Päpstliche Petitessen

Zufall oder Kalkül? Am Montag forderte der Vatikan mehr Strenge und Sachlichkeit bei Selig- und Heiligsprechungen. Einen Tag später unterbrach der Vatikan den Prozess der Seligsprechung des 1980 in El Salvador ermordeten Erzbischofs Oscar Romero. Nun mag man als Nichtkatholik Selige und Heilige skeptisch sehen, aber im Fall Romero würde die Romkirche mit einem positiven Ausgang des Verfahrens ein beachtenswertes politisches Zeichen setzen. Denn Romero war ein entschiedener Gegner des salvadorianischen Militärregimes und hatte einen Tag vor seiner Ermordung in der Sonntagsmesse zum Widerstand aufgerufen. Genau das aber soll jetzt das Problem sein. Voraussetzung einer Seligsprechung als Märtyrer sei, dass die Tötung aus »Hass gegen den Glauben« geschah, sagte Kardinal José Saraiva Martins. Romero aber sei möglicherweise aus politischen und sozialen Motiven ermordet worden.

Ziemlich sicher sogar. Dass allerdings diese Einschränkung ausgerechnet bei einem Mann hervorgekramt wird, der durch seine Nähe zur Befreiungstheologie nicht zu den vom Ratzinger-Papst bevorzugten Märtyrern zählen dürfte, ist schon seltsam. Bei der im letzten Oktober erfolgten Massenseligsprechung von fast 500 im Spanischen Bürgerkrieg getöteten profrancistischen Priestern waren solche Petitessen kein Thema.

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