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»Wir können viel vom Mut der Zapatistinnen lernen«

Chiapas: Frauentreffen kündigt organisierten Widerstand gegen Machismo, Repression und kapitalistische Politik an

In La Garrucha im mexikanischen Bundesstaat Chiapas fand das »I. Treffen der zapatistischen Frauen mit den Frauen der Welt« statt, bei dem Ende Dezember rund 3000 Frauen zusammenkamen. Darunter NIKOLA SILLER, Politikwissenschaftlerin und Mitarbeiterin des Bildungsvereins Zwischenzeit e. V., die Über das Treffen für ND mit LUZ KERKELING sprach.
Sie haben an dem internationalen Frauentreffen teilgenommen. Wie kam es zu dem Treffen?
Den Wunsch nach einem zapatistischen Frauentreffen gab es seit Jahren. Der konkrete Vorschlag kam von den Zapatistinnen selbst, nachdem die mexikanische und internationale Zivilgesellschaft auf dem »I. Treffen der Zapatistas mit den Völkern der Welt« vor einem Jahr deutlich machte, dass sie ein großes Interesse an der spezifischen Situation der indigenen Frauen in Chiapas sowie an der Rolle der Zapatistinnen seit dem Aufstand von 1994 hat.

Welche Themen standen auf der Tagesordnung?
Rund 150 delegierte Zapatistinnen aus den fünf autonomen Verwaltungszentren berichteten im Auditorium ausführlich von ihrer Arbeit. Sie erläuterten die erkämpften Fortschritte und schilderten die Schwierigkeiten, die sich bei ihrer Organisierung als häufig analphabetische indigene Frauen ohne Tradition der Partizipation ergaben.

Dabei richteten insbesondere die Frauen aus Oventic und Morelia kritische Worte an ihre männlichen Genossen. Die meisten Frauen waren vor 1994 von jedweden politischen Prozessen ausgeschlossen. Auch Aspekte wie häusliche Gewalt und Benachteiligung innerhalb der Bewegung wurden benannt. Es sprachen Guerilleras und Kommandantinnen der EZLN, Autoritäten der zivilen Selbstverwaltungsräte, Promotorinnen aus den Bereichen Gesundheit, Bildung, Agrarökologie und Kollektivarbeit sowie Beauftragte für Rechtsangelegenheiten.

Aus welchen politischen Spektren stammten die Teilnehmerinnen?
Die rund 3000 Teilnehmerinnen kamen aus unterschiedlichen Zusammenhängen und bildeten ein breites Spektrum ab. Neben den Zapatistinnen waren Frauen aus anderen bedeutenden sozialen Kämpfen Mexikos, wie der »Gemeindefront zur Verteidigung des Landes« (FPDT) aus Atenco oder der »Volksversammlung von Oaxaca« (APPO) angereist. Sehr präsent zeigte sich »Via Campesina«, ein Zusammenschluss, in dem über 160 kleinbäuerliche Bewegungen weltweit organisiert sind.

Es sprachen Delegierte aus Guatemala, Brasilien, Ecuador, Nicaragua, Kanada, Korea und Frankreich. Schwerpunkte waren Repression, die katastrophalen Auswirkungen der globalen kapitalistischen Politik und die durch mehrfache Unterdrückung geprägte Situation der Frauen.

Es nahmen auch viele Männer teil – wie können wir uns ihre Teilnahme vorstellen?
Die Zapatistinnen hatten explizit auch männliche Genossen eingeladen, die aber zu schweigen und den Frauen zuzuhören hatten. Den Männern wurde auf unübersehbaren Plakaten ihr Platz auf diesem Treffen zugewiesen: Sie sollten kochen, sich um die Kinder kümmern, Müll beseitigen und Feuerholz holen – eine absolute Umkehrung der Rollenverteilung. Die Zapatistinnen waren nicht zimperlich, wenn es darum ging, Männer aus dem Auditorium zu werfen, die diesen Frauenraum auf dem Treffen nicht respektierten.

Interessant zu beobachten war, dass viele zapatistische Männer vom Rande des Versammlungsraumes aus den kritischen Worten der Frauen über Stunden konzentriert zuhörten.

Sind Sie – wie viele EZLN-Kommandantinnen – mit dem Treffen zufrieden?
Es war ein großartiges und sehr bewegendes Treffen. Die Fortschritte der zapatistischen Frauen sind sicht- und spürbar, in immer mehr Bereichen – auch in leitenden Positionen – sind sie präsent und übernehmen Verantwortung. Besonders die jungen Zapatistinnen traten mit einem ganz neuen Selbstbewusstsein auf. Auch wenn der Kampf der zapatistischen Frauen weit von hiesigen Kontexten entfernt ist, wir alle können viel von ihrem Mut, ihrer Entschlossenheit und Ausdauer lernen.

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