Status: Pensionierter Hobbykünstler

Hussam Naggar hatte in seinem Leben immer wieder psychotische Phasen. Seit zehn Jahren gilt er als genesen

Da in diesem Fall jede Bildunterschrift eine eigentlich unzulässige Fremdbestimmung ist, hier eine möglichst banale Aussage über Hussam Naggar: Er lebt seit mittlerweile zehn Jahren in Berlin.
Da in diesem Fall jede Bildunterschrift eine eigentlich unzulässige Fremdbestimmung ist, hier eine möglichst banale Aussage über Hussam Naggar: Er lebt seit mittlerweile zehn Jahren in Berlin.

Einmal folgte dem immensen und sich scheinbar zeitlos in ihm aufbäumenden Angstschub ein drei Tage währender Muskelkater. Sein Körper zitterte, krampfte, wehrte sich. Einzige Erleichterung war das stundenlange Im-Kreis-Laufen, wie er herausfand. Sein Körper, danach stark erschöpft, brauchte 72 Stunden, um sich zu erholen. Was muss das für eine Angst gewesen sein?

Hussam Naggar, 1971 in Aleppo geboren, ist mitten im Zivildienst in einem Behindertenheim in Markgröningen bei Ludwigsburg in Baden-Württemberg Anfang der 90er Jahre, als er das erste Mal eine Psychose erlebt. Naggar betreut eine Wohngruppe mit 13 bis 14 Bewohner*innen, alle mit schweren und schwersten körperlichen und geistigen Behinderungen. Er soll einen der Bewohner mit fortschreitender Muskeldystrophie in seinen Rollstuhl setzen. Der Bewohner hat in einer Behindertenwerkstatt zu arbeiten, auf diese Vereinbarung besteht die Dienstleiterin – sofort, jetzt! Er, Naggar, gerade Anfang 20, spürt, dass hier gleich zwei Menschen gegen ihren Willen zu etwas gezwungen werden, das sie nicht tun wollen. »Ich habe ihn verteidigt, habe gesagt, dass er einen freien Willen hat und auch das Recht auf Krankmachen.«

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Was Naggar an diesem Tag erlebt, wirkt wie ein Trigger. Vor allem, weil es ihm ohnehin schwerfällt, sich unterzuordnen. Der Stress auf der Arbeit ist enorm. An diesem Tag ist es genug, seine Psyche sucht nach Erlösung. Während andere kündigen, sich beim Betriebsrat beschweren, sich in Sport oder vielleicht Alkohol flüchten, nur noch Dienst nach Vorschrift machen, ist es bei Naggar der Geist, der sich verabschiedet. Er erlebt eine Astralreise, eine außerkörperliche Erfahrung, bei der er im All schwebt, die Welt von oben betrachtet und dabei auf die Kaaba sieht, den schwarzen Quader im Innenraum der Heiligen Moschee in Mekka.

Was zunächst für Menschen, die nichts mit Esoterik anfangen können, völlig plemplem klingt, war für Naggar in diesem Moment ein reales Erlebnis. Die Psychose ist der Fluchtpunkt aus dem Stress, den er erlebt. »Ich geriet in euphorische Zustände und hatte gleichzeitig Angst vor Menschen und wähnte überall Verschwörungen«, sagt Naggar über diese Zeit heute. Er kommt das erste und einzige Mal ins Stocken, als er davon erzählen will, wie diese erste Psychose konkret aussah. Wir machen eine Pause. Naggar geht rauchen.

Religiöse Halluzinationen sind bei einer Schizophrenie nicht selten. Naggar wird von seinem Vater islamisch erzogen, betet fünfmal am Tag. In persönlichen Krisen ist man oft mit Grundfragen des Daseins konfrontiert, und diese spielen gerade in der Religion eine besondere Rolle. Eine Studie aus den 80er Jahren belegt, dass Menschen mit religiöser Sozialisation eher zu solchen Wahnvorstellungen neigen als nicht gläubige Erkrankte. Sein Vater, ein syrischer Arzt, der in den 50er Jahren seine Facharztausbildung in Hannover absolvierte, ist Anhänger der Muslimbruderschaft. »Ich wurde sehr fromm und traditionell erzogen. In keinster Weise säkular. Und zu Hause wurde ständig politisiert, schon von Kindesbeinen an.«

