Trübe Stimmung nach Metall-Tarifabschluss

Gespaltene Reaktionen auf Sindelfinger Einigung / Gewerkschaftsinterne Diskussionen erwartet

  • Von Barbara Martin, Stuttgart
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Stimmung ist gedämpft bei der IG Metall. Nach dem Tarifabschluss mit 4,2 Prozent Lohnerhöhung binnen 18 Monate ist den Metallern nicht nach Jubel zumute.

Mit der Forderung nach acht Prozent für 12 Monate war man ge-startet – und nun das. »Die Reaktion unserer Mitglieder ist sehr gespalten«, berichtet der Bevollmächtigte der IG Metall Esslingen, Sieghard Bender. »Das reicht von großem Unmut bis hin zu, ›Na ja, dann ist es halt so‹.« Er und seine Kollegen werden nun die Betriebe abklappern, um den Abschluss zu erklären. Dass die Große Tarifkommission bei ihrer Sitzung am 20. November den Abschluss ablehnen wird, glaubt er nicht: »Wir sind ja nicht die hessische SPD.«

Kampfbasis oder nicht?

In der vierten Verhandlungsrunde hatten die Tarifparteien fast 23 Stunden verhandelt. Nun gibt es in zwei Stufen je 2,1 Prozent Erhöhung, wobei die zweite Rate bis Ende 2009 hinausgezögert werden kann. Dazu kommt noch in diesem Jahr eine Einmalzahlung von 510 Euro. In den vergangenen Wochen hatte die IG Metall bundesweit mehr als 550 000 Teilnehmer bei Warnstreiks gezählt, damit Kampfkraft signalisiert. Ohne diese Aktionen, so ihr Vorsitzender Berthold Huber, hätte es die 4,2 Prozent nicht gegeben.

Dennoch ist die Enttäuschung bei vielen Mitgliedern groß. Nicht zuletzt, weil Huber noch wenige Tage vor der letzten Verhandlungsrunde in der Bild-Zeitung verkündet hatte: »Wir brauchen satte Einkommenszuwächse.« Das sei ja weiterhin richtig, sagt Uwe Meinhardt, Vize-Chef der IG Metall Stuttgart, zu der die großen Mercedes-Werke Sindelfingen und Mettingen gehören. Meinhardt: »Auch unsere Begründung für die acht Prozent stimmt noch. Wir wollen die Gerechtigkeitslücke schließen. Aber angesichts zunehmender Kurzarbeit und Produktionspausen in der Automobilindustrie ist es schwierig, durch Streik ökonomischen Druck auszuüben. Und die Automobilindustrie ist traditionell die Kampfbasis.«

An diesem Punkt könnte sich eine innergewerkschaftliche Diskussion entzünden. Denn besonderen Druck habe man auch in Arbeitskämpfen vergangener Jahre nicht in den großen Automobilfabriken aufgebaut, meint sein Esslinger Kollege Bender. Diese Firmen seien schließlich gar nicht mehr in längerfristige Arbeitsniederlegungen genommen worden. »Es ist falsch, dass sich die IG Metall fast nur noch auf diese Branche stützt. Schließlich sind auch mittlere Betriebe im Maschinen- und Anlagebau in der Lage zu kämpfen.« Eine interne Diskussion sei dringend notwendig.

Entlassungen drohen

Während es innerhalb der größten Einzelgewerkschaft der Welt in den nächsten Tagen mehr oder weniger stark grummeln wird, ist der Rest der Republik offenbar mit dem Abschluss zufrieden. Bis auf wenige Ausnahmen loben die Zeitungen die Tarifparteien für ihr »Augenmaß« und ihre »Vernunft«, der Abschluss sei »verantwortungsvoll« und zeige, dass die Tarifautonomie funktioniere. Hagen Lesch vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln lässt sich in der Süddeutschen zitieren: Von der Gesamtbelastung her passe der Abschluss. Einer der wenigen Kritiker ist der ultra-wirtschaftsliberale Hans-Werner Sinn vom Münchner Ifo-Institut: »Höhere Löhne sind das sicherste Mittel, die Binnennachfrage wieder kaputt zu machen.«

Das kommende Jahr wird zeigen, wie stark die nun offiziell verkündete Rezession werden wird. Der Verhandlungsführer des baden-württembergischen Arbeitgeberverbandes Südwestmetall, Jan Stefan Roell, hat nach dem Tarif-abschluss am Dienstag schon mal angedeutet: »Ich weiß nicht, ob wir es schaffen, die in den vergangenen Jahren aufgebauten neuen Arbeitsplätze zu halten.«

So wird die Öffentlichkeit eingestimmt auf Entlassungen. Ob die ausblieben, wenn die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie demnächst keine Lohnerhöhung bekämen, darf wohl bezweifelt werden. »Auch bei einer Nullrunde würde Mercedes kein Auto zusätzlich verkaufen«, sagt der Stuttgarter IG-Metall-Funktionär Meinhardt. Er geht offenbar von extrem schwierigen Zeiten aus: »Ich befürchte, dass sich im nächsten Jahr die tatsächliche Wertigkeit der 4,2 Prozent herausstellen wird.«

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