Red Ken oder Kasper Boris

OB-Wahl in London bringt Labour-Regierung Brown ins Schwitzen

  • Von Reiner Oschmann, London
  • Lesedauer: 3 Min.
Am ersten Donnerstag in Mai finden in England, Schottland und Wales oft Kommunalwahlen statt, auf die die jeweilige Zentralregierung fast immer mit Sorge blickt. Meist drohen Verluste. So wie diesmal, da am 1. Mai in 160 Kommunen Englands und Wales' gewählt wird und in London die Bürgermeisterwahl ansteht.
OB Ken Livingstone (l.) und Herausforderer Boris Johnson Fotos: dpa/AFP
OB Ken Livingstone (l.) und Herausforderer Boris Johnson Fotos: dpa/AFP

Der OB-Posten ist das bedeutendste Direktmandat im Lande und eines der größten in Europa. Nur bei den Präsidentenwahlen in Frankreich und Portugal, betonen britische Medien gern, stünde mehr auf dem Spiel. Dabei ist die Zuständigkeit des Londoner Bürgermeisters auf Verkehr, Stadtplanung und Polizeiarbeit beschränkt. Allerdings besitzt die Wahl viel Symbolik.

Obwohl er selbst in London nicht zur Wahl steht, ist sie der erste Wählertest für Labour-Premier Gordon Brown seit seinem Amtsantritt im Juni 2007. Der Termin fällt in eine Phase, in der er sich im Popularitätstief befindet und wegen einer Kombination aus Führungsschwäche und Liebedienerei gegenüber dem Großkapital Gegner in der eigenen Partei geschaffen hat. Außerdem werden die Wirtschaftsprognosen täglich trüber. Am Vorabend der Wahl besteht erstmals seit Wiedereinführung des Bürgermeisteramts 2000 die Chance, dass nicht die in London üblich starke Labour Party mit Amtsinhaber Ken Livingstone (62), sondern die Konservativen (Torys) das Rennen ums Rathaus machen.

»Es ist ein Stellvertreterkrieg«, erklärt Tony Travers, Direktor an der London School of Economics. »Falls Livingstone verliert, werden die Konservativen zu Labour sagen: ›Seht nur, ihr könnt nicht mal die Mehrheit in der Hauptstadt sichern! Ihr seid auch landesweit zum Scheitern verurteilt.‹ Gewinnt Livingstone, tönt Labour: ›So viel zum Comeback der Torys!‹«

Ken Livingstone, seit 2000 im Amt, 2004 unangefochten wiedergewählt, vom linken Labour-Flügel kommend und wegen seiner Schlachten als Führer des Stadtrats von Groß-London gegen die einstige Premierministerin Thatcher als »Roter Ken« bekannt, sieht sich im Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Tory-Kandidaten. Eine Mehrheit der Hauptstädter bescheinigt Livingstone zwar eine gute Bilanz. Er half die Olympischen Spiele 2012 zu holen, zeigte sich nach den schweren Terroranschlägen im Juli 2005 führungsstark und führte mit der Pkw-Maut für die Innenstadt das in seiner Art weltweit ehrgeizigste Umweltschutzvorhaben ein, das den täglichen Autoverkehr im Zentrum um 70 000 Fahrzeuge verringerte. Doch Vorwürfe der Selbstgefälligkeit und der Vetternwirtschaft haben ihn in Bedrängnis und Herausforderer Boris Johnson (43) in aussichtsreiche Position gebracht.

Der flachsblonde Tory-Unterhausabgeordnete mit Beatles-Frisur ist Absolvent von Eton und Oxford und Oberklassenkauz sondergleichen. Er will die ausgemusterten roten Doppeldeckerbusse mit offener Plattform wieder einführen, spricht über Einwanderer und deren Nachkommen als »die Eingeborenen mit dem Wassermelonenlächeln«. Seine Gabe zum Kasper wird nur von seiner Fähigkeit zur Selbstironie übertroffen, die ihm erhebliche Popularität und dem Wahlkampf große Spannung verschafft hat. In den letzten Wochen soll sein Lager eine Million Pfund Spenden gesammelt haben.

Hinter der Fassade verschiedener Naturelle geht es um politische Unterschiede. »Eine Niederlage für Livingstone«, kommentierte der »Guardian«, »wäre nicht bloß ein Rückschlag für die britische Linke, für die Londoner Arbeiterklasse, für Frauen, ethnische Minderheiten und Grüne. Sie wäre eine Niederlage für fortschrittliche Politik insgesamt.«

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