Naggars Vater wird auf den instabilen Zustand seines Sohnes aufmerksam und veranlasst eine ambulante psychiatrische Behandlung. »In der Akutphase sind aufmerksame Angehörige wichtig, die spüren, ob man für Hilfe zugänglich ist – sonst bleibt man im Wahnsystem gefangen«, sagt Naggar. Er bekommt Neuroleptika und wird für den Rest des Zivildienstes freigestellt. »Es hat mir bei allem Stress Spaß gemacht, dort zu arbeiten«, sagt Naggar.

Nach dem Ende der Behandlung wird er stark depressiv. Nichts Ungewöhnliches nach einem Schub. Trotzdem schafft er es, nach der Behandlung ein Medizinstudium abzuschließen. Doch anstatt eine Doktorarbeit zu verfassen, schreibt er sich für zwei Semester an der Kunstakademie ein. In dieser Zeit erlebt er keine weiteren Schübe.

Schizophrenie ist wohl eine der am stärksten mythologisierten Erkrankungen, auch weil so wenig über ihre Entstehung bekannt ist. Dabei hat sie nichts mit einer gespaltenen Persönlichkeit zu tun, wie oft angenommen wird. »Es gibt das Krankheitsbild der dissoziativen Identitätsstörung, das man früher auch ›multiple Persönlichkeitsstörung‹ nannte«, sagt Robert Bittner, Oberarzt und stellvertretender Leiter der Psychiatrie an der Uniklinik in Frankfurt am Main in einem Interview mit dem Fachmagazin der Polytechnischen Gesellschaft Frankfurt. »Das ist ein sehr seltenes Krankheitsbild und hat mit der Schizophrenie überhaupt nichts zu tun.«

Tatsächlich bedeutet Schizophrenie aus dem Griechischen übersetzt »gespaltenes Bewusstsein«, damit ist jedoch das Nebeneinander von auffälligen Verhaltensweisen wie etwa Wahnvorstellungen gemeint, während Sprache und Motorik eher unbeeinträchtigt bleiben.

»Die auf Vorurteilen sowie fehlendem oder falschem Wissen über Schizophrenie in der Bevölkerung aufbauende und durch undifferenzierte Medienberichte immer wieder geschürte Stigmatisierung und Diskriminierung der Betroffenen erhöhen zusätzlich die Belastung und fördern soziale Ausgrenzung und Vereinsamung«, heißt es in einem Gesundheitsmonitoring des Robert-Koch-Instituts (RKI).

Wenn überhaupt über die Krankheit berichtet wird, dann meist in einem Zusammenhang mit Gewaltdelikten. Dabei weisen Fachärzte und auch das RKI darauf hin, dass die meisten Patienten nie gewalttätig sind. Zwar gibt es einzelne Fälle, bei denen Personen während einer Psychose aggressiv werden, aber hier spielen auch Faktoren eine Rolle, die nichts oder nur indirekt etwas mit der Erkrankung zu tun haben wie etwa Alkohol- oder Drogenmissbrauch. Meist ist es eher umgekehrt: Menschen, die unter Psychosen leiden, werden überproportional häufig Opfer von Gewalt. Auch das »nd« berichtet, wenn es um Schizophrenie geht, vielfach von Polizeigewalt gegenüber Erkrankten (manchmal sogar mit Todesfolge).

