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Onkel Emma kommt in Hamburg an

Kollektiv geführter Bioladen will gesunde Produkte erschwinglich machen

Gemeinsam für gesunde und erschwingliche Produkte: Zwei Frauen und drei Männer haben in Hamburg die »Warenwirtschaft« eröffnet, einen kollektiv geführten Bioladen. Über das Modell, das sich an Vorbildern in Berlin und Marburg orientiert, spricht ND-Autor ART KOHR mit MICHAEL REULECKE (35) vom Leitungskollektiv.
Die Genossenschaftler Florian Froetscher, Berit Reimer und Michael Reulecke (v.li.)
Die Genossenschaftler Florian Froetscher, Berit Reimer und Michael Reulecke (v.li.)

ND: Ist in Hamburg neuerdings der Sozialismus ausgebrochen?

MICHAEL REULECKE: So würde ich das nicht sagen. Wir orientieren uns am Gedanken der Food-Coops, die, oft aus Wohnprojekten heraus, versucht haben, über den Großhandel gemeinsam günstiger an Naturkostprodukte heranzukommen. Die Grundidee haben wir in Form einer Dienstleistung umgesetzt.

Und damit professionalisiert?

Richtig. Die Form des Kollektivs, die ein bisschen nach Sozialismus klingt, haben wir aus praktischen Gründen gewählt: Gleichberechtigt miteinander zu arbeiten ist das Angenehmste. Alle Entscheidungen werden im Konsens getroffen, niemand darf überstimmt werden.

Wie funktioniert die Warenwirtschaft?

Wir sind ein Mitgliederladen, Monatsbeitrag 19 Euro, dazu einmalig beim Einstieg ein zinsloses Darlehen von 50 Euro, das nach Austritt zurückerstattet wird. Im Gegenzug kaufen Mitglieder zu Preisen, die bis 30 Prozent unter den woanders üblichen liegen. Die Mitgliederpreise berechnen sich aus Einkaufspreis beim Großhändler plus Mehrwertsteuer sowie einer Schwundpauschale, die Diebstahl und Verfall der Produkte berücksichtigt. Uns sind auch Nichtmitglieder willkommen, dafür werden unsere Waren jeweils mit zwei Preisen ausgezeichnet. So kriegen Mitglieder einen Liter frische Vollmilch für 1,17 Euro, Nichtmitglieder zahlen 1,25 Euro; Sanddornnachtcreme »Tautropfen« kostet 13,19 bzw. 19,50 Euro.

Subventionieren demnach die Kunden, die keine Mitglieder sind, die Einkäufe Ihrer Mitglieder?

Nein! Die »Warenwirtschaft« ist so kalkuliert, dass wir Miete und Lohnkosten aus den Beiträgen abdecken können, wenn wir 600 Mitglieder haben. Nach der Rechnung können wir die Produkte zu Einkaufspreisen abgeben und sind nicht auf Umsatz angewiesen. Seit zweieinhalb Monaten haben wir offen und sind bei knapp 200 Mitgliedern. Wir sind optimistisch, dass wir in anderthalb Jahren 600 Mitglieder gewinnen werden.

Welche Mitspracherechte haben Ihre Mitglieder?

Sie geben uns Hinweise und äußern Wünsche, die das Angebot betreffen. Sie dürfen uns auch kritisieren, solange das nett formuliert ist, oder natürlich auch beschimpfen (lacht), falls das gerechtfertigt ist. Entscheidungen trifft das Kollektiv der »Warenwirtschaft«.

Ihre Produktpalette?

Nach Möglichkeit alles für den Tagesbedarf. Aber wir führen keinen Tabak. Wir wollen das Rauchen nicht unterstützen, die Freiheit nehmen wir uns.

Sie haben ein Café eingerichtet und eine Außenterrasse.

Wir möchten, dass sich die Leute wohlfühlen. Gleichzeitig bieten wir im Café Produkte aus dem Laden zum Probieren an. Lecker ist Lassie aus Joghurtmilch und Mango.

Das Leitungskollektiv kommt gar nicht aus der Öko-Ecke.

Ich bin Tischler, habe aber lange im Marburger Kollektivcafé »Roter Stern« gearbeitet. Wir alle sind jedoch bereits früh mit Bioprodukten in Berührung gekommen und haben zum Teil in Marburg ein ähnliches Ladenmodell mit aufgebaut. Dort heißt das »Onkel Emma«. Wir haben uns gewundert, dass es in Hamburg noch keinen Mitgliederladen gab. In Berlin sind die LPG's ganz groß geworden, mit mehreren Biotempeln. Auch in Kiel und Bremen haben Leute das Kollektivprinzip in die Praxis umgesetzt.

Warum hat in Hamburg das vor Ihnen noch niemand versucht?

Vielleicht, weil früher hier die Food-Coops dominierten, das waren über 70 Kollektive. Allerdings hatten die sich auf ehrenamtlicher Basis organisiert, und das war regelmäßig der Schwachpunkt. Manche Menschen tun eben viel, manche wenig, und deswegen sind die Food-Coops zwischenzeitig mehr oder weniger eingeschlafen.

Ist Ihr Laden eine Reaktion darauf, dass wirtschaftlicher Druck die Menschen zwingt, nach unkonventionellen Auswegen zu suchen?

Klar. Aber wir wollen nicht vorgaukeln, dass wir Bio für alle bezahlbar machen. Bio kannst du dir leider nur mit einem gewissen Einkommen leisten. Die Qualität der Produkte ist relativ hoch, und die hat ihren Preis.

Supermärkte setzen zunehmend auf Bio-Lebensmittel. Macht das die Naturkostläden kaputt?

Die Gefahr besteht. Bioprodukte in Supermärkten haben zwar einerseits den Vorteil, dass Bio wirklich günstiger wird. Allerdings genügt das Bio-Angebot im Supermarkt eher einem niedrigen Level, was den Qualitätsstandard betrifft, trotzdem leiden normale kleine Bioläden, weil die mit den Preisen im Supermarkt nicht mithalten können. Insofern sind wir durch unser Mitgliederkonzept viel besser aufgestellt.

Sie haben betont, dass Ihre »Warenwirtschaft« nicht den Sozialismus einläutet. Immerhin demonstrieren Sie, welches Potenzial im Kollektivgedanken steckt.

Wir wollen niemanden missionieren, aber im Endeffekt ist das unser Versuch, auch politische Wirkungen zu erzielen. Indem wir zeigen: Ihr könnt, wenn Ihr Euch mit anderen zusammentut, gleichberechtigt zusammenarbeiten. Es muss nicht alles von oben herab bestimmt werden.

»Warenwirtschaft«, Hamburg-Ottensen, Große Brunnenstraße 141; Geöffnet: Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag 9 - 19 Uhr, Mittwoch 12 - 19 Uhr, Sonnabend 9 - 14 Uhr; Tel.: (040) 636 757 34; weitere Infos: www.warenwirtschaften.de; LPG's in Berlin: www.lpg-naturkost.de

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