarer Nähe sind, um bei eventuellen Notfällen sofort eingreifen zu können. »Wir sind sehr offen, auch für Hebammen-geleitete Kreißsäle«, sagte Naumann. Geburten ohne Ärzte zumindest in Bereitschaft seien aber selbst für gesunde Frauen, bei denen die Schwangerschaft völlig problemlos verlaufen sei, aus seiner Sicht zu riskant. Seine Erfahrungen zeigten, wie schnell sich Geburten zu Notsituationen entwickeln könnten.

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