Bis die Lungen platzen

Wolfgang Borchert: Eine neue Ausgabe des »Gesamtwerks« und eine Biografie

Der Ruhm kam über Nacht. Acht Tage hatte er gebraucht, sein Stück aufs Papier zu bringen, und als es fertig war, versammelte er Eltern und Freunde um sein Bett, um es ihnen vorzulesen. Bisher hatte er nur Gedichte und Geschichten geschrieben, dies, sein Drama, war sein erstes richtiges Werk. Die Zuhörer spendeten Lob, aber er wusste nicht, ob da nicht eher Mitleid im Spiel war, eine Rücksicht, die den Schwerkranken schonen sollte. Er war skeptisch. Doch dann las Ernst Schnabel sein Stück, und er, der Chefdramaturg der Hamburger Hörspielabteilung, sorgte dafür, dass es inszeniert wurde und auch seinen endgültigen Titel erhielt: »Draußen vor der Tür«. Am 13. Februar 1947 lief es über den Sender. Wolfgang Borchert, seit langem ans Krankenlager gefesselt, von Schmerzen und Fieber gemartert, konnte es zwar nicht hören, weil in Hamburg ganze Stadtteile ohne Strom waren, aber er erlebte wenigstens das Echo. Es war überwältigend. Monate später, am 21. November 1947, folgte die Bühnenpremiere. Am Tag davor ist Borchert in einer Baseler Klinik gestorben, nur 26 Jahre alt.

Das alles liegt jetzt sechs Jahrzehnte zurück. Die Erschütterung von damals, die Bernhard Meyer-Marwitz im Nachwort des bei Rowohlt edierten »Gesamtwerks« geschildert hat, ist der Nüchternheit gewichen. Der hohe, schwärmerische Ton, in dem Freunde und Gefährten über den Dichter redeten, tief betroffen von seinem Schicksal, ergriffen vom Aufschrei einer im mörderischen Krieg geopferten Jugend, hat sich längst verloren, und zu den Bewunderern haben sich die Kritiker gesellt, die mit dem Finger auf die (leicht erkennbaren) Schwächen des Stücks zeigen. »Draußen vor der Tür«, sagt Jan Philipp Reemtsma, »lieferte die Formeln und Bilder, mit deren Hilfe sich ein deutsches Publikum von seiner Vergangenheit lossagen konnte, ohne die Frage nach Verantwortung und Schuld zu stellen, geschweige denn beantworten zu müssen.« Kein Gedanke an die sechs Millionen Juden, die ermordet wurden, und die Opfer des Vernichtungsfeldzuges in der Sowjetunion, wo Beckmann, der Held, die Katastrophe erlebt. Getrauert wird allein um die getöteten Kameraden. Wahr ist auch, dass Borchert kein politischer Mensch war. Und dennoch ist dieses Drama, ist das schmale, in Teilen sicher auch unfertige Werk, das er hinterließ, ein singuläres und unersetzbares Dokument geblieben.

Man las es lange in der Fassung, die ihm Bernhard Meyer-Marwitz gegeben hat. Seine Ausgabe des »Gesamtwerks«, 1949 und 1957 bei Rowohlt erschienen, 1957 auch vom Mitteldeutschen Verlag übernommen, wurde später, 1962, von Peter Rühmkorf noch durch einen Band mit Geschichten aus dem Nachlass ergänzt. Da war Borchert schon ein Mythos, begünstigt durch die Taschenbuchausgabe seiner wichtigsten Arbeiten von 1956. Das Rowohlt-Bändchen, von Heinrich Böll eingeleitet, ist eins der erfolgreichsten Taschenbücher geworden, die es in Deutschland gibt, verbreitet mittlerweile in zweieinhalb Millionen Exemplaren. Die vollständigste, zudem zuverlässigste Edition des Werks gibt es freilich erst jetzt. Sie berücksichtigt neben ganz frühen Versuchen auch die Arbeiten zum Tage, die Borchert in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichte, und bringt, besorgt von Michael Töteberg, durchweg überprüfte und gültige Texte. Sie eliminiert damit alle Versehen, Unklarheiten, Kürzungen und Änderungen, nicht zuletzt die Eingriffe, mit denen Dialogpassagen des Stücks damals entschärft wurden. Der editorische Bericht im Anhang gibt all jene Stellen wieder, die in der Hörspielfassung unter den Tisch fielen oder vom ursprünglichen Wortlaut abwichen.

Und auch eine neue Biografie gibt es (als Aufbau-Taschenbuch), verfasst von Gordon Burgess, einem der besten (und aktivsten) Borchert-Kenner. Er hat schon in England ein Buch über den Dichter veröffentlicht und vor zehn Jahren, gemeinsam mit Hans-Gerd Winter, eine Aufsatzsammlung mit neuen Ergebnissen der Borchert-Beschäftigung vorgelegt. Sein Büchlein, ein zügiger, leicht lesbarer Lebensabriss, wenngleich nicht so temperamentvoll wie Rühmkorfs erfolgreiche Rowohlt-Monografie, hat den Vorteil, dass es Materialien verarbeitet, die Rühmkorf noch nicht zugänglich waren. Burgess, stark im Episodischen, glänzt mit enormer Detailkenntnis. Er erzählt von einem jungen Mann, der schon mit achtzehn in die Fänge der Gestapo gerät, weil er anstößige Gedichte schrieb, der unbedingt Schauspieler werden will und seine Kameraden an der Ostfront mit Späßen und Witzen bei Laune hält, ein Komödiant mit Hang zum Leichtsinn, der auch nach Untersuchungshaft und Gefängnisaufenthalt unbekümmert und unvorsichtig die angebliche Goebbels-Parodie eines Unteroffiziers zum Besten gibt. Prompt findet sich jemand, der ihn denunziert und erneut hinter Gitter bringt.

Geschrieben hat Borchert schon, als er noch ganz für die Schauspielerei lebte, kaum schlief, durch die Kneipen zog und ständig überdreht war. Er heckte Verse, und er dichtete Dramen. Aber erst viel später gelang es ihm, seinen Arbeiten Anschaulichkeit und Haltbarkeit zu geben. Der Durchbruch gelang 1946. Da schrieb er seine Gefängnisgeschichte »Die Hundeblume«, die mehr wurde als der hilflose Blick ins irdische Jammertal. Endlich schaffte er es, vollkommen unsentimental und mit bestürzender Sachlichkeit zu erzählen. Es ist eins seiner besten und bekanntesten Prosastücke geworden. Seinen Triumph, die Funkaufführung des Dramas »Draußen vor der Tür« («das richtige Stück zum richtigen Zeitpunkt«, wie Burgess sagt) hat er gerade noch erlebt. Es war die Geburtsstunde eines Kultautors, der beides war: Romantiker und scharfer, aufwühlender Zeitkritiker. »Nachts darf der Schriftsteller«, hat er in einer kleinen, im September 1947 publizierten Skizze geschrieben, »die Sterne begucken. Aber wehe ihm, wenn er nicht fühlt, daß sein Haus in Gefahr ist. Dann muß er posaunen, bis ihm die Lungen platzen.«

Wolfgang Borchert: Das Gesamtwerk. Erweiterte Neuausgabe. Hg. von Michael Töteberg unter Mitarbeit von Irmgard Schindler. Rowohlt Verlag. 576 Seiten, geb., 19,90 EUR.

Gordon Burgess: Wolfgang Borchert. Ich glaube an mein Glück. Eine Biographie. Aufbau Taschenbuch. 299 Seiten, br., 9,95 EUR.

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