Hussam Naggar erzählt von einer Episode am Stuttgarter Hauptbahnhof im Jahr 2002, als er – so ist seine Version – eine Frau »schubste«, die er »doppelzüngig« sprechen hörte und deshalb in ihr den Teufel wähnte. Er wurde von der Bundespolizei festgenommen. Ein fünfmonatiger Aufenthalt in einer offenen Psychiatrie folgte. Dort entstand die literarische Vorlage für den 26-seitigen Text »Zwangseinweisung«, in dem es heißt: »Er konnte die sich zerstreuende Welt nur missverstehen, da sein Verstand sich im Wahn auflöste …« Naggar will nicht relativieren, aber erklären: »Es ist passiert, aber es passierte nicht aus niederen Motiven, sondern das Handeln war eine Abspaltung der eigenen Angst auf die Mitmenschen.«

Naggar schreibt in seinem Tagebuch auch von der Ambivalenz, die seinen Aufenthalt in der Klinik bestimmte: »Es war Not am Mann und es lag aus weitsichtigem Mitgefühl Handlungsbedarf vor. Ein in sich selbst windender Zusammenzuckender und sich Weigernder. Absolut unzugänglich. In den Zwangsmaßnahmen des ärztlichen Personals wähnte er eine Bedrohung – hatte schreckliche Angst und keine Zuneigung konnte diese mildern.« Er schreibt aber auch von Fünf-Punkt-Fixiergurten und wie er stundenlang, völlig mit Medikamenten sediert, alleine auf einem dunklen Klinikflur auf einer Trage liegt, nach Getränken fragt, ihn aber niemand hört. »Die gut brutalen Pfleger bei gesüßtem Kaffee mit Milch im Sozialraum. Eine gespenstische Stille in einer nun sterilen Weite – verchromter Bettrahmen.«

Wie Schizophrenie entsteht, ist bis heute nicht medizinisch geklärt. Aus vielen einzelnen Puzzleteilen setzt sich aber folgendes Bild zusammen: Trifft eine bestimmte genetische Vorbelastung auf ungünstige äußere Umwelteinflüsse (kritische Lebensereignisse – die Episode am Stuttgarter Bahnhof ereignete sich kurz nach Naggars Trennung von seiner Frau und nach 9/11), so kann diese Kombination schizophrene Psychosen auslösen. Meistens handelt es sich dabei um Wahnvorstellungen, Trugwahrnehmungen oder Realitätsverlust wie etwa Allmachtsfantasien.

Weltweit leidet etwa ein Prozent der Menschen an einer Schizophrenie. Der Gipfel der Ersterkrankung wird bei Männern in der Altersgruppe der 20- bis 25-Jährigen, bei Frauen zwischen dem 25. und 30. Lebensjahr erreicht. Bei etwa einem Viertel der Betroffenen bleibt es bei einer einzigen psychotischen Episode. Knapp über die Hälfte der Erkrankten erlebt nach einer ersten akuten Psychose innerhalb von zwei Jahren einen Rückfall. Etwa ein weiteres Viertel leidet dauerhaft unter psychotischen Phasen.

Hussam Naggar hat seit zehn Jahren keinen Schub mehr gehabt und ein, wie er es nennt, »Selbstlernprogramm« für sich entwickelt: Er befindet sich immer noch in therapeutischer Behandlung, meidet Situationen, die er als Warnung empfindet, nimmt Medikamente, geht täglich auf den Stepper im Fitnessstudio, praktiziert Sitzmeditation und macht Kunst.

Gelebte Freiheit sei ihm das Wichtigste im Leben, sagt er. Deswegen lässt er sich mit seiner Kunst auch nicht institutionell vereinnahmen, was sich gut darin ausdrückt, dass er die abfällige Etikettierung »Hobbykünstler«, die ihm 2003 von einem Dozenten bei einem Gelage verliehen wurde, nun für sich in eine Auszeichnung umpolt. Als »pensionierter Hobbykünstler« postet er regelmäßig Collagen auf Facebook und Instagram: Versatzstücke von Verpackungsmüll – des reichlichen Abfalls in Berlin-Wedding, den er sammelt, verklebt und mit schwarzen und vielfarbigen Textilisolierbändern zu einem Puzzle zusammensetzt.

Auf eine E-Mail, ganz am Anfang unseres wochenlangen Austausches, in der wir einen Treffpunkt vereinbaren wollen, antwortet Naggar: »Tatsächlich beziehe ich 600 Euro an Berufsunfähigkeitsrente und entziehe mich so gut es geht dem sogenannten Kunstsystem, damit ich mir ja keinen ›Namen‹ mache.«

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