Arbeitsmarkt in der Rezession

Arbeitsagentur sieht Seitwärtsbewegung, Zahlen verschleiern schleichende Krise

  • Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.
Der Anteil arbeitsloser Menschen mit Behinderung liegt mittlerweile bei 12 Prozent und damit deutlich über der allgemeinen Arbeitslosenquote von 6,1 Prozent.
Der Anteil arbeitsloser Menschen mit Behinderung liegt mittlerweile bei 12 Prozent und damit deutlich über der allgemeinen Arbeitslosenquote von 6,1 Prozent.

Andrea Nahles, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, redet gerne über Grundsätzliches. So auch am Freitag, als sie die aktuellen Arbeitslosenzahlen vorstellte und von einer »Seitwärtsbewegung« sprach. Mittelfristig seien die Demografie und der Fachkräftemangel größere Probleme. Die Bundesregierung müsse baldigst die Einwanderung von Fachkräften beschleunigen und die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse erleichtern.

Doch kurzfristig stieg die Zahl der Arbeitslosen im November mit der auslaufenden Herbstbelebung zunächst um 111 000 Personen, verglichen mit demselben Monat des Vorjahres. Offiziell arbeitslos sind nun 2 885 000 Menschen. Damit hat sich die Arbeitslosenquote gegenüber dem Vorjahresmonat um 0,2 Prozentpunkte auf 6,1 Prozent erhöht.

Diese Zahlen berücksichtigen nicht alle Menschen ohne Arbeit. Mehrere hunderttausend De-facto-Arbeitslose, die zum Beispiel am Tag der Zählung aufgrund einer Krankheit oder aufgrund der Teilnahme an einer sogenannten Maßnahme (etwa einem Bewerbungstraining) nicht als arbeitslos im Sinne der Statistik gelten, zählt die BA lediglich als »Unterbeschäftigte«. Deren Zahl lag saisonbereinigt im November bei über 650 000.

Arbeitsmarkt in Rezession schwunglos

Dass die frühere SPD-Vorsitzende Nahles dennoch von einer »Seitwärtsbewegung« des Arbeitsmarktes sprechen kann, liegt am Vergleichswert: Saisonbereinigt ist die Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vormonat nur geringfügig höher. Angesichts der allgemeinen negativen wirtschaftlichen Entwicklung hätte es also schlimmer kommen können.

Nach der Finanzkrise ab 2007 hatte die Zahl der abhängig Beschäftigten fast Monat für Monat zugenommen. Grund war die flotte Konjunkturentwicklung in der Welt, Deutschlands Exportmotor brummte. Erst mit der Corona-Pandemie brachen die Beschäftigungszahlen kurzzeitig ein, bevor sie seit Mitte 2021 wieder zunahmen.

Doch schon da mit sinkender Tendenz, denn seit Ende 2022 schlitterte die deutsche Wirtschaft in eine ausdauernde Rezession, die bis heute anhält. Seit Anfang 2024 stagniert die Zahl der Jobs. »Die Schwäche der Konjunktur hält an und der Arbeitsmarkt bleibt ohne Schwung. Die Zahl der Beschäftigten stagniert und die Arbeitskräftenachfrage bleibt verhalten«, sagte die BA-Chefin zum trüben Ausblick.

Eine politische Frage der Definition

Doch Statistik ist nicht gleich Statistik. Monat für Monat irritieren die Zahlen, die das Statistische Bundesamt (Destatis) nahezu zeitgleich zur BA veröffentlicht. Laut Destatis sind lediglich 1,56 Millionen Personen erwerbslos, was nur einer Quote von 3,5 Prozent entspricht. Wie viele Arbeitslose es offiziell gibt, hängt davon ab, welche Definition dem Messkonzept zugrunde liegt.

Die von Andrea Nahles vorgestellten Zahlen entsprechen dem Sozialgesetzbuch. Ihre Bundesagentur erfasst also im Wesentlichen arbeitslos gemeldete Menschen. Die amtliche Statistik, die Destatis veröffentlicht, folgt dem sogenannten Erwerbsstatuskonzept der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und basiert auf einer regelmäßigen Befragung von etwa einem Prozent der Bevölkerung.

»Aus den unterschiedlichen Konzepten folgt, dass es Personen gibt, die zwar im Sinne der ILO-Definition Erwerbslose sind, bei der Bundesagentur für Arbeit aber nicht als arbeitslos zählen oder umgekehrt«, erklärt ein Sprecher von Destatis.

Eurostat, das Statistische Amt der Europäischen Union, bezifferte in einer Studie für das zweite Quartal 2025 die Arbeitslosigkeit in Deutschland sogar auf 7,8 Prozent – also noch höher als Andrea Nahles. Eurostat erfasste noch umfangreicher als die BA die »verdeckte Arbeitslosigkeit«: alle Personen, die für eine Beschäftigung zur Verfügung stehen, aber nicht aktiv eine Beschäftigung suchen, unterbeschäftigte Personen, die Teilzeit arbeiten, sowie Personen, die Arbeit suchen, aber nicht sofort verfügbar sind. Laut Eurostat bilden diese Gruppen zusammen mit den Arbeitslosen den sogenannten »Labour Market Slack« (frei übersetzt: die Arbeitsmarktlücke).

Wie viele Arbeitslose es offiziell gibt, hängt also davon ab, welche Definition von Arbeitslosigkeit dem Messkonzept zugrunde liegt. Die Arbeitslosenzahl ist somit politisch steuerbar.

Klassenspaltung am Arbeitsmarkt

Was in keiner der Zahlen abgebildet wird, ist der schleichende Wandel in der Arbeitswelt. Vor allem in der Industrie wird mittlerweile ein teilweise dramatischer Arbeitsplatzabbau betrieben, was sich nicht in der absoluten Arbeitslosenzahl niederschlägt, da zugleich »niederwertige« Jobs in Logistik und Bauwirtschaft entstehen. Die Folge ist eine Verbreiterung des Grabens, der die klassische Arbeiterklasse spaltet.

Und besonders hart treffe es gerade Menschen mit Behinderung, mahnt Andrea Nahles. Die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Behinderung stieg auf über 175 000 weiter an – die Quote liegt mittlerweile bei rund zwölf Prozent. Viele Firmen erfüllen nämlich nicht die gesetzlich vorgeschriebene Beschäftigungsquote. Die Sozialorganisation Aktion Mensch befürchtet jetzt, ganz grundsätzlich, eine »Dauerkrise«.

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