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Blockierte Generation
Draußen hatte es die AfD-Jugend in Gießen schwer, in der Halle lief alles nach Plan
Wer den Gründungskongress der AfD-Jugend im Livestream verfolgen wollte, sah lange gar nichts. Dann gab es betont entspanntes AfD-Führungspersonal wie Alice Weidel und Björn Höcke beim Quatschen und Scherzen zu sehen, dazu lief Fahrstuhlmusik. Mit etwa zweieinhalb Stunden Verspätung ging es dann in der Gießener Messehalle los. Zu Beginn wurde erst einmal geklagt über die Zustände außerhalb der Halle. Vom Staat, der gemeinsam mit der »terroristischen Antifa« zusammen die Opposition bekämpfe, ist da die Rede. Parteichef Tino Chrupalla spricht sogar von »bürgerkriegsähnlichen Zuständen« und nimmt die Gewerkschaften aufs Korn. Sie sollten sich auf Arbeitnehmerrechte beschränken und nicht an solchen Protestaktionen teilnehmen. Der eigenen Jugend spricht Chrupalla ein Lob aus. Die »Standhaftigkeit«, die sie bei der Anreise bewiesen hätte, sollte ihr mal eine andere Parteijugend nachmachen. Dem Lob will auch Chrupallas Ko-Chefin Alice Weidel in nichts nachstehen. Sie lobt den »Korpsgeist und Mut« des Nachwuchses. Sie selbst sei um 4 Uhr morgens aufgestanden, da seien Teile der AfD-Jugend schon in der Halle gewesen.
Solchen Einsatz wünscht sich die AfD-Chefin. Und nachdem ihre Rede vorbei ist, kann der Gründungskongress der AfD-Jugend auch so richtig beginnen. Dreieinhalb Stunden nach dem eigentlich geplanten Beginn und mit 839 stimmberechtigten Parteimitgliedern. Im Vorfeld hatte die AfD verlautbart, dass über 1000 stimmberechtigte Mitglieder zum Kongress kommen würden.
In der Tagesordnung ging es dann zuerst um das Jugendstatut, quasi die Satzung der neuen AfD-Jugend. In dieser war allerlei, wie der Name der neuen Organisation, sein Verhältnis zur AfD und die Kontrollmöglichkeiten der Mutterpartei, festgelegt. Dazu gab es auch eine Handvoll Anträge, die vor allem den Namen betrafen. Als Alternativvorschlag wurde unter anderem »Jugend Germania« genannt, weil es die 2000-jährige deutsche Geschichte repräsentiere. Andere Mitglieder forderten, den alten Namen »Junge Alternative« auch für die neue Jugendorganisation zu verwenden. Der designierte Chef der neuen AfD-Jugend Jean-Pascal Hohm beantragte, die Namensfrage gar nicht zu debattieren, unterlag aber bei der Abstimmung, weswegen die Diskussion geführt wurde. Am Ende setzte sich der Ursprungsvorschlag »Generation Deutschland« durch. Auch in der weiteren Satzungsdebatte hatten »Junge Alternative«-Nostalgiker und Basisdemokraten, die sich weniger Einfluss der AfD wünschten keinen Erfolg. Lediglich mit einem Antrag konnten sie sich durchsetzen: Nicht jedes Vorstandsmitglied der AfD hat bei Bundes- oder Landestreffen der Jugend Rederecht, sondern nur der jeweilige Vorsitzende.
Mit 90 Prozent wurde Jean-Pascal Hohm im Anschluss zum Gründungsvorsitzenden der »Generation Deutschland« gewählt. In seiner Rede erklärte Hohm, dass er sich nicht um den Posten »gerissen« habe. Er arbeite lieber vor Ort. Er habe aber »intensive Gespräche« über die Unerlässlichkeit einer »starken Jugend« geführt. Hohm versprach, dass die neue Jugendorganisation ein »integraler Bestandteil« der AfD werde. Er versprach zudem eine enge Zusammenarbeit mit dem »Vorfeld« und will sich entschlossen gegen Spaltungstendenzen von innen und außen stellen. Hohm ist Unterstützer des Vereins »Ein Prozent«, der den Identitären nahesteht und hat in der Vergangenheit auch mit extrem rechten Cottbusser Hooligans posiert. Wenn er sich gegen Spaltung und Distanzierungen ausspricht, bedeutet das im Klartext, dass das gesamte Spektrum der extremen rechten für die AfD-Jugend als Kooperationspartner infrage kommt.
Den Rest des Gründungskongresses verbrachte die »Generation Deutschland« damit, Jean-Pascal Hohms Vorstand zu wählen. Ein Großteil der Kandidaten wurde dabei von Hohm selbst vorgeschlagen und oft ohne Gegenkandidaten gewählt. Auffällig: Der AfD-NRW stand ein Posten als stellvertretender Vorsitzender zu, auf einen Konsenskandidaten konnte sich der zerstrittene Landesverband aber nicht einigen. In einer Kampfabstimmung setzte sich Patrick Heinz mit 78 Prozent der Stimmen durch. Heinz gilt als Zögling des völkisch-nationalistischen Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich. Helferich ist leidenschaftlicher Unterstützer des extrem rechten Vorfelds der AfD. Es lässt sich also erahnen, in welche Richtung die Reise der »Generation Deutschland« geht.
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