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Genozid an Êzîden : Nur noch Auge und Ohr

Mit »Vierundsiebzig« hat Ronya Othmann einen Roman über den 74. Versuch, die Êzîden auszulöschen, geschrieben

  • Fokke Joel
  • Lesedauer: 4 Min.
Angehörige am Sarg eines Opfers des IS-Massakers an den Jesiden während des Falls von Mosul Mitte 2014; die kürzlich in einem Massengraf gefundenen sterblichen Überreste von 41 Ermordeten sind jetzt am Märtyrer-Denkmal in Bagdad beigesetzt worden.
Angehörige am Sarg eines Opfers des IS-Massakers an den Jesiden während des Falls von Mosul Mitte 2014; die kürzlich in einem Massengraf gefundenen sterblichen Überreste von 41 Ermordeten sind jetzt am Märtyrer-Denkmal in Bagdad beigesetzt worden.

Jedes Schreiben ist für mich Fiktion», schreibt Ronya Othmann in «Vierundsiebzig». «Ob ich über mich schreibe, meinen Vater, meine Großmutter oder eine Figur, der ich einen Namen gebe und eine Geschichte.» Es ist ein Eingeständnis, dass die Wirklichkeit nie vollständig in einem Text abgebildet werden kann. Und schon gar nicht der «74. Ferman», der 74. Versuch 2014, die Êzîden (Jesiden) als ethnisch-kulturelle Gruppe auszulöschen.

Und doch fährt Ronya Othmann vier Jahre danach das erste Mal in den Irak und die Türkei, beginnt über den Genozid zu schreiben. Ihre Onkel und Tanten hatten Glück, konnten 2014 im letzten Moment vor dem IS fliehen. Aber sie erzählen ihr von dem Horror, als die islamistische Terrorgruppe große Gebiete in Irak und Syrien eroberte. Gebiete, in denen seit Jahrtausenden Êzîden siedeln, eine zumeist Kurdisch sprechende ethnisch-religiöse Gemeinschaft, die weder dem Islam noch dem Christen- oder Judentum zugehörig ist. Die êzîdischen Männer wurden ermordet, die Frauen als Sklavinnen verkauft.

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Othmann redet mit Menschen, die vertrieben wurden, die Angehörige an den IS verloren haben. Sie redet mit Xatê Shingali, einer bekannten êzîdischen Sängerin, die 2016 eine Peschmerga-Frauenbrigade gegründet hat. Sie sieht die Zerstörungen und lässt sich von Dörfern erzählen, wo die muslimischen Nachbarn, mit denen die Êzîden zusammengelebt hatten, an den Mordaktionen teilnahmen. Von Dörfern, in denen heute wie selbstverständlich Muslime leben.

Dem Leser wird schnell klar, wie beschränkt die Möglichkeiten sind, das Leid der Opfer in seinem ganzen Ausmaß zu verstehen und zu beschreiben. «Jeder Text, den ich schreibe, kann nur unvollständig sein, wenn nicht gar irreführend.» Trotzdem schreibt Othmann weiter, getrieben von den Ereignissen, von dem, was ihr die Überlebenden erzählen. «Ich will mich aus dem Text streichen. Nur noch Auge und Ohr sein. … Ich habe Angst, dass das, was ich gesehen und gehört habe, mir entgleitet.» An einer Stelle dann glaubt sie, der Text würde sie vom Albtraum befreien. «Ich sage mir, ich muss den Text zu Ende bringen. Wenn der Text fertig ist, kann ich alles vergessen.» Doch auch das ist eine Illusion: «Ich notiere auch: Für diesen Text gibt es kein Ende.»

Viele Stellen sind auch für den Leser kaum auszuhalten. Und zwar nicht nur dort, wo Othmann von den Taten des IS berichtet. Unerträglich ist auch die fehlende Sensibilität, mit der über den Genozid an den Êzîden berichtet wird. Die Sensationslust, mit denen die Opfer von den Medien als gewinnbringende Nachricht missbraucht werden. Man schämt sich angesichts der fehlenden Einfühlung in die Überlebenden, die als Zeugen vor Gericht auftreten, auch beim Gerichtsprozess gegen Al-J., der ein fünfjähriges êzîdisches Mädchen in der prallen Sonne verdursten ließ. Und warum sind am 30. November 2021 nur vier Pressevertreter bei dem – wie der Richter vorwegsagt – «weltweit ersten Prozess» anwesend, «in dem eine Verurteilung wegen Völkermordes ausgesprochen wird, den die Mitglieder des ›Islamischen Staats‹ begangen haben»?

Gleichzeitig entwickelt die Geschichte von «Vierundsiebzig» einen Sog, bei dem man als Leser das ungute Gefühl hat, von der eigenen Sensationslust und Apokalypse-Faszination gepackt zu werden. Es ist das ewige Dilemma zwischen Unterhaltung und Aufklärung, das hier besonders deutlich wird. Aber wie kann sonst eine Katastrophe in der Erinnerung behalten werden, wie anders als mit einem Text wie dem Othmanns, um einen neuerlichen Genozid zu verhindern? Widersprüche, die Ronya Othmann sieht, aber auch nicht auflösen kann.

Offen bleibt für Ronya Othmann auch ihre eigene Identität. Sie erzählt nur von ihrem Ringen um die Frage, wer sie ist. Nach den strengen Regeln der Gemeinschaft ist nur der Êzîde, dessen beide Elternteile Êzîden sind. Othmann aber hat eine deutsche Mutter. Was nichts daran ändert, dass sie sich als Êzîdin fühlt und nächtelang nicht schlafen kann, als der IS Frauen wie sie versklavt und Männer wie ihren Vater oder ihren Onkel umbringt.

«Vierundsiebzig» ist ein eindrucksvolles Buch über den Genozid 2014 an den Êzîden. Es ist gleichzeitig auch ein Buch über Ronya Othmann, die aus der Ferne dem Schrecken nur zusehen kann und vier Jahre später zu dokumentieren beginnt. Es ist deshalb auch ein Buch über uns alle, die wir vielleicht keine Êzîden sind, die wir uns aber wie Ronya Othmann angesichts des Grauens fragen: Was können wir tun?

Ronya Othmann: Vierundsiebzig. Rowohlt, 512 S., geb., 26 €.

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