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  • »Cosmic Astral« von Memory Pearl

Merkt ihr schon was?

Synthesizer statt Drogen : Mit »Cosmic Astral« steuert Memory Pearl ohne Umwege ins Reich des Unbewussten

  • Luca Glenzer
  • Lesedauer: 3 Min.
Siehst du das Licht? Es ist keine Musik, es ist eine Lampe!
Siehst du das Licht? Es ist keine Musik, es ist eine Lampe!

Die Vorstellung, mittels musikalischer Klänge Einfluss auf psychisches Leid auszuüben und dieses zu lindern, ist mutmaßlich so alt wie die Psyche selbst. Bereits Philosophen im alten Griechenland wie Pythagoras und Aristoteles sprachen über die heilende Kraft der Musik. Und auch in der Bibel finden sich Hinweise auf die quasitherapeutische Nutzung von Musik – etwa in der Geschichte Davids, der mit seinem Harfenspiel den König Saul heilte.

Der aus Toronto stammende Musiktherapeut, Multiinstrumentalist und Produzent Moshe Fisher-Rozenberg knüpft mit dem kürzlich beim Leipziger Label Altin Village & Mine veröffentlichten Album »Cosmic Astral« seines Soloprojektes Memory Pearl an diese lange Tradition an. Konkret bezieht er sich auf das »Spring Grove Experiment« – ein Forschungsprojekt, das in den frühen 1970er Jahren ins Leben gerufen wurde. Im Rahmen dessen wurde Menschen mit psychischen Erkrankungen LSD verabreicht, während im Hintergrund klassische Werke von Strauss, Bach, Händel und Konsorten liefen. Eine Langzeitwirkung konnte damals nicht genauer untersucht werden, denn das Programm wurde bereits 1976 aufgrund wachsender medialer und politischer Kritik wieder eingestellt.

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Auf Drogen verzichtet Fisher-Rozenberg im Rahmen seines musiktherapeutischen Revivals zwar – weniger trippig geht es auf »Cosmic Astral« aber dennoch nicht zu: Denn statt bewusstseinsverändernder Substanzen setzt der Musiker auf die psychedelische Wirkung modularer Synthesizer. Konkret hat er dabei Partituren jener Aufnahmen, die im Zuge der Spring-Grove-Sessions zum Einsatz kamen, in MIDI-Dateien verwandelt und diese im Anschluss mittels diverser digitaler Manipulationstechniken in neue Musik transformiert. Klingt verrückt? Ja, im wahrsten Sinne des Wortes.

Gleich der sphärische Opener »Prelude« begibt sich mitsamt seiner psychedelisch-wabernden Synthie-Klangflächen ohne Umwege ins Reich des menschlichen Unbewussten. Beats kommen nur sehr behutsam zum Einsatz, im Hintergrund ist zudem ein ferner Saxofon-Klang zu vernehmen. Keine Frage: Dass Fisher-Rozenberg ein Projekt der Siebziger als Vorbild diente, wird bereits an dieser Stelle deutlich – könnte der Track doch so oder so ähnlich auch aus der frühen Ambient-Phase Tangerine Dreams oder Brian Enos stammen.

Der zu Anfang des Albums eingeschlagene Weg wird auch in den übrigen acht Tracks konsequent fortgeführt. Momente der Irritation, des verwundert Aufhorchens sucht man vergebens. Kein Wunder, könnte doch jedes akustische Störelement den angestrebten Heilungsprozess kontaminieren. Und so rufen Tracks wie »Relaxation Induction«, »Astral Travel« oder »Postlude« unweigerlich einen Entspannungszustand hervor, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Wer weiß, vielleicht bietet sich »Cosmic Astral« ja tatsächlich für zukünftige musiktherapeutische Verfahren an? Auf das LSD jedenfalls könnte man dieses Mal getrost verzichten – in Kombination mit der trippigen Musik käme wohl schon die kleinste Menge einer Überdosierung gleich.

Memory Pearl: »Cosmic Astral« (Altin Village & Mine)

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