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Steigender Ölpreis gibt Rätsel auf

Geringe Nachfrage und hohe Lagerbestände / Spekulation an den Märkten

  • Von Gabriel Rath, London
  • Lesedauer: 3 Min.
Der steigende Ölpreis könnte darauf hindeuten, dass die Krise allmählich ihrem Ende entgegengeht. Doch den Preis treiben auch Spekulationen in die Höhe. Manche Experten halten die Wirtschaftsaussichten weiterhin für schlecht.

Das Gesetz von Angebot und Nachfrage scheint der Ölpreis außer Kraft zu setzen: Trotz weltweiter Rezession und Rekord-Lagerbeständen steigt der Preis für das »schwarze Gold« stetig und hat am Freitag die Marke von 70 Dollar pro Barrel (159 Liter) gerissen. Somit kostet der Rohstoff mehr als doppelt so viel wie vor einem halben Jahr. Allein im Mai stieg der Ölpreis um 30 Prozent. Die Rekordmarke von 147 Dollar hatte er im Juni 2008 erreicht.

Für diese Entwicklung machen Experten mehrere Faktoren verantwortlich: starke Nachfrage aus China und Indien, eine strikt eingehaltene Produktionsdrosselung der OPEC- und anderer führender Öl-Staaten, den schwachen Dollar, der traditionell den Ölpreis nach oben treibt, sowie erste Anzeichen eines Erreichens der Rezessions-Talsohle in den USA.

»Es scheint, dass sich die Bedingungen auf den Finanzmärkten deutlich verbessern«, meint Paul Dales von der Research-Firma Capital Economics. Und spricht damit für zahlreiche Marktbeobachter, die sich fast verzweifelt an jedes Anzeichen des vielbeschworenen »grünen Triebs« der Erholung klammern.

Den scharfen Preisanstieg befeuerte zuletzt auch eine Einschätzung von Goldman Sachs. Die Investmentbank rechnet damit, dass der Ölpreis bis Ende 2010 auf bis zu 95 Dollar steigen wird. Andere freilich widersprechen: »Es ist schwierig, in den realen Daten irgendetwas zu entdecken, das diese Einschätzung unterstützt«, sagt Michael Lynch von Strategic Energy & Economic Research. Andere drücken es noch drastischer aus: »Der Markt stürzt sich auf ein paar Krumen guter Nachrichten und ignoriert die Fundamentaldaten zu Angebot und Nachfrage«, sagt Victor Shum von der Beratungsfirma Purvin & Gertz.

Diese unterstützen kaum einen scharfen und fortgesetzten Anstieg des Ölpreises: In den USA ist die Nachfrage auf dem niedrigsten Niveau seit elf Jahren und die zuständige US-Behörde sagt für die Welt 2009 mit 83,67 Millionen Barrel pro Tag den geringsten Verbrauch seit fünf Jahren voraus. Gleichzeitig befinden sich die Lagerbestände auf dem höchsten Stand seit 21 Jahren. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur bleibt der Trend bestehen.

Dafür, dass die Preise dennoch steigen, machen einige Beobachter nun wieder Spekulanten wie Hedge-Fonds verantwortlich, die heute Öl in der Erwartung kaufen, dass es zu einem vereinbarten späteren Termin wesentlich teurer sein wird. Da sie den Kaufpreis zu einem großen Teil mit geborgtem Geld stemmen, winkt trotz der Lagergebühren eine üppige Rendite. Vorausgesetzt aber, die Ölpreise steigen wirklich stark an.

Manche sehen hier bereits die nächste Spekulationsblase, ähnlich wie in den vergangenen Jahren am amerikanischen und britischen Immobilienmarkt, entstehen. »Die Bewegung allein wird zu einer Rechtfertigung zu kaufen«, ungeachtet der Fundamentaldaten, sagt Stephen Schork, Herausgeber eines Energie-Newsletters. Andere jedoch halten diese Art von Geschäften nicht für preisbestimmend, dafür sei ihr Volumen schlicht zu unbedeutend. »Auf lange Frist betrachtet verstärken Hedge-Fonds vielleicht Auf- oder Abwärtsbewegungen, aber sie lösen sie nicht aus«, sagt Stephen Roach von Morgan Stanley Asia. Sein Kollege Hussein Allidina ergänzt: »Im Nebel der gegenwärtigen wirtschaftlichen Ungewissheit scheinen Rohstoffe für viele eine der wenigen sicheren Anlageformen.«

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